Filmstill "Bad Luck Banging or Loony Porn"" von Radu Jude, Wettbewerb Berlinale 2021 (Quelle: Silviu Gethie/MicroFilm)
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Audio: Inforadio | 02.03.2021 | Jakob Bauer | Bild: Silviu Gethie/MicroFilm

Berlinale-Filmkritik |"Bad Luck Banging or Loony Porn" - "Das ist Schwanzlutschen, nicht Liebemachen!"

Das Sex-Video einer Lehrerin taucht im Netz auf, und sie muss sich nun in der Schule verantworten. Der Rumäne Radu Jude hat daraus eine drastische und kluge Satire gemacht und den ersten Wettbewerbsfilm, in dem Corona eine Rolle spielt. Fabian Wallmeier

Radu Jude fackelt nicht lange: Sein Wettbewerbsbeitrag "Bad Luck Banging or Loony Porn" beginnt mit Hardcore-Porno. Eine Frau und ein Mann sind auf dem Handyvideo in Großaufnahmen beim expliziten und wortreichen Sex zu sehen, dazu dudelt im Hintergrund eine Instrumentalversion von "Lilli Marleen".

Die Frau im Video ist die Lehrerin Emi (Katia Pascariu) und die eigentlich privaten Aufnahmen von ihr und ihrem Mann sind ins Internet gelangt. Sie ist erkannt worden, obwohl sie im Video eine Maske über den Augen trägt, und muss nun mit Ärger an ihrer Schule rechnen.

Das Schultribunal entscheidet

Der rumänische Regisseur Radu Jude hat aus dieser Konstellation eine so schlaue und weitschweifige wie böse und derbe Satire gemacht. Sie kumuliert in einer Elternversammlung, in der über Emis Zukunft entschieden werden soll. Da wird zunächst noch einmal der gesamte Porno-Clip noch einmal angeschaut und dann davon ausgehend diskutiert. Die Debatte befasst sich zunächst noch mit der Frage, ob es moralisch vertretbar ist, wenn eine Lehrerin in ihrer Freizeit und ohne jede Absicht es zu veröffentlichen, ein solches Video dreht. Doch sie gerät schnell gehörig aus dem Ruder. Auch das Mansplaining eines Vaters, der über verschiedene Auffassungen von Pornografie doziert, hilft da nicht mehr, die Debatte zu versachlichen.

Die Übergriffigkeit der sexualmoralischen Appelle mancher Eltern steigert sich bald ins Groteske. Emi wird für ihre Erklärungsversuche beschimpft ("Das ist Schwanzlutschen, nicht Liebemachen!"), und ihre gesamte Lehrerinnenpersönlichkeit wird auf immer abstrusere Art in Frage gestellt. Ihr wird, vollkommen aus der Luft gegriffen, "jüdische Propaganda" unterstellt. Dabei kommen all die Ressentiments zum Vorschein, die mit Emi und ihrem Fall nichts zu tun haben: Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Schwulen- und Transfeindlichkeit, Antiziganismus. Alles, was der Mensch so an Menschenhass zur Verfügung hat, bricht aus den Eltern heraus. Jude steigert all das dermaßen ins Absurde, dass es zwar weh tut, aber streckenweise auch sehr lustig ist.

Drei Teile finden zueinander

Seinen Film unterteilt Jude in drei Teile: Teil 1 zeigt Emi zu Fuß unterwegs in Bukarest, während sich in Telefonaten das Ausmaß der Video-Affäre ausbreitet - und ständig von Männern angegeben und beleidigt wird. Teil 3 ist die Elternversammlung.

Und dazwischen hat Jude mit Teil 2 ein "kleines Wörterbuch der Anekdoten, Zeichen und Wunder" gestellt: In schneller alphabetischer Abfolge widmen sich kurze Szenen jeweils einem Begriff. Dabei geht es Jude vor allem darum, auf mal nüchterne, mal schockierende, mal satirische Art auf die dunklen Seiten der rumänischen Geschichte und der gesellschaftlichen Gegenwart zu deuten.

