Berlinale-Filmkritik | "Domangchin yeoja" - Federleichtes, doppelbödiges Meisterstück

Eine Frau trifft drei andere. Hong Sangsoo garniert die Begegnungen mit meisterhaften Wiederholungen, Variationen und Untertönen. Und er beschert dem Wettbewerb mit einer Katzenszene einen humoristischen Höhepunkt. Von Fabian Wallmeier

Hühner eröffnen den neuen Film von Hong Sangsoo. Youngsoo (Seo Younghwa) ist etwas außerhalb von Seoul gezogen, sie hat sich mit dem Geld von ihrer Scheidung und einem Darlehen dort ein Haus gekauft. Ihre Tage sind nun bestimmt vom sehr lauten Krähen des Hahnes der Nachbarn und den Grillkünsten ihrer Mitbewohnerin. Unangekündigt steht Youngsoos alte Jugendfreundin Gamhee vor der Tür. "Du siehst aus wie ein durchgedrehtes College-Mädchen", kommentiert sie Gamhees Frisur. Sie sagt das im Spaß, aber hinter dem Spaß liegt möglicherweise eine Beleidigung.

Gamhee ist die eigentliche Hauptfigur des Films, sie trifft nach Youngsoo noch zwei weitere Frauen zu langen Gesprächen. Hongs häufige Hauptdarstellerin Kim Minhee, die Gewinnerin des Silbernen Bären 2017 für Hongs "On the Beach at Night Alone", spielt diese Gamhee großartig subtil, mit immer leicht spöttischem zuckenden Mundwinkeln unter dem freundlich-offenen Blick.

Drei Filmteile, mit Wiederholungen und Variationen

Der südkoreanische Festival-Liebling Hong Sangsoo arbeitet und spielt wie kein zweiter zeitgenössischer Regisseur mit Wiederholungen und Variationen. "Right Now, Wrong Then" etwa beginnt nach der Hälfte plötzlich noch einmal von vorn - und zunächst sind nur in Nuancen die Unterschiede erkennbar.

Auch in "Domangchin yeoja" (The woman who ran) macht er von diesem Markenzeichen Gebrauch, wenn auch weniger radikal und spielerischer als in früheren Filmen.

Die drei Frauen, die Gamhee trifft, bestimmen die Struktur des Films - zwei alte Freundinnen und eine Frau, die ihr vor Jahren den Mann ausgespannt hat. Einige Themen und Motive tauchen in allen drei Teilen des Films auf - in den Hong-typischen Variationen. In allen drei Teilen wird gegessen - und in allen drei Teilen entschuldigt sich die Frau, die das Essen zubereitet, bei der anderen dafür.

Gamhee berichtet außerdem allen drei Frauen von ihrer Beziehung zu ihrem Mann, der gerade auf Geschäftsreise ist. Die Erzählung wird mit jedem Mal weniger euphorisch. Seit fünf Jahren seien sie bis jetzt keinen einzigen Tag getrennt gewesen. Was dann folgt, wird von Filmteil zu Filmteil verhaltener. Im ersten ist es noch eine begeisterte Liebeserklärung, im dritten allenfalls ein zögerlicher Rest davon.

"Aber Katzen sind auch wichtig"

Männer sind im Film nur Randfiguren. Es wird vor allem genervt über sie geredet, über Männer aus künstlerischen Berufen, die immer zu viel reden. In jedem der drei Teile taucht ein anderer Mann auch in persona auf - aber immer ist der jeweilige Mann fast durchgängig nur von hinten zu sehen. Wie die Frau auf ihn reagiert und was sie sagt, ist das Entscheidende - nicht die Wünsche des Mannes.

Im ersten Teil entspannt sich beim Auftreten des Mannes die bislang lustigste Szene des Festivals, für sie gab es in der Pressevorführung am Dienstagmorgen Szenenapplaus.

Ein Nachbar klingelt an der Tür. Er lässt ausrichten, dass seine Frau sich wünsche, dass Youngsoo und ihre Mitbewohnerin nicht mehr die "Räuberkatze" füttern, die in der Nachbarschaft herumstreunt und seiner Frau Angst mache. Wie kühl Mitbewohnerin Youngji (Lee Eunmi) hier jeden unterwürfigen Versuch des Mannes mit freundlich vorgetragener Bestimmtheit abschmettert, ist ein Lehrstück in passiv-aggressiver, absurder Nicht-Kommunikation. "Es ist wichtig, dass die Katze zu Essen bekommt." - "Aber Menschen sind wichtiger." - "Aber Katzen sind auch wichtig." - Minutenlang geht das so, später mit Unterstützung von Youngsoo und Gamhee - und endet mit einem perfekten Zoom auf die triumphierende Katze.

Hinter der Szene steht, was Hongs Filme immer entscheidend mitprägt: Die heitere Oberfläche des Gesagten verdeckt das Ungemütlichere des Nicht-Gesagten und lässt es zwischen den Zeilen doch durchschimmern. In anderen Szenen hat das einen weniger komischen Effekt als hier. Da trifft die passiv-aggressive Art, wie kommuniziert wird, pfeilspitz ins Mark des Gegenüber - ohne dass sich wirklich festnageln ließe, wie geschickt man gerade beleidigt worden ist.

Federleicht und doppelbödig

Hong hat nach einer langen Phase größter Produktivität, mit mindestens einem neuen Film pro Jahr, vor diesem neuen Film eine vergleichsweise lange Pause gemacht. Die ausgesprochen düstere Tonlage, die den letzten Film vor der Pause, "Hotel by the River" (2018), kennzeichnete, weicht jetzt wieder einer leichteren Gangart - zumindest an der Oberfläche. Denn darunter bleiben viele offene Fragen, lässt er die Zuschauenden bewusst mit Rätseln zurück, für deren Lösung er nur eine Andeutung gibt: Wer ist nun eigentlich die titelgebende "woman who ran"? Wie stehen die Frauen wirklich zueinander? Welche Bedeutung hat das Verhältnis von Zentrum und Stadtrand?

Um das und vieles andere zu enträtseln oder sich genau anzuschauen, wie Hong hier Fährten legt und Spuren verwischt, müsste man sich den Film ein zweites Mal ansehen. Vom ersten Sehen und einem erstem, wegen des Festivalzeitplans nur zügigem Durchdenken bleibt zurück: "The Woman Who Ran" ist ein hochintelligentes, federleichtes, doppelbödiges und sehr lustiges Meisterstück. Hong mag sich damit nach der Schaffenspause nicht neu erfinden, aber solange er auf so hohem Niveau an frühere Großtaten anknüpft, ist daran rein gar nichts auszusetzen.

Fazit: Der bisherige Höhepunkt des Wettbewerbs. Hong Sangsoos "Domangchin Yeoja" bietet federleichte Komik, eine Vielzahl von Rätseln - und eine ausgesprochen witzige absurde Szene, in der ein passiv-aggressiver Streit um eine Katze ausgetragen wird.

Trailer

Sendung: Berlinale Studio, 25.02.2020, 22.00 Uhr

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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