Filmstill: "Ballad of a White Cow" von Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam, Wettbewerb Berlinale 2021 (Quelle: Amin Jafari)
Amin Jafari
Audio: rbbKultur | 04.03.2021 | Carsten Beyer | Bild: Amin Jafari Download (mp3, 5 MB)

Berlinale-Filmkritik | "Ballad of a White Cow" - Eine junge Iranerin sucht Gerechtigkeit

Ein Mann wird unschuldig hingerichtet, seine Frau sucht Gerechtigkeit. "Ballad of a White Cow" bewegt sich in der Tradition des iranischen Sozialdramas, das seine Geschichten im Alltag findet. Ein stiller Film, dessen dramatisches Ende aber reine Drehbuchbehauptung bleibt. Anke Leweke

Bevor sich der Film in die Realität begibt, sieht man ein fast surreal anmutendes Bild. Eine Totale zeigt eine Kuh inmitten eines Gefängnishofes im Morgengrauen. Eingeblendet wird eine Zeile aus dem Koran, sie handelt von einer Kuh, die geopfert werden muss. Dann folgt die Kamera einer Frau im schwarzen Tschador. Sie eilt durch den langen Gang eines Gefängnisses. Am Ende eine schwere Eisentür. Sie wird aufgeschlossen und hinter ihr wieder abgeschlossen. Ihr lautes Weinen ist dennoch vernehmbar. Es ist ein Abschied. Am nächsten Morgen wird ihr geliebter Mann hingerichtet.

Und das Leben geht weiter

Mina (Maryam Moghaddam), so der Name der jungen Witwe, versucht, sich wieder in ihrem Alltag einzurichten. Sie arbeitet in einer Fabrik, in der Milch abgefüllt wird. Die Halle liegt außerhalb der Stadt, Mina hat einen langen, mühsevollen Weg. Ihre kleine Tochter ist gehörlos. Am liebsten sieht sie Filme aus den Zeiten vor der islamischen Revolution, die ihr Vater, ein großer Filmfan, liebte. Eine freundliche Nachbarin versorgt sie mit Essen.

Mina und ihr Schwager werden zur Behörde gerufen, der wahre Täter des Mordes, für den ihr Mann hingerichtet wurde, hat sich gestellt. Wieder bricht Mina zusammen. Eine finanzielle Entschädigung wird in Aussicht gestellt. Doch Mina fordert eine offizielle Entschuldigung, die Justiz soll sich zu ihrem Irrtum bekennen. Immer wieder wird sie vor verschlossenen Türen stehen, in ignorante Gesichter blicken, die kein Schuldbewusstsein kennen.

Gespielt wird Mina von der Co-Regisseurin Maryam Moghaddam. Sie ist eine Bekannte im Berlinale Wettbewerb: In Jafar Panahis mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch ausgezeichneten Film "Closed Curtain" spielte sie eine Frau, die an einer verbotenen Party am Ufer des Kaspischen Meeres teilnimmt. Als die Polizei erscheint, sucht sie Zuflucht in einer Villa. Auch in "Ballad of a White Cow" braucht sie keine großen Gesten und Worte, um von ihrem inneren Drama zu erzählen. Vielmehr nimmt ihre Figur ihr Schicksal selbst in die Hand.

Der freundliche Fremde

Als das Geld immer knapper wird, steht plötzlich ein Unbekannter vor Minas Tür. Er habe von ihrem Mann eine größere Summe geliehen, die er nun zurückgeben möchte. Er wird immer wiederkommen, weitere Unterstützung anbieten, sogar eine neue Wohnung für Mina und ihre Tochter organisieren. Mehr als seinen Namen, Reza (Alireza Sanifar), wird Mina aber nicht erfahren. Der Mann lässt offen, wo und wie er lebt. Er verschweigt seinen Beruf. Er hilft Mina auch bei ihrem Kampf um das Sorgerecht für ihre Tochter, als ihr Schwiegervater ihr Verantwortungslosigkeit vorwirft.

Für das Publikum wird der Film irgendwann Rezas Geheimnis lüften. Wir verstehen die Schuld, die er verspürt, seine Zurückgenommenheit. Mina hat mittlerweile Vertrauen gefasst, lädt Reza ein. Sie kocht, während er mit der Kleinen einen Film anschaut. Man plant einen gemeinsamen Kinobesuch. Genau wie in ihrem Kampf gegen die Institutionen wird Mina auch im Privaten aktiv. Einmal wird sie sogar ihre Lippen schminken. Doch wann wird sie entdecken, mit wem sie es eigentlich zu tun hat?

Ein Film wie eine Ballade

Es ist ein Film der leisen Töne, der ruhigen Einstellungen. Die Kamera registriert die Leere, die Mina nach dem Verlust ihres Mannes empfindet. Sie gibt der Trauer der Heldin Raum und Zeit. "Ballad of a white Cow" bewegt sich in der Tradition des iranischen Sozialdramas, das seine Geschichten in der Wirklichkeit sucht und findet. Über alltägliche Begebenheiten wird die Ungleichbehandlung der Frau im Iran skizziert. Weil Mina einen Fremden in die Wohnung lässt, wird ihr gekündigt. Als die Fabrik Arbeitsplätze reduzieren muss, werden zuerst die Arbeiterinnen vor die Tür gesetzt. Im Kampf um die Gerechtigkeit führ ihren Mann behandeln sie die Offiziellen von oben herab. Es wird ein Regime gezeigt, das keine moralische Verantwortung mehr kennt.

Das überdramatische Ende, bleibt jedoch eine reine Drehbuchbehauptung: Ein Glas Milch wird hier Mittel zur Rache. Dieser Rückgriff auf das Anfangsmotiv der Koransure entspricht zwar der metaphernreichen persischen Erzähltradition, wirkt jedoch symbolisch überladen.

"Ballad of A White Cow" (Ghasideyeh gave sefid) von Behtash Sanaeeha, Maryam Moghaddam
mit Maryam Moghaddam, Alireza Sanifar u.a., 105 min, Iran, Frankreich 2020

trailer

FAZIT: Das iranische Regieduo greift das Thema auf des letztjährigen Goldenen Bären Gewinners "Doch das Böse gibt es nicht". Wieder geht es um die Todesstrafe im Iran. "Ballad of a White Cow" ist ein Film der leisen Töne, zu dem das überdramatische Ende nicht recht passt.

 

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