Filmstill "Fabian oder Der Gang vor die Hunde", Wettbewerb Berlinale 2021 (Quelle: Hanno Lentz/Lupa Film)
Hanno Lentz/Lupa Film
Audio: rbbKultur | 01.03.2021 | Anke Sterneborg | Bild: Hanno Lentz/Lupa Film

Berlinale-Filmkritik | "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" - Flirrend zwischen den Zeiten

Das Berlin der Dreißigerjahre, eine zerbrechliche Liebesgeschichte kurz vor der Machtergreifung der Nazis: Noch nie zeigte sich Dominik Graf so offen als wirklich großer Romantiker, wie in diesem großartigen deutschen Wettbewerbsbeitrag. Anke Sterneborg

Das ist die Geschichte von Jakob Fabian (Tom Schilling), der tags als Werbetexter in einer Zigarettenfabrik arbeitet und nachts durchs Berliner Nachtleben taumelt. Es geht um seine Freundschaft zu dem Literaturwissenschaftler Labude (Albrecht Schuch) und um die große und zerbrechliche Liebe zu der jungen Schauspielaspirantin Cornelia (Saskia Rosendahl). Und das alles vor dem Hintergrund der unruhigen Zeiten in den Monaten vor Hitlers Machtergreifung, im Übergang zum Nationalsozialismus. Und ein bisschen geht es auch um den Machtmissbrauch, mit dem sich ein mächtiger Produzent eine junge, hoffnungsvolle Schauspielerin gefügig macht.

Roman und Verfilmung

Veröffentlicht hat Erich Kästner sein ironisch melancholisches Sittenbild vom Berlin der Zwanziger Jahre 1931, unter dem Titel "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten". Bereits kurz darauf fiel der Roman unter dem Vorwand der Sittenlosigkeit den Bücherverbrennungen zum Opfer. Einer Verfilmung hat der Autor zu Lebzeiten nie zugestimmt. Darum war Wolf Gremm dann der erste, der es 1980 versuchte, mit Hans Peter Hallwachs in der Titelrolle. Mehrfach wurde der Stoff in den letzten Jahren auch für die Bühne adaptiert, unter anderem 2019 am Deutschen Theater in Berlin.

Jetzt hat Dominik Graf die Geschichte neu verfilmt, basierend auf der 2013 rekonstruierten Urfassung des Romans "Der Gang vor die Hunde". Schon im Titel schwingt die Mahnung mit, vor dem herannahenden Unheil. Und das ist hier ganz gewiss nicht nur historisch zu verstehen.

"Wir fahren alle im gleichen Zug"

"Wir sitzen alle im selben Zug, und reisen quer durch die Zeit", schreibt Fabian, der verhinderte Literat, der tags als Werbetexter für eine Tabakfirma arbeitet und sich nachts mit seinem revolutionären Freund Labude (Albrecht Schuch) durchs vibrierende Berliner Nachtleben treiben lässt.

"Wir sehen hinaus und sahen genug. Wir fahren alle im gleichen Zug und keiner weiß wie weit…". Die literarische Erzählstimme von Kästner schimmert immer wieder durch. Auch als Zuschauer nimmt man den Zug in diese Welt der frühen Dreißigerjahre. Beginnend mit einer langen Kamerafahrt durch einen historischen Berliner Jugendstil-Bahnhof, vorbei an heutigen Passanten rutscht man mit der U-Bahn quasi fließend in die Zwanzigerjahre.

Von der Vergangenheit lernen, statt sie aufs Neue zu wiederholen

Die gespielten Szenen sind dynamisch mit historischen Archivaufnahmen versetzt, die Zeitreise entwickelt einen hypnotischen Sog. Spätestens seit der Fernsehserie "Babylon Berlin" wurden filmisch die frappierenden Parallelen zwischen der Weimarer Republik und unseren Zwanzigerjahren thematisiert, die unsicheren politischen Konstellationen, Krisen, das Erstarken rechtsnationaler Parteien, die damit einhergehenden Fragen zur persönlichen Haltung.

Ähnlich wie vor einigen Jahren Christian Petzold in "Transit", verschränkt und spiegelt jetzt auch Dominik Graf Historie und Gegenwart. Jeder Satz der gesprochen, jede Beobachtung, die gemacht wird, entwickelt einen doppelten Boden. Und das durchaus in der Hoffnung, man könne von der Vergangenheit doch mal lernen, statt sie immer nur aufs Neue zu wiederholen. In einer Zeit des sittlichen und moralischen Verfalls, geht es immer wieder um moralische Entscheidungen. Auf ausgesprochen idealistische, fast capraeske Weise folgt Fabian einem klaren Kompass für das Richtige und Gute, wird aber von den schwierigen Verhältnissen zunehmend unter Druck gesetzt.

Große Romantik und tiefe Abgründe

Das Flirrende der Geschichte entsteht nicht allein durch das Oszillieren zwischen den Zeiten, sondern ganz besonders auch durch die Liebesgeschichte, die sich bald zwischen Jakob Fabian und Cornelia Battenberg entwickelt. In Verbindung mit Fabians Freund Labude deutet sich eine verspielte Ménage à trois an, die entfernt an "Jules und Jim" von Truffaut erinnert: "Fräulein Cornelia Battenberg, ich erteile Ihnen hiermit die Erlaubnis für einen eheähnlichen Bund mit dem hier anwesenden Jakob Fabian", kokettiert Labude: "Sollte sich Herr Fabian aber wider Erwarten als nicht geeignet erweisen, gehen Sie ohne zeitliche Verzögerung in meinen Besitz über."

Auch wenn Dreiecksgeschichten wie "Der rote Kakadu" und "Die geliebten Schwestern" bereits romantische Züge hatten, zeigte sich Dominik Graf noch nie so offen als wirklich großer Romantiker, wie in diesem – ja – Spätwerk, könnte man fast sagen.

FAZIT: Ein verblüffend jugendlich und frisch anmutender Film, mit einer betörenden Chemie zwischen wunderbaren Schauspielern, mit elektrisierenden Schnittrhythmen und mal gleitenden mal energischen Kamerabewegungen. Allen unterschwellig drohenden Gefahren zum Trotz ist "Fabian" auch eine Liebeserklärung an die Liebe und das Leben, während es zugleich um große moralischen Fragen geht.

"Fabian oder Der Gang vor die Hunde" von Dominik Graf, mit Tom Schilling, Saskia Rosendahl, Albrecht Schuch, Meret Becker u.a., 176 min, Deutschland

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