Filmstill "Herr Bachmann und seine Klasse" von Maria Speth, Wettbewerb Berlinale 2021 (Quelle: Madonnen Film)
Madonnen Film
Audio: Radioeins | 04.03.2021 | Anke Leweke | Bild: Madonnen Film Download (mp3, 11 MB)

Berlinale-Filmkritik | "Herr Bachmann und seine Klasse" - "Schule als Institution hat mich von Anfang an befremdet"

Der deutsche Wettbewerbsbeitrag von Maria Speth stellt einen engagierten Lehrer vor, den die Schülerpersönlichkeiten mehr interessieren als das reine Durchprügeln von Lehrstoff. Mit dreieinhalb Stunden ist die Doku allerdings arg lang geraten. Von Fabian Wallmeier

"Seid ihr alle noch müde? Wer ist noch müde", fragt Dieter Bachmann seine Klasse, die 6B der Georg-Büchner-Schule im hessischen Stadtallendorf. Etliche Hände gehen nach oben. "Okay, dann tauchen wir jetzt alle noch mal zwei, drei Minuten ab", beschließt er. Die Schüler*innen kennen das schon. Wie auf Kommando senken sie ihre Köpfe auf die Pulte, weich gebettet von den eigenen Unterarmen, und schließen die Augen.

Maria Speths Wettbewerbsbeitrag, der Dokumentarfilm "Herr Bachmann und seine Klasse", ist weniger ein Abbild gewöhnlichen deutschen Schulalltags. Sondern ist es vor allem das Loblied auf einen Lehrer, der mit etwas ungewöhnlichen Methoden arbeitet. In seinem Unterricht ist es normal, dass die eine Schülerin sich auch während des Unterrichts ein Nickerchen gönnt. Dass der andere Schüler sich aufs Sofa legt und vom Lehrer in ein Einzelgespräch verwickelt wird. Dass die Klasse mal früher geht, solange sie draußen keinen Lärm macht und Bachmanns Kollegen stört. Dass deutlich öfter zusammen Musik gemacht wird, als der Lehrplan das vermutlich vorsieht.

Zeugnisse? Egal.

Bachmann – Mitte 60, grauer Bart, nie ohne Wollmütze – versteht seinen Unterricht eher als ein ständiges Gespräch und weniger als die reine Vermittlung von Unterrichtsstoff. Zeugnisse seien eigentlich egal, beschwichtigt er die Klasse beim Austeilen derselben. Sie sagten letztlich nichts darüber aus, wer sie sind und was sie können.

Dass Bachmann sich mit solchen Aussagen nicht nur Freunde macht im Kollegium, dürfte auf der Hand liegen. Doch Speths Film zeigt das nicht, er bleibt in Bachmanns Mikrokosmos. Nur einmal deutet ein jüngerer Kollege an, wie Bachmanns Status ist: Wer denn, wenn Bachmann in Rente geht, "Remmidemmi", machen solle, fragt er ihn – da müsse unbedingt ein Ersatz her. Dass dieser junge Lehrer das selbst nicht sein will, liegt unausgesprochen auf der Hand.

Bachmann ist bei aller Freiheit in der Unterrichtsgestaltung eine klare Autoritätsperson, kann streng und bestimmt sein. Er verzichtet auch nicht komplett auf altmodisch anmutende Schulrituale. "Guten Morgen", begrüßt er seine Klasse. "Guuuteeen Mooorgeeen, Heeeerr Bachmann", leiern sie zurück, erst dann dürfen sie sich setzen. Was ihn aber auszeichnet, ist die Art, wie er auf jedes einzelne Mitglied seiner Klasse zugeht, wie er ihnen keine Denkfaulheit durchgehen lässt und in ihren Köpfen durch Fragen und hartnäckiges Nachhaken Stereotype und Vorurteile zum Wanken bringt.

