Berlinale-Filmkritik | "Forest - I See You Everywhere" - Düster, auf Twist getrimmt - und letztlich belanglos

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Audio: rbbKultur | 03.03.2021 | Carsten Beyer Download (mp3, 6 MB)

Der Ungar Bence Fliegauf ist mit einem Episodenfilm zurück im Wettbewerb. Doch die sieben düsteren, kammerspielartigen Episoden sind zu sehr auf Effekt getrimmt, als dass sie berühren könnten. Von Fabian Wallmeier

Diese Rezension wurde am 03.03.2021 erstveröffentlicht im Rahmen des digitalen Branchen-Events der 71. Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Eine junge Frau kommt in eine dunkle Wohnung, das grobkörnige Kamerabild zeigt sie vor ältlichem braunen Mobiliar. Sie ruft ihren Großvater. Er antwortet nicht.

Der Einstieg in Bence Fliegaufs Wettbewerbsbeitrag "Forest - I See You Everywhere" ist knapp gehalten. Kurz darauf beginnt eine ganz andere Szene - und als die Zuschauenden der jungen Frau ganz am Ende des Films doch noch wieder begegnen, war sie schon fast vergessen.

Der Film des Ungarn besteht aus sieben aufeinanderfolgenden Kammerspiel-Episoden, nur die erste ist zweigeteilt und geht am Ende weiter. Sie werden nicht miteinander verwoben, es tun sich beim Schauen nicht nach und nach Querverbindungen zwischen den Figuren auf, wie es in Episodenfilmen sonst oft der Fall ist.

Bence Fliegauf

Der Regisseur des Films "Forest – I See You Everywhere", Bence Fliegauf. Berlinale Wettbewerb 2021. (Quelle: Natasa Novalik)
Natasa Novalik

Der 1974 in Budapest geborene Künstler absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Bühnenbildner. 2003 zeigte das Forum sein Regiedebüt "Forest", das mit dem Wolfgang-Staudte-Preis ausgezeichnet wurde. Sein zweiter Film "Dealer", lief ebenfalls im Forum. "Milky Way "wurde beim Locarno Film Festival mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet, "Just the Wind" gewann bei der Berlinale 2012 den großen Preis der Jury. (Quelle: berlinale.de)

Irgendwo lauert immer der Tod

Doch alle Episoden sind auf andere Art verbunden: Es treffen jeweils nur zwei bis drei Figuren aufeinander, sie treffen in tristen dunklen Innenräumen aufeinander, die Stimmung ist ebenso düster, es gibt kaum Schnitte, auf Humor wird komplett verzichtet, die Figuren monologisieren, sie streiten sich über existenzielle Fragen, irgendwo lauert immer der Tod, oder er war schon da und es kommt fast immer irgendetwas Überraschendes ans Licht.

Wäre Letzteres nicht gegeben, wäre "Forest" nur schwer zu ertragen. So aber hat man schnell verstanden: Hier wird nicht nur in Tristesse gebadet, sondern es gibt in jeder Episode auch immer einen zumindest kleinen Plot-Twist, um die Zuschauer*innen halbwegs bei der Stange zu halten.

In einer Episode erzählt ein Mädchen, seltsam unterkühlt, im Stil eines Vortrags, mit unterstreichenden Symbolen auf ihrem Tablet-Screen, von der Nacht, in der ihre Mutter starb. All das fügt sich erst allmählich zusammen – und auch wer ihr da zuhört, ist zunächst nicht klar: Es ist ihr Vater, der dann wiederum mit mühsam unterdrückter Wut seine Version der Geschichte erzählt.

Mal scheinbar banal, mal rätselhaft

Andere Episoden sind von der Anlage her banaler: In einer will eine Mutter ihrem Teenager-Sohn aus religiösen Gründen das Fantasy-Rollenspiel verbieten, in einer anderen ist eine Frau eifersüchtig, weil ihr Freund oder Mann seiner ehemaligen Affäre eine Kamera geliehen hatte. Doch auch hier ist der Twist ins Düstere nicht weit.

Wiederum andere Episoden zielen stärker auf das Rätselhafte und auf etwas billige Schockeffekte ab: In einer wird angedeutet, dass der Sohn eines schwer kranken Vaters nach dessen Tod mit seiner Frau (der Mutter des Sohnes? Das bliebt offen.) zusammen sein soll: "Du bist jetzt an der Reihe", sagt der Vater. In einer anderen Episode sprechen ein Mann und eine Frau (für die Zuschauenden) vieldeutig von einer "Sie", die sie vermissen. Die Auflösung (die hier nicht verraten wird) könnte ein Gag sein, kommt aber mit einer solchen Ernsthaftigkeit daher, dass sie nur noch lachhaft wirkt.

Strahlendes Schlussbild

Bence Fliegauf war 2012 schon einmal im Berlinale-Wettbewerb zu Gast: "Just the Wind" erzählte nach einer wahren Begebenheit von Morden an Roma in Ungarn. Ein eindringlicher, politisch wichtiger und stilistisch gekonnter Film. "Forest - I See You Everywhere" dagegen gibt seinen Geschichten niemals die Chance, wirklich eindringlich zu werden. Zu sehr sind sie auf Effekt gestrickt, bleibt die Düsternis und tiefe Verletztheit der Figuren an der Oberfläche und damit schale Behauptung.

Umso schaler wirkt dann auch der finale Effekt: Als Fliegauf ganz am Ende zur ersten Episode zurückkehrt, geht der Twist nicht ins Düstere, sondern plötzlich ins Hoffnungsvolle. Er gönnt sich ein strahlendes Schlussbild – und lässt den Film damit endgültig in die Belanglosigkeit kippen.

Fazit: Bence Fliegaufs "Forest - I See You Everywhere" setzt sich aus düsteren Kammerspiel-Episoden zusammen, die schlechte Laune machen und dann einen Plot-Twist präsentieren. Doch sieben auf Effekt getrimmte Episoden machen noch keinen guten Film.

"Forest - I See You Everywhere" von Bence Fliegauf, mit Juli Jakab, Lázló Cziffer, Lilla Kizlinger, Zsolt Végh, István Lénárt, Eszter Balla u.a., 112 min, Ungarn 2020

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Beitrag von Fabian Wallmeier

1 Kommentar

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  1. 1.

    Ich kenne keinen guten Film, der in Berlin zur Biennale kam. Warum sollte er auch kommen?

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