Bei "Familie" etwa ist nur ein Junge von hinten zu sehen, der blutige Striemen auf dem Rücken hat. Andere Clips weisen auf die Rolle der Kirche in der Diktatur, auf Kolonialismus und Unterdrückung und auf den bis heute weit verbreiteten Rassismus hin. Radus Prinzip dabei ist die konsequente Überforderung - die Szenen ziehen so schnell vorbei, die thematischen Sprünge sind so groß, dass man beim ersten Sehen nur einen Teil davon erfassen kann.

Nicht Judes erste Geschichtsstunde

Der Zusammenhang zwischen diesem zweiten Teil und den anderen beiden erschließt sich dann auch nur teilweise aber die Stoßrichtung ist klar: Was sich in diesem Tribunal Bahn bricht, ist nicht aus dem Nichts gestanden. All der Hass, all die Vorurteile und Ängste sind tief verwurzelt.

Jude hat sich schon in früheren Filmen mit rumänischer Geschichte befasst: In "Aferim!" (Silberner Bär für die beste Regie 2015) erzählt er sehr ernsthaft und mit Mitteln des Western von der Versklavung der Roma im 19. Jahrhundert. In "Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen" (2018) lässt er ein Re-enactment des Massakers von Odessa 1941 eskalieren, mit einem deutlichen Drall ins Schwarzhumorig-Satirische. In "Uppercase Print" (2020 im Forum ) seziert er, mit durchgängig ernsthafterem Zungenschlag, den Fall eines Schülers, der mit Wandmalereien gegen das Ceaucescu-Regime protestierte.

Der neue Film nun ist noch deutlich drastischer und derber geraten als "Mir ist es egal". Ein großer, kluger Spaß, der den Regisseur und Autor Radu Jude auf der Höhe seiner Kunst zeigt.

Die Pandemie als Verstärkerin

"Bad Luck Banging or Loony Porn" ist der erste Film in diesem Wettbewerb, der einen beim Sehen ganz unmittelbar in die Gegenwart holt. Während man beim Berlinale-Streaming auf dem Sofa sonst in andere Welten und Geschichten von weither eintaucht, wirft Judes Film die Zuschauenden zurück in den pandemischen Alltag: Die Menschen sprechen über Social Distancing, im Supermarkt keifen sie sich wegen falsch getragener Mund-Nasen-Bedeckungen an - und bei der Elternversammlung ruft jemand auf einmal aus dem Off Corona-Leugner-Parolen.

Judes Film ist damit zwar nicht direkt ein Film über das Leben in Corona-Zeiten, aber er nutzt die Pandemie als Verstärkerin: Die Nerven der Menschen liegen blank und ihre Gereiztheit wird durch Corona und die damit einhergehenden Beschränkungen auf ein ungeahntes Hoch katapultiert. So wird die Debatte bei der Elternversammlung (die aus Hygienegründen im Innenhof, mit Abstand und mit Masken stattfindet) noch ein Stück ungehaltener, hysterischer als sie es vielleicht in präpandemischen Zeiten gewesen wäre.

trailer

FAZIT: Radu Judes neue Satire erzählt eigentlich nur von einer Lehrerin, deren privates Sex-Video ins Netz gerät. Doch "Bad Luck Banging or Loony Porn" schlägt einen weiten Bogen - und lässt all den tief verwurzelten Hass zum Vorschein kommen, den Menschen sonst zu unterdrücken versuchen. Ein derber, aber sehr kluger Film.

"Bad Luck Banging or Loony Porn" von Radu Jude, mit Katia Pascariu, Claudia Ieremia, Olimpia Mălai, Nicodim Ungureanu u.a., 106 min., Rumänien, Luxemburg, Kroatien, Tschechien 2021

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Sendung: Inforadio, 02.03.2021, 15:55 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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