Berlinale-Filmkritik | "Todos os mortos" - "Warum lassen sie uns nicht allein?"

Klassischen Horror bietet der brasilianische Wettbewerbsbeitrag "Todos os mortos" nicht. Aber was der kurz nach dem Ende der Sklaverei angesiedelte Film über Unterdrückung und Verdrängung erzählt, ist schon ziemlich beunruhigend. Von Fabian Wallmeier

Den letzten Kaffee ihres Lebens macht sie nur für sich selbst. Josefina (Alaíde Costa), bis vor wenigen Jahren noch Sklavin und jetzt Dienerin im Haus der Plantagenbesitzerfamilie Soares, röstet Kaffeebohnen auf offenem Feuer in einer Pfanne, mahlt sie mit einer quietschenden Handmühle und gießt den Kaffee auf. Dann sitzt sie in der Küche, schaut hinaus in den Regen und singt ein Lied, das die Wasser der Gottheiten preist.

"Todos os mortos" spielt in Sao Paolo zwischen September 1899 und Februar 1900. Noch hat sich trotz der Abschaffung der Sklaverei vieles nicht geändert - schon gar nicht im Bewusstsein der drei Soares-Frauen, die in Abwesenheit des Vaters und Ehemanns den kaum noch aufzuhaltenden Ruin der Familie zu ignorieren versuchen. In der zweiten Szene des Films kommt Matriarchin Isabel (Thaia Perez) von Josefinas Beerdigung zurück - und klagt darüber, dass niemals wieder jemand Josefinas Kaffee trinken wird - und vor allem: Wer soll ihr jetzt dabei helfen, ihre Füße zu waschen?

Die Toten prozessieren stumm

Tochter Maria (Clarissa Kiste) ist noch am ehesten im direkten Kontakt mit den Veränderungen. Die Nonne arbeitet als Lehrerin und hat es dort nun zu ihrer sichtbaren Irritation nicht mehr nur mit weißen Schülerinnen zu tun. Tochter Ana (Carolina Bianchi) dagegen taucht immer wieder in den Wahnsinn ab. Sie verbringt jede freie Minute am Klavier und hört nicht richtig zu, wenn andere mit ihr reden. Einmal reagiert sie ganz erstaunt, als sie daran erinnert wird, dass es die Sklaverei nicht mehr gibt. "Warum lassen sie uns dann nicht allein", fragt sie. Vor allem aber ist sie davon überzeugt, dass sie all die Sklaven von damals, "all die Toten" in stummer Prozession durch das Haus ziehen sieht.

Zum Glück hat der Film ein starkes Gegengewicht zu den Soares-Frauen: wiederum vor allem Frauen. Die neue Bedienstete Carolina (Andrea Marquee) lässt sich nicht mehr nach Belieben herumkommandieren. Ganz selbstverständlich erzählt sie der pikierten Isabel, dass sie vom Brot, das sie serviert vorher gekostet hat, und gibt auch ansonsten mit starrer Miene Widerworte. Der wichtigste Gegenpol ist aber die ehemalige Sklavin Iná (Mawusi Tulani). Sie kommt ins Spiel, als Maria sie um Hilfe bittet: Mit den Ritualen ihrer Vorfahren soll sie Isabel von ihren höllischen Rückenschmerzen heilen - oder zumindest so tun, um Anas Wahnvorstellungen gerecht zu werden. Iná und ihr Sohn Joao folgen Maria zwar nach Sao Paolo, das Ritual wird auch tatsächlich ausgeführt - doch Iná grenzt sich bald ab. Sie macht unmissverständlich klar, dass sie für eine Verhöhnung ihrer Traditionen nicht zur Verfügung steht.

Beiläufigkeit statt Thrill

Mit "Good Manners" hat Marco Dutra 2017 (zusammen mit Juliana Rojas) einen prallen Genrefilm gemacht. Auch darin setzte er schon auf Genre-Verwirrung und langsames Anschwellen in Richtung Horror. In dem ganz gemächlich erzählten und exzellent gespielten neuen Film "Todos os mortos" (mit Co-Regisseur Caetano Gotardo) ist das Anschwellen viel geringer und die Verwirrung deutlich subtiler - obwohl gleich in der zweiten Szene ein Anker in Richtung Grusel geworfen wird: Ana sitzt mit erdverschmierten Händen am Klavier - und immer wieder sieht man sie im Garten graben - doch die Frage, was sie da tut, wird nicht in Thriller-Manier gestellt, sondern eher beiläufig - ganz ruhig und ohne musikalische Spannungserzeuger.

Vereinzelt schieben sich Hinweise auf die Moderne in den Film, erst subtil, dann immer eindeutiger: Im Hintergrund fährt irgendwann ein Auto vorbei, es ist nur ganz kurz zu sehen. Später sitzt Isabel am Fenster und preist völlig unerwartet die Möglichkeiten des neuen Zeitalters, das mit dem Jahrhundertwechsel anbricht: seine technischen Entwicklungen, seine Kommunikationsformen. Auf der Tonspur schwillt derweil eindeutig moderner Verkehrslärm mit Polizeisirenen an. Ganz am Ende wird es dann noch eindeutiger: Da sehen wir Ana in ihrem Fin-de-Siècle-Kleid durch das moderne Sao Paolo laufen - und Joao oder sein moderner Wiedergänger singt das Lied, das Josefina in der ersten Szene des Films gesungen hat.

Der Film behauptet also eine Kontinuität von - ja, wovon eigentlich genau? Da legt er sich nicht fest, was ihn streckenweise etwas unentschlossen wirken lässt. Er bietet an: die Kontinuität der Unterdrückung, die Kontinuität der Verdrängung, die Kontinuität des Widerstands. Vielleicht sind aber auch schlicht alle drei Kontinuitäts-Behauptungen wahr. Das wäre mit Blick auf den Widerstand beruhigend - mit Blick auf Unterdrückung und Verdrängung aber verdammt beunruhigend.

Trailer

Fazit: Fazit: "Todos os Mortos" arbeitet mit Horror-Elementen, ist aber vom Stil her viel ruhiger. Der exzellent gespielte Film aus Brasilien erzählt aus der Zeit kurz nach dem Ende der Sklaverei - und zeigt eine beunruhigende Kontinuität auf.

Sendung: rbb24, 23.03.2020, 21.45 Uhr 

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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