Berlinale-Filmkritik | "The Roads Not Taken" - Wege in die Vergangenheit

Viele Filme auf der Berlinale drehen sich um körperliche oder seelische Krankheiten. Sie dringen in die Psyche ein und versuchen, sich verletzten Seelen anzunähern. Auch "The Roads not taken" von Sally Potter versucht das - allerdings vergeblich. Von Barbara Wiegand

Leo (Javier Bardem) ist ein New Yorker Schriftsteller, der nicht mehr schreiben kann. Zu sehr lastet die schicksalschwere Vergangenheit auf ihm, schwer wiegen Schuldgefühle und Verlust. Die meiste Zeit verbringt er in seiner kleinen Wohnung.

Die Flure dort sind beklemmend schmal, die Wände aschfahl, auch im Schlafzimmer, wo Leo meistens im Bett liegt und schläft oder träumt von den Wegen, die er im Leben gegangen - oder eben nicht gegangen ist. Vor dem Fenster fahren immer wieder Züge vorbei, so nahe, dass man das Gefühl hat, sie würden durchs Schlafzimmer fahren.

Reise in verlorene Erinnerung

Wir fahren ein Stück weit mit, auf den Spuren von Leos Erinnerungen. Der Unfalltod des Sohnes, die lähmende Trauer, das Scheitern der einen, später auch der anderen Ehe.

Wie Halluzinationen, kurze Schlaglichter taucht das, was geschehen ist, in kurzen Rückblenden auf. Jene Vergangenheit, die für Leo genauso verloren scheint, wie seine Worte, um sie zu beschreiben. So redet er auch kaum mit seiner Tochter (Elle Fanning), die ihn oft besucht und ihn auf seinen Wegen nach draußen, ins New York der Gegenwart begleitet. Zum Zahnarzt, zum Optiker.

Zwischen tiefer Depression und Demenz weiß Leo offensichtlich meist gar nicht, wer sie ist. Erst am Ende nennt er die Tochter bei ihrem Namen: Molly. Vorher ist sie nur jemand, der einfach da ist. Die Tränen kommen ihm eher, wenn er Fotos von Nestor sieht, dem toten Hund.

Wanken, schwanken, strahlen - die Stars auf der Berlinale

Wie nah an der Wirklichkeit?

Es gibt wohl kaum jemand, der aus Familien oder Bekanntenkreis heraus nicht weiß oder zumindest ahnt, was es bedeuten mag, wenn einen die eigenen Eltern nicht mehr erkennen. Wie belastend das ist, wie verstörend, wenn man mitansieht, wie ein Mensch droht, sich zu verliere. Hier aber verstört, berührt einen nichts - das liegt auch an den Darstellern

Javier Bardem agiert als Leo mit dermaßen stoischer Mimik, dass die wenigen Gefühlsausbrüche aufgesetzt wirken. Auch Elle Fanning als Tochter Molly geht einem nur anfangs nahe. Zu oft zieht sie mit ihrem Mienenspiel - zwischen verzweifeltem Optimismus und hemmungslosem Weinen - die immergleichen Register, so dass ihre Gefühle einem nicht wirklich unter die Haut gehen.

Es liegt vor allem aber am Film selbst, dass hier so wenig zurückbleibt. Einmal mehr hat die britische Filmemacherin Sally Potter selbst das Buch geschrieben und Regie geführt. Gegenüber früheren, experimentierfreudigeren, immer wieder aufwühlenden Filmprojekten wirkt dieser Berlinale-Beitrag eher flach. Potter zieht die Erzählung auseinander, statt sie zu verdichten.

Fazit: Diese Reise hinein in eine von tragischen Erlebnissen zerrüttete Psyche gleitet an einem vorbei wie die Züge vor Leos Schlafzimmerfenster. "The Roads Not Taken" von Sally Potter -  enttäuschend!

Trailer

Sendung: rbb24, 26.02.2020, 21.45 Uhr  

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Barbara Wiegand

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