Berlinale-Filmkritik | "Effacer l'historique" - Drei Franzosen im Kampf gegen die Tücken des Internets

Schwer gebeutelt von digitalen Tücken, kämpfen Marie, Christine und Bertrand gegen Facebook und Co. Vor allem Marie muss leiden, wird sie doch von einem Sexgangster erpresst. Eine bitterböse Social-Media-Satire, findet Carsten Beyer - doch wenig nachhaltig.

Eine Provinzstadt irgendwo im Norden Frankreichs, Reihenhäuser wie aus dem Katalog, und darin Menschen, die gegen die Tücken des digitalen Alltags kämpfen.

Erpresst, arbeitslos, verzweifelt

Die arbeitslose Marie (Blanche Gardin) wird von einem Sexgangster erpresst, der ein kompromittierendes Video mit ihr aufgenommen hat und droht, es im Netz hochzuladen.

Ihre Nachbarin Christine (Corinne Masiero) ist ein TV-Serienjunkie, hat durch die Sucht ihren Job in einem Atomkraftwerk verloren und kämpft nun als Uber-Fahrerin gegen schlechte Bewertungen.

Und dann ist da noch Bertrand (Denis Polyadès), alleinerziehender Vater einer halbwüchsigen Tochter, der gegen Cybermobbing an der Schule kämpft und sich nebenbei in die Telefonstimme eines Gartenmöbelanbieters aus Mauritius verliebt.

Gnadenlose Social-Media-Satire

"Effacer l’historique" - den Verlauf löschen, das bezieht sich auf unser Verhalten im Internet. Es ist der fromme Wunsch, den Geist, den man losgelassen hat, wieder in die Flasche zu stopfen. Das trifft auch auf die drei Hauptfiguren dieser gnadenlosen Social Media-Satire zu.

Als ehemalige Aktivisten der Gelbwesten wissen sie natürlich, was zu tun ist: Sie tun sich zusammen und beschließen, den Kampf aufzunehmen. Das Video muss gelöscht werden, das Mobbing gegen Bertrands Tochter muss aufhören, und Christine braucht endlich ein paar anständige Bewertungen für ihr Uber-Taxi. Doch multinationale Konzerne lassen sich nicht so einfach durch blockierte Straßenkreuzungen aufhalten, und so macht sich Marie schließlich auf nach Kalifornien, wo sie die Wurzel allen Übels vermutet.

"Wir wollten einen Film darüber, dass es sich immer lohnt zu kämpfen", sagt Corinne Masiero in der Pressekonferenz und hebt kämpferisch die Faust. Dazu trägt sie eine Gelbweste aus Kaschmir-Wolle.

Böser Humor

Das französische Regie-Duo Benoît Delépine und Gustave Kervern ist auch in seinem mittlerweile dritten Film im Berlinale-Wettbewerb seinem bösen und anarchischen Humor treu geblieben: Gott ist bei ihnen ein Hacker, der sich in der Turbine eines Windrads versteckt, um von dort Ökostrom auf sein Bitcoin-Konto umzuleiten.

Wir lernen einen Arbeitslosen kennen, der es mit gefälschten Bescheinigungen zu einem sorgenfreien Leben gebracht hat, inklusive Haushaltshilfe und Kindergeld für 35 Kinder - und wir sind dabei, wie Bertrand von einem geschlossenen Postamt zum nächsten hechelt - immer in der Hoffnung, Facebook würde auf den Beschwerdebrief reagieren, den er dem Unternehmen und dessen Chef Mark "Superberg" persönlich geschickt hat.

Erprobte Komödianten

Die drei Hauptdarsteller Blanche Gardin, Corinne Masiero und Denis Podalydés sind allesamt erprobte Komödianten. Sie machen ihre Sache gut, doch allzu große Tiefe wird ihnen vom Drehbuch nicht abverlangt. Zu schnell wechselt die Szenerie, zu selten gibt es die Chance, Profil zu zeigen.

Zudem lieben Delépine und Kervern ungewöhnliche Kameraperspektiven: mal sehen wir die Darsteller von vorne, mal von hinten, mal in der Ferne und mal ganz nah. Das gilt auch für die prominenten Nebendarsteller. Michelle Houellebecq spielt beispielsweise einen suizidalen Autokäufer, Bouli Lanners und Yolande Moreau sind mit dabei, und auch die beiden Regisseure haben sich in kurzen Szenen vor die Kamera getraut. Das ergibt ein amüsantes Suchspiel, aber nicht unbedingt eine schlüssige Dramaturgie.

Abgehängte der Moderne

Man könnte Marie, Bertrand und Christine als Abgehängte der Moderne bezeichnen, doch im Grunde sind sie ganz normale Menschen, denen einfach nur die digitale Welt über den Kopf gewachsen ist. Und wenn Marie am Ende vor einem riesigen Hochleistungsspeicher in Kalifornien steht und aufgeregt schreit "Ich will meine Muschi zurück", spätestens dann beginnt man nachzudenken, wie man eigentlich selbst mit seinen Daten umgeht. Dennoch haben Delépine und Kervern die Chance vertan, einen wirklich  beeindruckenden Film über die Gefahren des Internets zu machen.

Fazit: In dem Bemühen, immer neue Gags aufeinanderzuhäufen, geht die klare Linie der Geschichte mehr und mehr verloren. Am Ende wirkt "Effacer l’historique" weniger wie ein Film denn wie eine satirische Nummernrevue. Lustig ja, nachhaltig nein.

Trailer

Sendung: Berlinale Studio, 24.02.2020, 22.00 Uhr

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Beitrag von Carsten Beyer

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