Paula Beer als Undine in einer Szene des Films "Undine" (Quelle: dpa/Piffl Medien)
Bild: dpa/Piffl Medien

Berlinale-Filmkritik | "Undine" - Märchenhaft romantische Geister der Liebe

Die Liebe verleiht Undine ewiges Leben, doch ihren untreuen Liebhabern bringt sie den Tod. Als erster deutscher Beitrag ist der neue Film von Christian Petzold in den Berlinale-Wettbewerb gestartet - mit Paula Beer und Franz Rogowski. Von Anke Sterneborg

Nachdem sich Christian Petzold als Autor und Regisseur von "Barbara" über "Phönix" bis zur Anna-Seghers-Adaption "Transit" immer tiefer in die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts geschraubt hat, ist sein neuer Film ein gleichermaßen modernes und zeitloses Spiel mit dem Märchenmythos der Undine.

Entrückte Amour Fou

Am Anfang sitzt Undine an einem kleinen Tisch im Garten eines Cafés, ihr Blick ist gesenkt, sie wirkt auf beherrschte Weise aufgewühlt, offensichtlich hat der junge Mann gegenüber (Jakob Matschenz) ihre Beziehung gerade beendet. Undine ist außer sich, er habe doch gesagt, dass er sie für immer lieben würde. "Wenn du mich verlässt, muss ich dich umbringen", sagt sie.

Doch als sie eine halbe Stunde später zurückkehrt, ist er verschwunden. Auf der panischen Suche nach ihm, kollidiert sie mit Christoph (Franz Rogowski), der sich für den stadthistorischen Vortrag bedanken will, den sie kurz zuvor nebenan vor den Stadtmodellen Berlins in der Senatsstelle für Stadtentwicklung gehalten hat. Die Amour Fou, die zwischen den beiden zündet, nimmt ihnen den Atem und die Balance und hat zugleich etwas unwirklich Entrücktes - war Undine doch gerade noch so existenziell in eine andere Liebesgeschichte verstrickt.

Wie benommen rumst Christoph gegen das riesige Aquarium des Restaurants, das daraufhin krachend zerbirst und seinen Inhalt - einem Wasserfall gleich - über die beiden ergießt.

Ein verzauberter Blick auf die Wasserstadt Berlin

Der berstende Wassertank ist ein kraftvolles, wuchtiges Bild für eine Liebe, die aus dem Wasser geboren ist, zwischen der Wasserfrau Undine und dem Industrietaucher Christoph, der mit einem kleinen Team Unterwasser-Reparaturen an den Berliner Brückenköpfen vornimmt. Das Wasser ist ihr Element, es verleiht dieser auf geheimnisvolle Weise unwirklichen Geister-Liebesgeschichte eine entrückte Schwerelosigkeit, einen ganz besonderen Zauber, der von den melancholisch perlenden Klängen von Johann Sebastian Bachs Cembalokonzert verstärkt wird.

Undine ist ein in vieler Hinsicht fluider Film, geprägt von den weichen Konturen in milchig grünen Unterwasserszenerien und den gleitenden Schwimmbewegungen der Taucher. Der erste Keim dieses Films entstand bereits bei den Dreharbeiten zu "Transit", ebenfalls mit Paula Beer und Franz Rogowski, aus dem Wunsch der Liebegeschichte, die ihnen dort verwehrt bleibt, einen gegenwärtigen Raum zu eröffnen. Das heißt auch, dass die beiden Schauspieler im Werk von Petzold zumindest auf Zeit Nina Hoss und Roland Zehrfeld abgelöst haben.

Deutschlandbilder, Berlinbilder

In Filmen wie "Die innere Sicherheit", "Barbara", "Phönix" und "Transit" hat sich Christian Petzold immer wieder an den Bruchlinien der deutschen Geschichte entlang bewegt. Beharrlich ist er den Spuren nachgegangen, die der Krieg, die Teilung, der deutsche Herbst und die Wiedervereinigung in Deutschland hinterlassen haben, mit all den Gespenstern, die sie hervorgebracht haben. Als "Massenmörderin, die 600 Jahre lang durch die Stadt geistert", bezeichnete Paula Beer ihre "Undine" nun auf der Pressekonferenz.

Über die erstaunlich sinnlichen Vorträge zur Stadtentwicklung, die sie vor den historischen Modellen der Stadt hält, schwappt diese Auseinandersetzung mit dem Zustand des Landes und dem Lebensgefühl in Petzolds Wahlheimat Berlin auf subtile Weise auch in diesen neuen Film. Während die verzauberten Tauchgänge in die Unterwasserwelten ihren ganz eigenen Sog entwickeln, holen die Exkursionen zur Baugeschichte der Stadt den Film immer wieder sanft auf den Boden einer nüchternen Realität zurück.

Fazit: Der neue Film von Christian Petzold ist ein märchenhaft verzaubertes Spiel mit dem Mythos des Wasserwesens Undine, mit zwei glänzenden Schauspielerleistungen von Paula Beer und Franz Rogowski. Die gesellschaftspolitische Brisanz der letzten drei historischen Filme fehlt in "Undine", hier es ist dagegen eine eher sanfte Annäherung an die Berliner Städtebaugeschichte.

Trailer

Sendung: Abendschau, 23.02.2020, 19.30 Uhr

Bärenwürdig? - Das sagen die rbb-Kritiker

RSS-Feed
  • Tafel Berlinale-Studio: Knut Elstermann, 4 Punkte. (Quelle: rbb)
    rbb
  • Jakob Bauer
  • Tafel radioeins: Anke Leweke, 4 Punkte. (Quelle: rbb)
    rbb
  • Carsten Beyer
  • Fabian Wallmeier
  • Anna Wollner
  • Frauke Gust

Beitrag von Anke Sterneborg

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren

"Memory Box", Paloma Vauthier (Hand) pictures of Mana Issa, Rea Gemayel, Wettbewerb Berlinale 2021 (Quelle: Haut et Court - Abbout Productions - Micro_Scope)
Haut et Court - Abbout Productions - Micro_Scope

Fazit | Berlinale 2021 - Nur gestreamt - und doch gewonnen

Der erste Teil der Pandemie-Berlinale endet mit nachvollziehbaren Jury-Entscheidungen. Wieder gab es bemerkenswert viele starke Wettbewerbsfilme. Es bleibt aber ein Jammer, dass sie noch kaum jemand sehen konnte. Von Fabian Wallmeier

 

Der leere Potsdamer Platz während der Berlinale. (Quelle: rbb/Nadine Kreuzahler)
rbb/Nadine Kreuzahler

Berlinale 2021 - Tristesse und Geisterstunde am Potsdamer Platz

In diesem Jahr trifft die Corona-Pandemie auch die Filmfestspiele in Berlin. Im März kommt eine Woche lang nur die Branche zusammen; Journalisten dürfen mitschauen. Es ist also Berlinale - aber spürt man das? Nadine Kreuzahler ist zum Potsdamer Platz gefahren.