Berlinale-Filmkritik | "Albatros" - Der gute Polizist und das raue Meer

Filmstill "Albatros" von Xavier Beauvois, Wettbewerb Berlinale 2021 (Quelle: Guy Ferrandis)
Guy Ferrandis
Audio: rbbKultur | 03.03.2021 | Anke Sterneborg | Bild: Guy Ferrandis Download (mp3, 6 MB)

Totschlag im Dienst: Im amerikanischen Kino wäre das nur eine Randnotiz, business as usual. In einem Küstenort in der Normandie ist es der Auslöser für existenzielle Fragen über Schuld und Gewissen. Von Anke Sterneborg

Diese Filmkritik wurde zuerst am 03.03.2021 während des digitalen Branchen-Events der Berlinale veröffentlicht.

Alltag in einem kleinen, namenlosen Küstenort in der Normandie. Gerade noch hat der Polizist Laurent (Jérémie Renier) der Mutter seiner kleinen Tochter nach zehn Jahren Beziehung einen romantischen Heiratsantrag gemacht. In der nächsten Szene knallt beim Fototermin mit einem anderen Hochzeitpaar die Leiche eines jungen Mannes von den steilen Klippen in den Sand. Ein Selbstmord wie er hier wohl öfters vorkommt, in der strukturschwachen Region.

Routine für die lokalen Polizisten, allen voran Laurent, den wir in den nächsten rund 40 Minuten als liebevollen Familienmenschen, begeisterten Segler, vor allem jedoch als unaufgeregt sachlichen und empathischen Polizeibeamten kennenlernen. Unfälle, Drogen unter den Jugendlichen, Missbrauchsfälle in der Familie, die Entschärfung einer Mini polizeilich begleiten, all das gehört zu seinem Arbeitsalltag.

Xavier Beauvois

Xavier Beauvois, Regisseur von "Albatros", Wettbewerb Berlinale 2021 (Quelle: berlinale.de)
berlinale.de

Der Filmemacher, Schauspieler und Drehbuchautor wurde 1967 in Auchel, Frankreich, geboren. Nach seiner Arbeit als Regieassistent für André Téchiné und Manoel de Oliveira inszenierte er Spielfilme, die vielfach nominiert und ausgezeichnet wurden, darunter "North". Sein Film "Von Menschen und Göttern" wurde mit dem Großen Preis der Jury in Cannes sowie mit dem César für den besten Film geehrt. (Quelle: berlinale.de)

Eskalierende Probleme

Immer wieder auch hat er es mit wütenden Bauern zu tun, die sich in ihrer ohnehin existenzbedrohten Lage von den Tierschutzbehörden drangsaliert fühlen. Eine solche Situation ist es auch, die den zentralen Konflikt auslöst. "Habt Ihr nichts Besseres zu tun? Wieviel verdient Ihr im Monat? Wieviel kriegst du dafür, dass du mir das Leben schwer machst?", wettert der junge Bauer Julien in einer Szene. Zwischen den Mitarbeitern von Tierschutz und Polizei herrscht nur betretenes Schweigen: "Und was verdienst du?", schimpft Julien weiter: "Bei mir sind’s 350 Euro im Monat, und kein Samstag, kein Sonntag, keine Ferien!"

Julien schnappt sich ein Gewehr und braust mit dem Auto davon, tagelang wird er gesucht. Man befürchtet, er könne sich das Leben nehmen. Als die Polizisten ihn eines Nachts auf seinem Hof stellen, will Laurent einem Selbstmord zuvorkommen. Mit seinem Schuss ins Bein trifft er aber die Schlagader, der junge Mann verblutet.

Die Bauern haben nun ein Ventil für ihre Wut. "Polizisten sind Mörder" schmieren sie an die Wände, demonstrieren und hetzen. Eine Psychologin kümmert sich um Laurent, der vom Dienst suspendiert wird, eine Untersuchung beginnt. Doch viel schlimmer als die Anfeindungen von außen, sind die Vorwürfe, die Laurent sich selber macht. Mit niemandem kann er über seine aufgewühlten Gefühle sprechen. Irgendwann schnappt er sich ein Segelboot und fährt aufs offene Meer hinaus.

Meerwasser in den Adern

Der Schauspieler Xavier Beauvois hat sich schon öfter als interessanter Regisseur hervorgetan und bereits in "Le Petit Lieutenant" und "Von Menschen und Göttern" moralische und seelische Dilemmata ausgelotet. Nachdem er in der ersten Hälfte seines neuen Films mit fast dokumentarischer Sensibilität ein sehr genaues Bild dieser Region und ihrer Probleme skizziert hat, beginnt in der zweiten Hälfte ein ganz anderer Film. Der Blick weitet sich, aus der relativen Enge des grauen Alltags zu Lande hinaus aufs Meer: in Wind und Wetter, in Sonne, Sturm und Nebel, in grandiosen Lichtverhältnissen, mit weiten Horizonten, aber auch mit dramatisch lebensbedrohlichen Situationen, die ganz ohne übertriebenes Pathos ökonomisch erzählt werden.

Die im Grunde klassische Geschichte von einem Mann und dem Meer, bekommt hier eine geradezu therapeutische Dimension: "Versuch zu verstehen, sei großzügig", bittet Laurents Mutter ihre Schwiegertochter, "durch seine Adern ist schon immer Meerwasser geflossen." Dieses menschliche Drama ganz ohne Pathos so zurückhaltend, ökonomisch und leise, und trotzdem eindringlich und intensiv zu erzählen, das ist ein großes Kunststück. Beauvois ist es gelungen.

FAZIT: In "Albatros" bekommt die im Grunde klassische Geschichte von einem Mann und dem Meer eine geradezu therapeutische Dimension. Entstanden ist ein Film über die Wahrhaftigkeit des echten Lebens und die Mythen des Kinos.

"Albatros" (Drift Away) von Xavier Beauvois, mit Jérémie Renier, Marie-Julie Maille, Victor Belmondo, Iris Bry, Geoffrey Sery u.a., 115 min, Frankreich 2020

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