Audio: Inforadio | 22.02.2020 | Jakob Bauer

Berlinale-Filmkritik | "El Prófugo" - Die Eindringlinge verharren im Trockensex

Mit einem "Psycho-Sex-Thriller" hat am Freitag der Berlinale-Wettbewerb begonnen. In "El Profugo/The Intruder" von der argentinischen Regisseurin Natalia Meta hat Jakob Bauer allerdings nur wenig Psycho, Sex oder Thriller entdecken können.

Stimmen umgeben uns fast immer. Wie ein Mensch spricht, das kann beeindruckend oder einschüchternd, beruhigend oder aufputschend, liebevoll oder sexy sein. Und dieses Repertoire an Stimmfarben muss auch Inés (Érica Rivas) beherrschen. Sie ist Synchronsprecherin und Sängerin und lebt in Buenos Aires.

Liiert ist sie mit Leopoldo, einem zur Unerträglichkeit von sich selbst eingenommenen Geck, überzeugend widerlich dargestellt von Daniel Hendler. Warum sich Inés auf ihn einlässt, ist eigentlich ziemlich unklar, aber auch relativ schnell egal, weil der nach einem Streit vom Hotelbalkon fällt? Springt? Gestoßen wird? Auch unklar, auf jeden Fall verliert Inés ab diesem Moment die Kontrolle über ihre Stimme und langsam aber sicher auch immer mehr über die gesamte Wahrnehmung der Realität.

Starke Grundidee - wenig daraus gemacht

Ein Mensch verliert nach traumatischem Erlebnis die Kontrolle über seine Psyche - das ist ein altes Motiv. Und wenn man damit etwas Neues erzählen will, braucht es eine zündende Idee. Und die hat "The Intruder" mit dem Thema der Stimme. Das schreit geradezu nach kreativen Hochsprüngen, aber der Film kommt dann leider doch eher behäbig daher. Es gibt sie, die Momente, die mehr versprechen - wenn sich Unterwassertonaufnahmen mit elektronischen Brummelklängen vereinen. Oder wenn auf Inés‘ Stimme plötzlich seltsame Geräusche auftauchen. Aber langfristig fehlt die Eindringlichkeit, es bleibt bei ästhetischen Spielereien. Es fehlt der Mut, der starken Grundidee des Films auch formal mehr Raum zu geben.

Kaum Sex, kaum Thrill

Und das ist deswegen ein Problem, weil "The Intruder" auch als angekündigter "Psycho-Sex-Thriller" nicht so recht in die Gänge kommt. Die sexuelle Komponente wirkt bemüht. Die Eindringlinge, die in Inés‘ Psyche und Körper wollen, manifestieren sich als wenig bildstarke Ausbeulungen unter ihrer Bettdecke, die in Richtung ihres Schambereichs kriechen. Oder auch als vermeintlich echte Menschen, wie der Orgelstimmer Alberto, der sich sehr einfühlsam, aber wenig erotisch an Inés herangräbt. Auch die unbedingte Dringlichkeit eines packenden Thrillers fehlt "The Intruder" gerade zum Ende hin. Wendungen sind vorhersehbar, flirrende Intensität wird beim angestrebten großen Finale nicht erreicht.

An den Schauspielern liegt das nicht. Vor allem Nahuel Pérez Biscayart als Orgelstimmer Alberto und Affäre von Inés ist von seinem ersten Auftritt an eine Wohltat, gerade im Kontrast zum Kotzbrocken Leopoldo. Als er bei einem Fest auf Inés trifft, führt Alberto einen schön-schiefen Tanz auf, mit unkonventionellen Bewegungen, mit zartem Lächeln und einnehmenden Schlafzimmeraugen und gewinnt damit sowohl die Zuschauer als auch Inés für sich.

Für eine bärenwürdige Performance fehlt allerdings die Zeit. Seine Rolle richtig ausspielen kann oder darf nämlich eigentlich keiner der Charaktere, nicht einmal Érica Rivas als Inés. Grundsätzlich macht auch die ihre Sache super: Urkomisch die Szene, in der Kotzbrocken Leopoldo Inés fragt, ob sie ihn liebe, und diese immer wieder mit einem schmerzhaft gequälten Lachen reagiert. Und auch die Angst und Unsicherheit stellt sie durchgehend überzeugend da. Allerdings, und das ist wahrscheinlich eher der Regie als der Schauspielerin anzukreiden, ohne große Entwicklung, obwohl sich die Ereignisse überschlagen und ihr Charakter doch nach und nach immer mehr an Bodenhaftung verliert.

Kameraarbeit – sinnlich und mit Hintersinn

Schick ist hingegen die Kameraarbeit. Besonders in Erinnerung bleibt ein Drohnenshot am Anfang des Films. Wenn sich die Kamera vom gerade zu Tode gestürzten Liebhaber löst, in die Luft steigt, über das gewaltige Hotelressort gleitet, über die Wälder von Mexiko schwebt, über Strand und Meer rast und schließlich mit dem Blick auf den Horizont zum Stehen kommt, auf dem der Filmtitel erscheint, dann ist das sinnlich und mit Hintersinn gemacht. In Bildern gedacht wandert die Kamera von der kleinen, nahen Einstellung ins unendlich Weite. Wie auch Inés und ihre Realität sich von diesem Ereignis ausgehend immer schneller und immer heftiger verändern.

Eigentlich auch egal

Wie sich Inés Psyche immer mehr von einer gängigen Realität entfernt, wird allerdings auch die Interpretation des Themas beliebig. Die Eindringlinge könnten für vieles stehen. Für Stress. Für Traumata. Für gesellschaftliche Normen, die sich auf- und eindrängen. Aber wenn so vieles interpretierbar wird dann ist es am Ende eigentlich auch - egal.

Fazit: "The Intruder" ist ein Film mit einer starken Prämisse, mit hohen Schauwerten, ein paar spannenden formalen Ideen, aber auch viel erzählerischem und dramaturgischem Mittelmaß.

Sendung: Inforadio, 21.02.2020, 18:24 Uhr

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Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Jakob Bauer

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