Berlinale-Filmkritik | "Schwesterlein" - Hänsel-Lars und Gretel-Nina

In "Schwesterlein" spielen Lars Eidinger und Nina Hoss ein Zwillingspaar. Er ist sterbenskrank, sie will es nicht wahrhaben. Der Schweizer Wettbewerbsbeitrag ist zu sehr am Reißbrett entworfen, um wirklich überzeugen zu können. Von Fabian Wallmeier

Berlin hat gerade keinen Mangel an Lars-Eidinger-Shows. Kürzlich erst feierte er an der Schaubühne Premiere mit einer Solo-Show, vor wenigen Tagen war er im Berlinale-Special-Film "Persian Lessons" in einer Hauptrolle zu sehen - und machte mit Tränen auf der Pressekonferenz von sich reden.

"Schwesterlein" von den Schweizer Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, der am Montagabend in den Berlinale-Wettbewerb gestartet ist, setzt dem nun die Krone auf: Schaubühnen-Star Eidinger spielt Schaubühnen-Star Sven. Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier spielt Schaubühnen-Intendant David - und eine der ersten Szenen zeigt eine Wiederaufnahme-Probe von "Hamlet": Die immer ausverkaufte Ostermeier-Inszenierung von 2009 mit Eidinger in der Titelrolle ist einer der Erfolge der Schaubühne. Viel mehr Eidinger-Selbstreferenzialität ist also kaum drin. Doch zum Glück ist im Film dann doch einiges anders als in der Wirklichkeit.

Blut ist dicker als Knochenmark

Sven ist schwer krank: ein Fall von Leukämie mit schlechten Prognosen. In der ersten Szene des Films sehen wir, wie seiner Zwillingsschwester Lisa (Nina Hoss) Blut abgenommen wird. Die Kamera folgt der Kanüle durch gleißendes Licht in Svens Arm. Die Unzertrennbarkeit der Zwillinge ist damit gleich als das zentrale Thema des Films eingeführt.

Lisa spendet Sven Knochenmark - in der Hoffnung, dass sein Körper es annimmt. Doch nach dem Krankenhausaufenthalt bleibt Sven geschwächt. Die "Hamlet"-Wiederaufnahmeprobe ist auch dafür da, einen Ersatz für Sven zu installieren (Moritz Gottwald, im Film Lukas). Denn an die Genesung will außer Lisa und streckenweise auch Sven niemand so recht glauben -  David nicht, Lisas Mann Martin (Jens Albinus) nicht und die absurd ich-zentrierte Mutter der Zwillinge (Marthe Keller) weist Sven brüsk ab, weil sie den Gedanken an den sterbenden Sohn nicht ertragen kann: "Du hast nicht das Recht, mir das anzutun", sagt sie.

Stravinsky-Flügel und Spielzeugkühe

Also nimmt Lisa ihn mit zu sich in die Schweiz, wo sie mit Martin und ihren beiden Kindern lebt (Brüderlein und Schwesterlein, versteht sich). Martin leitet ein klischeehaft elitäres Internat, das ihm zufolge zu den besten der Welt gehört. Das Klavier, auf dem ein Schüler den reichen Neuankömmlinge aus aller Welt ein Begrüßungskonzert gibt, hat einst Igor Stravinsky gehört, er soll darauf "Le sacre du printemps" komponiert haben. Doch natürlich ist Lisa in der strahlend weißen Schneeidylle eigentlich kreuzunglücklich - oder vielmehr wird sie sich dessen nun durch Svens Augen gewahr. Im Souvenir-Shop gibt es nichts als Spielzeugkühe in allen Variationen. "Jeden Tag muss man sich hier zusammenreißen", klagt Lisa. "Du redest schon wie dein Bruder", gibt Martin verärgert zurück.

Nina Hoss arbeitet im wahren Leben wie Eidinger an der Schaubühne - hier spielt sie dagegen eine Theaterautorin. Damit verknüpft sich der kitschigste Clou dieses an klischeehaften Ideen leider nicht armen Films: Um dem sterbenden Bruder ein Denkmal zu setzen, schreibt Lisa dem Bruder einen letzten Monolog oder Dialog: "Kinderspiele", basierend auf "Hänsel und Gretel", soll von der Verbundenheit eines Bruders und einer Schwester erzählen. Auf einem Storyboard aus Klebezetteln bereitet sie den Text vor - und ähnlich reißbrettartig wirkt auch der Film.

"Ich hatte keine Wahl"

Hänsel-Sven und Grete-Lisa kämpfen gegen den Rest der Welt. Fast wie im Märchen haben sich alle gegen die beiden verschworen. "Ich hatte keine Wahl", ist ein Entschuldigung nur vorgebender Satz, den gleich zwei Figuren den beiden vor die Füße werfen: David sagt ihn, als er Sven per Skype mitteilt, dass der "Hamlet" abgesetzt ist. Und der himmelschreiend egoistische Gatte Martin sagt ihn zu Lisa, als er sie vor vollendete Tatsachen setzt: Während sie im Krankenhaus nicht von Svens Seite gewichen ist, hat er eigenmächtig einen Fünf-Jahres-Vertrag im Internat unterschrieben, obwohl eine Rückkehr nach Berlin vereinbart war.

Abgesehen von den reißbrettartigen Konflikten und Konstellationen ist der Film immerhin gut bis exzellent gespielt. Dabei ist Eidinger als der mit wechselnden Perücken bekleidete, mal schwache, mal sich gegen den Tod aufbäumende Sterbenskranke nicht das eigentliche Ereignis. Das ist Nina Hoss. Sie kann hier aus dem Vollen schöpfen und sehr überzeugend zwischen den Gefühlslagen wechseln: zart und verletzlich sein, spöttisch-wütend im Streit mit ihrem Mann, laut und verzweifelt in den Augenblicken der schrecklichen Wahrheit, dann wieder kämpferisch und unnachgiebig und vor allem immer wieder liebevoll-innig im Kontakt mit dem Bruder. Der Film mag zwar auf den ersten Blick als Eidinger-Show angelegt sein, doch er heißt schließlich nicht "Brüderlein", sondern "Schwesterlein".

Fazit: "Schwesterlein" kreist um einen sterbenskranken Theater-Star und seine Schwester. Lars Eidinger und vor allem Nina Hoss sind zwar sehenswert, aber davon abgesehen hat der Film nicht viel mehr als müde Klischees.

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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