Berlinale-Filmkritik | "Le Sel des Larmes" - Er vergießt die Tränen nur um sich

Altmeister Philippe Garrel schickt mit "The Salt of Tears" einen Film in den Wettbewerb der Berlinale, der in vielerlei Hinsicht aus der Zeit gefallen wirkt. Vor allem die frauenfeindliche Grundstimmung kostet einige Nerven. Von Fabian Wallmeier

Philippe Garrels "The Salt of Tears" hat einen Einstieg, wie er französischer und vor allem parisischer kaum sein könnte: Ein hübscher junger Mann, mit einer Reisetasche und in grobkörnigem Schwarz-Weiß eingefangen, kommt aus dem Bahnhof und läuft zur Metro herunter. Später steht er an einer Bushaltestelle und sieht gegenüber eine hübsche Frau. Sie lächeln sich an, er geht herüber, spricht sie an - und eine Liebesgeschichte beginnt.

Doch der Eindruck der ersten paar Minuten gerät bald ins Wanken. "Du bist ein sanfter Typ", sagt Djemila (Oulaya Amamr) beim ersten Date noch zu Luc (Logann Antuofermo). Doch wenig später wird sie feststellen müssen: Allzu sanft ist er nicht. Als sie nicht mit ihm schlafen will, wirft er sie geradezu hinaus.

"Das kannst du mir nicht antun"

Luc kommt zunächst nur zur Aufnahmeprüfung an der Boulle nach Paris, eine renommierte Tischlerschule. Dann kehrt er zurück in sein Heimatdorf und in die Tischlerei seines alten Vaters (André Wilms), wo schon die nächste Frau auf ihn wartet: Seine Jugendliebe Geneviève (Louise Chevillotte) ist zurück - und auch gleich zum Wiedersehens-Sex in der Badewanne bereit. Doch als Luc ein paar Monate später an der Schule in Paris aufgenommen wird und sie ihm am Abend vor seiner Abreise sagt, dass sie schwanger ist, reagiert er mit eiskalter Ablehnung: "Das kannst du mir nicht antun."

Die Zeit, in der der seit Jahrzehnten immer ein kleines Stück unterhalb der Schwelle zur ganz großen Anerkennung arbeitende französische Altmeister Garrel melancholisch-heitere Liebesdramödien gemacht hat, scheint mit diesem Film vorerst vorbei zu sein. Der Protagonist von "The Salt of Tears" ist ein ausgemachtes Arschloch - und die besondere Finesse oder Gemeinheit des Films ist, dass er eine eindeutige Verurteilung dieses Arschlochs verweigert. Man möchte diesen Luc anschreien, wünscht ihm die Pest an den Leib, aber er kommt immer irgendwie durch. Das muss man aushalten können, um diesen Film trotz seiner offenkundig rückständigen Töne zu mögen.

Immer wieder kommen kurze Sprechertexte aus dem Off - sie nehmen teilweise wörtlich vorweg, was gleich passiert oder noch einmal gesagt wird. Das sei natürlich bewusst so gemacht, beteuerte Garrel auf der Pressekonferenz zum Film. Der Informationsvorsprung lenke die Aufmerksamkeit auf die Szene. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Redundanz irritiert so sehr, dass man, anstatt die Szene weiter zu verfolgen, darüber nachdenkt, was diese Redundanz sollte.

Anachronistisches Geschlechterbild

"The Salt of Tears" hat davon abgesehen präzise geschriebene Dialoge, ist gut gespielt und sieht toll aus. Aber etwas anderes überwiegt: Der Film ist so voller frauenfeindlicher, anachronistischer Töne, dass es nicht leicht fällt, das nur damit abzutun, dass hier nun einmal ein frauenfeindlicher, anachronistischer Mann beschrieben wird. Sowohl Djemila als auch Geneviève sind als duldsame, unterwürfige Frauen gekennzeichnet, für die Luc die Erfüllung ihrer Träume bedeutet. Auch dass er später in Paris endlich auf eine Frau trifft, die ihm "ebenbürtig" ist, wie es aus dem Off heißt, macht den unangenehmen Grundton des Films nicht wett. Die "ebenbürtige" Betsy (Souheila Yacoub) zwingt ihn in eine Dreierbeziehung, es sind jetzt nicht mehr allein seine Regeln, die in Liebesfragen gelten. Doch irgendeine Art der Läuterung bleibt aus. Und als Luc am Ende doch das titelgebende Salz der Tränen schmecken muss, fallen die Tränen aus einem ganz anderen Grund - und er vergießt sie nur um sich selbst.

Garrels romantische Schwarz-Weiß-Skizzen wirken auch vom anachronistischen Geschlechterbild abgesehen immer mehr aus der Zeit gefallen. Beim Navigieren durch den Pariser ÖPNV wirkt Luc lieber hilflos, als eine App zu nutzen. Als er sich merken will, wo er Djemila später abholen soll, hat er in der Manteltasche einen Stift griffbereit und schreibt es sich auf die Hand, statt sein Smartphone herauszuholen.

Nomaden brauchen keine Möbel

Auch ansonsten werden Modernitäts-Marker so gut es geht vermieden - und wenn sie doch einmal explizit auftauchen, stellen sie eine Bedrohung dar. Die moderne Zeit der Tablets und Unstetigkeit, konstatiert Lucs Vater einmal sinngemäß, führe dazu, dass sein Geschäft an Bedeutung verliert. "Bald werden alle Nomaden sein und keine Möbel mehr brauchen."

Es ist schon bezeichnend, dass dieser alte Mann so viel moderner wirkt als sein Sohn. Für Garrels nächsten Film bleibt zu hoffen, dass er sich von dieser Modernität ein größeres Stück für den jungen Protagonisten abschneidet.

Fazit: "The Salt of Tears" hat gute Schauspieler und sieht in seinem grobkörnigen Schwarz-Weiß-Paris toll aus. Aber unterm Strich bleibt ein großes Ärgernis: Garrels Film ist so voller frauenfeindlicher Töne, dass er es sehr schwer macht, ihn zu mögen.

Trailer

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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1 Kommentar

  1. 1.

    Dieser Film dürfte nicht mal gedreht werden, geschweige für die Berlinale und dann noch für den Wettbewerb ausgewählt werden. Andere Kollegen von Ihnen bei FAZ, TAZ, Deutschlandfunk sind leider blind. Nach der Premiere des Films war Ihre Rezension für mich dagegen wie Schnapps. Danke dafür!

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