24.02.2020, Berlin: 70. Berlinale, Premiere, Wettbewerb, "Siberia": Schauspieler Willem Dafoe mit seiner Frau Giada Colagrande (l) und der Schauspielerin Cristina Chiriac. Die Internationalen Filmfestspiele finden vom 20.02. bis zum 01.03.2020 statt. (Britta Pedersen/dpa)
Bild: Britta Pedersen/dpa

Berlinale-Filmkritik | "Siberia" - Sonne, Mond und Männerträume

Ein alter weißer Mann hadert mit sich und der Welt. Das ist weiß Gott keine unverbrauchte Plot-Idee. Aber in Abel Ferraras fiebertraumhafter Welt- und Gedankenreise "Siberia" ist sie wunderbar urwüchsig und rätselschwer umgesetzt. Von Fabian Wallmeier

Der diesjährige Wettbewerb der Berlinale war bislang, bei aller thematischen und stilistischen Unterschiedlichkeit, von geradlinigen Erzählformen geprägt. Damit ist jetzt Schluss. Abel Ferrara hat am Montagabend "Siberia" ins Rennen um die Bären geschickt - einen so dick aufgetragenen wie rätselhaften Film wie einen Fiebertraum. Einen sehr männlichen Fiebertraum.

Ferrara-Intimus Willem Dafoe spielt den alternden Amerikaner Clint, der sich mit fünf Huskys in die verschneite Einöde Sibiriens zurückgezogen hat. Wenn sich in die abgelegene Bar, die er betreibt, Gäste verirren, sprechen sie nicht seine Sprache, sondern Inuit oder Russisch. Man verständigt sich aber auch so auf das Nötigste. Rum, Whiskey oder Wodka in den Tee? Okay, also Rum, kommt sofort.

Immer wieder nackte Brüste

Auf den noch recht klassisch wirkenden Lonesome-Cowboy-im-Schnee-Einstieg folgen kurz darauf die ersten Irritationen: Eine schnell geschnittene Folge von Nahaufnahmen im Zwielicht zeigt eine Husky-Attacke. Dann ist Clint wieder in der Bar und bekommt Besuch von einer alten und einer jungen Frau, die russisch sprechen (was in den Untertiteln nicht übersetzt wird). Die Alte bietet Clint mit Gesten die Junge an, die öffnet den Mantel und zeigt, dass sie hochschwanger ist. Clint legt seinen Kopf an ihren Bauch und streichelt ihre Brüste, was er im Verlauf des Films noch bei einigen anderen Frauen tun wird.

Dann spätestens wird es unübersichtlich. Clint steht plötzlich an einem Felsvorsprung und beginnt hinabzurutschen. Kurz darauf steht er in einer Höhle, an deren Ende über einem Teich eine rot-orangefarben glänzende Sonne aufgeht. Im Wasser spiegelt sich ein zweiter Clint (oder ist es sein Bruder?) und redet ihm rätselhaft ins Gewissen. "Glaubst du ernsthaft, dass du hier eine Seele findest", fragt das Alter Ego. Dann ist die Rede vom toten Vater. "Du warst kein liebender Sohn. Du warst eine Last für ihn."

Der Vater taucht wenig später auch selbst auf - mit Rasierschaum beschmiert und ebenfalls von Dafoe gespielt begrüßt er Clint freudig und schmiedet Pläne für Vater-Sohn-Aktivitäten: fischen gehen. Später taucht er als Chirurg wieder auf und reicht dem Sohn das Skalpell. Es geht also um ganz archaische Fertigkeiten, die in der Welt dieses Clint von Vater zu Sohn, von Mann zu Mann weitergereicht werden.

Wüste, Wald und Männerschuld

Für längere Zeit verlässt der Film Sibirien und wird dabei immer assoziativer, fiebriger. Aus der Schneelandschaft wird eine Wüste, später ein Frühlingswald. Clint trifft auf Lehrer, Magier, diverse Frauen (und, siehe oben, vor allem auf ihre Brüste), den Vater, sich selbst als Kind, auf seine Ex-Frau, seinen Sohn und seine Mutter. Ferrara lässt all das sehr flüssig ineinander übergehen. Ständig raunt jemand etwas Bedeutungsschweres, ständig geht es danach gleich weiter. Clint taumelt durch die Welt, auf der Suche nach den großen Fragen seiner Existenz.

Die Antworten sind teils etwas einfältig geraten. "Das einzige, woran ich Schuld habe ist, dass ich dich zu sehr geliebt habe", lässt er erst die Ex, dann den Sohn wissen. Seine Mutter verzeiht ihm, dass er bei ihrem Tod nicht bei ihr war: "Schon gut, du warst beschäftigt." Es ist eben ein sehr männlicher Fiebertraum.

Sehr laute Ansage

Auch die Naturgewalten spielen eine entscheidende Rolle: Immer wieder wird der Mond eingeblendet, von Mal zu Mal nimmt er ab. Auch die Sonne ist von zentraler Bedeutung - von der Erscheinung in der Höhle bis hin zu Aufnahmen einer feurig brodelnden Sonnenoberfläche.

Die Urwüchsigkeit und Universalität, die Ferrara seiner Alter-weißer-Mann-hadert-mit-sich-und-der-Welt-Geschichte damit überstülpt, ist schon eine sehr laute Ansage. Aber vielleicht brauchen alte weiße Männer das. Ferraras Film jedenfalls ist in seiner fiebrigen Gigantomanie mit Sicherheit einer der interessantesten Filme des Wettbewerbs.

Fazit: Abel Ferraras "Siberia" zeigt einen alten weißen Mann auf der Suche nach sich selbst. Der Film ist der rätselhafteste Beitrag des bisherigen Wettbewerbs - und zugleich der Film, der am dicksten aufträgt. Sehenswert ist er allemal.

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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