Heterogenität stiftet Gemeinschaft

Die Schüler*innen haben größtenteils eine Einwanderungsgeschichte, mit Wurzeln in der Türkei, in Italien, Marokko, Bulgarien, Kasachstan und anderen Ländern. Manche von ihnen sind erst vor wenigen Jahren oder sogar Monaten nach Deutschland gekommen. Bachmann nimmt ihre individuellen Geschichten und Lebenswelten ernst, integriert die Heterogenität seiner Klasse immer wieder in den Unterricht. Und besteht darauf: Diese Klasse ist eine Gemeinschaft, man steht füreinander ein. Die besten Schüler*innen helfen denen, die nebenbei gerade erst die deutsche Sprache lernen müssen. Es ist dabei unmissverständlich für die Klasse wie für die Zuschauer*innen des Films, dass das mehr als hohle Phrasen sind.

"Herr Bachmann und seine Klasse" zeigt ein Schuljahr, das entscheidend ist für alle: Für die Schüler*innen wird sich am Ende entschieden haben, ob sie auf die Haupt-, die Realschule oder das Gymnasium gehen. Und Herr Bachmann steuert auf die Rente zu, 65 wird er demnächst. Wenn er morgens in den Spiegel schaue, sei er manchmal erschrocken über den Greis, der ihm dort entgegenblicke, sagt Bachmann in einer Szene, als er einem befreundeten Steinmetz bei einer Feierabendzigarette aus seinem Leben erzählt, gleich nachdem er der Klasse dort gezeigt hat, wie man einen Meißel richtig hält: in der Mitte, sonst haue man sich auf die Finger.

Die großen und kleinen Lebensweisheiten, die Bachmann von sich gibt, spricht er nie direkt in die Kamera, sondern er erzählt sie immer einem Gegenüber. Auf Talking-Heads-Szenen, in denen die Protagonist*innen interviewt werden, verzichten Maria Speth und ihr Kameramann und Co-Autor, der Langzeitgefährte und Berliner-Schule-Veteran Reinhold Vorschneider, nämlich komplett. Man taucht so ganz direkt in die Lebenswelt der Klasse und ihres Lehrers ein, ohne dass sie von den Beteiligten eingeordnet oder nachträglich reflektiert würde.

Mitunter redundant

Das funktioniert zwar gut, mitunter wird es aber dann doch redundant, ohne neue Facetten oder Erkenntnisse zu transportieren. Umso erhellender sind zentrale Szenen wie die mit dem Steinmetz. Da berichtet Bachmann, wie er Lehrer geworden ist: Rein finanzielle Überlegungen hätten dahinter gestanden – er habe schlicht seine Familie ernähren müssen. Auch habe er sich ziemlich lange dagegen gewehrt, nun Lehrer zu sein. "Schule als Institution hat mich schon von Anfang an befremdet. Bis heute eigentlich. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich da nicht hochkant rausfliege", sagt er. Und lacht. Denn wahrscheinlich merkt er, dass das wie eine ziemlich dreiste Koketterie wirken muss, wenn man sieht, mit wieviel Engagement und Überzeugung er jetzt Lehrer ist.

Am Ende des Films kommt die Klasse noch einmal im leergeräumtem Klassenzimmer zusammen. Für die Schüler*innen beginnen nun unterschiedliche Lebensabschnitte. Herr Bachmann bleibt allein zurück. Von hinten zeigt die Kamera ihn, wie er in den leeren Raum blickt und sich offenbar eine Träne aus dem Gesicht wischt. Dann blendet Speth langsam ins Schwarz. Die Botschaft: Dieser Mann kann zufrieden sein mit dem, was er erreicht hat. Doch so sehr man auch zustimmen mag: Warum man nun geschlagene dreieinhalb Stunden mit ihm und seiner Klasse verbracht hat, bleibt als große Frage ebenso im Raum stehen.

trailer

Fazit: "Herr Bachmann und seine Klasse" ist ein detailliertes Porträt eines außergewöhnlichen Lehrers. Eine Straffung hätte der Dreieinhalb-Stunden-Doku aber gut getan.

"Herr Bachmann und seine Klasse" von Maria Speth, mit Dieter Bachmann, Schüler*innen der Klasse 6 b, Schüler*innen der Klasse 6 f, 217 min, Deutschland 2021

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