Berlinale-Filmkritik | "Irradiés" (Irradiated) - Brennt die ganze Welt?

Der kambodschanische Regisseur Rithy Panh überlebte den Terror der Roten Khmer - in seinem Wettbewerbsfilm "Irradiés" greift er seine schrecklichen Erfahrungen wieder auf. Doch sein Versuch, das Unsagbare zu zeigen, schlägt fehl. Von Julia Vismann

Rithy Panh überlebte als Jugendlicher die Gräueltaten der Roten Khmer, doch das Terrorregime ermordete fast seine gesamte Familie. Welchem Horror, welchen Erinnerungen der kambodschanische Regisseur bis heute ausgesetzt ist, lässt sich nicht in Worte fassen. 

Mit seinem Film "Irradiated" schafft er Bilder, die den Zuschauerinnen und Zuschauern das Gefühl des zufällig Überlebenden erfahrbar machen sollen. Dabei bleibt er nicht bei seiner eigenen Erfahrung, sondern vergleicht diese mit der von Überlebenden anderer Genozide. 

Bilder aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, von verstrahlten Opfern der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki, von Soldaten in den Schützengräben von Verdun und von den Killing Fields in Kambodscha montiert er aneinander, als wären all das vergleichbar.

Die Bilder der Gräueltaten als Triptychon arrangiert

In einem Triptychon montiert er Archivbilder von Leichenbergen im Konzentrationslager nebeneinander. Das einzelne Bild wird verdreifacht, der Nahaufnahme in das Gesicht der Toten kann man nicht entrinnen. Ein Blick zur Seite und man schaut in dasselbe Gesicht, auch auf dem dritten Bild sehen einen dieselben toten Augen an. Es gibt kein Entkommen, die Wirkung wird durch die Dreiteilung verstärkt. Rithy Panh will offensichtlich, dass die Zuschauer hinsehen und fühlen, was mit ihnen passiert beim Anblick der menschengemachten Gräueltaten. 

Bei mir erzeugen diese Szenen Scham und den Wunsch die Augen zu verschließen. Also genau das Gegenteil von dem, was Panh offensichtlich beabsichtigt. Immer wieder gibt es Parallelmontagen, als würden die Bilder der unterschiedlichen Genozide sich aufeinander beziehen: Da sind Kinder, denen nach dem Atombombenangriff in Japan die Haare ausfallen. Danach Berge von abgeschnittenen Haaren in einem Konzentrationslager.

Abstraktion durch Kabuki-Pantomime

Zusammengehalten wird diese fast willkürliche Auswahl durch eine poetische Erzählung von einer Frau und einem Mann aus dem Off, gesprochen von dem Schauspieler André Wilms und der Schauspielerin Rebecca Marder, beide aus Frankreich.

Die Erzähler sind Überlebende des Atombombenangriffs, die darüber sprechen, was es heißt, vom Bösen bestrahlt zu sein. Wilms und Marder treten auch als abstrakte Personen in Erscheinung, weiß geschminkt mit schwarzen Augenhöhlen, in der Tradition des japanischen Kabuki-Pantomime-Theaters. Sie winden sich in den zerstörten Straßenschluchten und den kaputten Landschaften, die der Krieg hinterlassen hat. 

Diese Kombination aus Archivmaterial verbunden mit abstrakten Kabuki-Theaterszenen und künstlerischen Überblendungen von Kriegslandschaften nannte Panh auf der Pressekonferenz eine "Polyphonie".

“Schrei der Hoffnung und des Leidens”

Am Ende nimmt Rithy Panh diesen Erzählstrang wieder auf, in einer Kabuki-Performance versucht ein Mann seine verstrahlte Haut abzustreifen. Es will ihm nicht gelingen. Den Überlebenden ist die Gnade des Vergessens abhanden gekommen. Die Traumata werden von Generation zu Generation weitervererbt. Ist vielleicht die ganze Menschheit davon betroffen?, fragt die Stimme im Film.

In das Bild der zerstörten Landschaft wird das Gesicht einer jungen Frau geblendet, so als würde sie die Landschaft nach der Gewalterfahrung wiederbeleben. Rithy Panh sagt, er hoffe, dass er die Menschen mit seinem Film dazu bringe, nicht zu vergessen. Um zu verhindern, dass sich diese Gräueltaten immer wiederholten. 

Der Film sei ein "Schrei der Hoffnung und des Leidens", erklärte Panh auf der Pressekonferenz. Dass sich Menschen schreckliche Dinge antäten, passiere immer wieder und er erinnerte dabei an den rechtsextremistischen Anschlag in Hanau kurz vor der Berlinale.

Ermutigt durch Auschwitz-Überlebende

Entstanden sei der Film durch Gespräche mit der französischen Filmemacherin, Schauspielerin und Auschwitz-Überlebenden Marceline Loridan-Ivens, die vergangenes Jahr mit 90 Jahren verstorben ist. 

Sie habe Panh ermutigt den Film zu machen. Er verwendet auch Ausschnitte von ihr aus dem Film "Chronik eines Sommers", von dem Soziologen Edgar Morin und dem Filmemacher Jean Rouch. Marceline Loridan-Ivens befragt darin Passanten in Paris ob sie glücklich seien. Panh nimmt diesen Gedanken auf und stellt in seinem Film die Frage, was ihm fehle. Nur das Erinnern könne helfen, wieder Hoffnung zu bekommen, ist seine Antwort. 

Panh wolle die Kraft des Kinos nutzen, um das Unsagbare zu zeigen, sagt er. Zwischen die Archivbilder von Genoziden und Aufnahmen vom Atompilz über Hiroshima, die er ästhetisiert, schneidet der Regisseur immer wieder eine kitschig anmutende, brennende Weltkugel. Dazu stellt er die pathetische Frage, ob die ganze Welt brenne - oder nur wir Menschen innerlich. 

Danach wagt der Film einen Blick ins Universum, wir sehen Bilder vom schwarzen Loch, und ich frage mich: Was soll das?

Fazit: "Irradiated" ist eine willkürliche Aneinanderreihung von Archivbildern von Massenmorden, die zu der gefährlichen Gleichsetzung von Holocaust, den Gräueltaten der Roten Khmer und den Atombombenopfern in Hiroshima führt. Panh zwingt die Zuschauer, sich diesen Bildern auszusetzen, um nicht zu vergessen. Andererseits macht er die Bilder der Gräueltaten durch Abstraktion erträglich. Ein Widerspruch, der dazu führt, dass Panh das Gegenteil erreicht. "Irradiated" ist ein verkitschter Versuch, das Böse im Menschen zu ergründen.

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Beitrag von Julia Vismann

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