Berlinale-Filmkritik | "Rizi" (Days) - Vielleicht Tsai Ming-Liangs zärtlichster Film

"Days" erzählt fast ohne Dialoge aus dem Leben zweier Männer, die sich innig begegnen und wieder auseinandergehen. Tsai Ming-Liangs neuer Film ist eine meisterlich reduzierte Studie der Einsamkeit  Von Fabian Wallmeier

 

Ein Mann sitzt in einem hellbraunen, etwas abgewetzten Ledersessel. Auf einem Balkon oder Laubengang hockt er, schaut reglos und starr nach draußen in den Regen, der immer lauter prasselt. Eigentlich aber scheint er ins Nichts zu blicken. Ein anderer, deutlich jüngerer, Mann entfacht in einem Badezimmer zwei Feuer, setzt Wasser auf, wäscht auf dem Fliesenboden Salat und Gemüse in Plastikschüsseln.

Tsai Ming-Liangs neuester Film "Days", sein erster Spielfilm seit 2013, erzählt aus dem Alltag dieser beiden einsamen Männer, über die man erst allmählich Weniges erfährt: Der Chinese Kang (Lee Kang-sheng) hat Schmerzen im Bewegungsapparat, er unterzieht sich einer schmerzhaft aussehenden, elektronisch verstärkten Akupunktur und trägt danach eine Halskrause. Während er durch die Stadt geht, presst er sie fest gegen die Wange, wie um durch Druckausübung einen Schmerz zu überdecken. Non (Anong Houngheuangsy) bleibt eine noch größere Leerstelle; Er lebt in Bangkok. Er kocht allein zu Hause, steht rauchend am Rande eines nächtlichen Marktes, schläft auf einer einfachen Matratze.

In einer Szene treffen die beiden aufeinander: Kang hat in Bangkok ein Hotelzimmer gemietet, Non gibt ihm eine Ganzkörpermassage, die beiden haben Sex. Danach gehen sie noch zusammen in einen Imbiss, dann trennen sich ihre Wege wieder.

Fiktion mit ein bisschen Realität

Die beiden Darsteller teilen in "Days" Teile ihres wahren Lebens: Anon Houngheuangsy arbeitet im wahren Leben auf dem Markt, der im Film zu sehen ist, und Lee Kang-Sheng, Hauptdarsteller aller Filme von Tsai Ming-Liang, war tatsächlich krank. Schon in "The River" (1997) haben Tsai und Lee seinen Nackenschmerz zum Motiv des Films gemacht. Dieser Schmerz ist, wie Lee auf der Pressekonferenz berichtete, vor einigen Jahren zurückgekehrt - und wieder haben sie ihn in einen Film eingebaut.

Man muss das nicht wissen, um diesen Film zu verstehen. Doch es ist aufschlussreich, um Tsais Arbeitsweise nachzuvollziehen: Er arbeitet mit dem, was er vorfindet - und braucht für diese Vermengung von Realität und Fiktion kein dreijähriges, gigantomanisches Kunst-Projekt wie Ilya Khrzhanovskiy für seine "DAU"-Filme, sondern ihm genügt das gegenseitige Vertrauen zwischen Darstellern und Regisseur.

"Der Film wurde bewusst nicht untertitelt"

Tsai ist ein Meister der Reduktion. Hier treibt er sie besonders meisterhaft auf die Spitze. "Days" kommt fast ganz ohne Dialoge aus - und die wenigen Szenen, in denen überhaupt gesprochen wird, versteht ein Großteil des internationalen Publikum nicht. "Der Film wurde bewusst nicht untertitelt", wird gleich zu Beginn eingeblendet. Kommunikation erfolgt hier also auf viel grundlegenderer Ebene: über Blicke und Berührungen.

Kang und Don teilen keine gemeinsame Sprache, sie begegnen einander auf einer tieferen Ebene. Allein in Lee Kang-Shengs sich auch im Angesicht körperlicher Schmerzen um Contenance bemühendem Gesichtsausdruck steckt mehr, als manche auf 40 Drehbuchseiten zu erzählen haben.

Das vollständige Fehlen von Dialogen bedeutet aber nicht, dass der Ton in "Days" keine Rolle spielt - ganz im Gegenteil: Tsai gibt Geräuschen großen Raum, sie grundieren die Stimmung einer Szene oder treiben die Handlung selbst voran. Kangs immer wohliger werdendes Stöhnen, als Non ihn massiert. Die Geräusche eines Waldes im Dämmerlicht. Der Verkehrslärm, der in Nons Wohnung dringt.

Wenige Filmminuten vor dem Treffen von Kang und Non gibt es eine Einstellung in vollkommener Stille: Ein Ausschnitt aus einer Häuserfassade ist da zu sehen, möglicherweise das Hotel, in dem sich die beiden Männer treffen, davor eine Straßenlaterne und Stromleitungen - jedenfalls kein Setting, in dem von Natur aus kein Ton zu hören wäre. Die Einstellung ist ein Ruhepunkt, der durch das vollständige Fehlen der Tonspur noch einmal besonders die Aufmerksamkeit auf die Geräusche lenkt. In dialoglastigen Filmen sind sie nur Hintergrundrauschen, in "Days" aber unersetzliche Grundelemente.

Spieluhr schlägt Verkehrslärm

Auch ansonsten ist "Days" in seiner reduzierten Filmsprache ein typischer Tsai-Film. Es gibt nur wenige Schnitte, die Kamera bleibt während einer Szene fast ohne Bewegung an einer ganz genau gewählten Stelle. Doch ein Element, das manche seiner Filme auszeichnet, so auch den vorangegangenen "Stray Dogs" (2013), fehlt hier: postapokalyptische Szenarien und ein Drall ins Absurde. Von alldem hat "Days" nichts. Zwei Männer durchleben stumm ihren von Schmerzen und Einsamkeit geprägten Alltag, haben eine intensive Begegnung und gehen wieder auseinander - das ist schon alles, was passiert.

Doch bei aller Knappheit des direkt Erzählten ist der Film von einer großen Innigkeit geprägt. Kang schenkt Non eine Spieluhr, die "Terry's Theme" aus Charlie Chaplins "Limelight" spielt. Minutenlang dreht Non ganz langsam daran, während die beiden nebeneinander auf der Bettkante des Hotelzimmers sitzen.

Ganz am Ende sitzt Non allein auf einer Bank am Straßenrand, von der Kamera in einer distanzierten Totale gefilmt. Wieder dreht er an der Spieluhr. Sie ist zwar klein - aber trotzdem übertönt sie den Verkehrslärm. Dann steht Don auf und geht. Vielleicht ist "Days" sogar Tsais bislang zärtlichster Film.

Fazit: "Days" kommt fast ganz ohne Dialoge aus - und erzählt trotzdem mit großer Tiefe aus dem Leben zweier einsamer Männer. Ein Meisterwerk des großen Tsai Ming-Liang - und unbedingt bärenwürdig.

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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