Berlinale-Filmkritik | "Ich bin dein Mensch" - Der Algorithmus des Glücks

Berlinale 2021: Memory Box © Haut et Court - Abbout Productions - Micro_Scope
Haut et Court - Abbout Productions - Micro_Scope
Audio: rbbKultur | 01.03.2021 | Carsten Beyer Download (mp3, 6 MB)

Maria Schrader lässt Maren Eggert einen humanoiden Roboter als Lebenspartner testen. Ihre Science-Fiction-Tragikomödie "Ich bin dein Mensch" ist zu zäh und vorhersehbar, als dass sie echte Funken schlagen lassen könnte. Von Fabian Wallmeier

Die Filmkritik wurde am 01.3.2021 erstveröffentlicht im Rahmen des digitalen Branchen-Events der Berlinale.

Die Tür zu einem Ballsaal geht auf. Swing-Musik, Cocktails, fröhliches Geplauder, Tanzvergnügen. Doch Maria Schraders "Ich bin dein Mensch" spielt nicht im Berlin den 1920er Jahre, sondern rund 100 Jahre später - und der Ballsaal ist eine Art Showroom des Unternehmens Terrareca: Einige der Menschen, die da plaudern, sind Hologramme. Will man sie anfassen, greift man ins Leere. Andere sind Roboter, dafür gemacht, einsamen Menschen die perfekten Partner*innen zu sein.

Alma (Maren Eggert), eine erfolgreiche, ehrgeizige und tendenziell schwermütige Wissenschaftlerin am Berliner Pergamonmuseum, hat sich bereit erklärt, so einen Humanoiden für drei Wochen zu testen. Im Ballsaal stellt die kühle Terrareca-Angestellte (Sandra Hüller) ihr nun den Roboter Tom (Dan Stevens) vor. Der kann zwar ausgesprochen gut tanzen, gibt erst einmal nur entsetzliche Kitsch-Phrasen von sich ("Deine Augen sind wie Bergseen, in denen ich mich verlieren möchte") - und erleidet schnell einen Kurzschluss.

Maria Schrader

Regisseurin des Berlinale-Wettbewerb-films "Ich bin dein Mensch", Maria Schrader. (Quelle: Anika Molnár)
Anika Molnár

Ihren internationalen Durchbruch als Schauspielerin feierte Schrader 1999 mit "Aimée & Jaguar", für den sie auch mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Ihr Regiedebüt gab sie 2007 mit "Liebesleben", nach dem Roman von Zeruya Shalev. "Vor der Morgenröte" über Stefan Zweigs Leben im Exil, gewann den Publikumspreis der European Film Awards. 2020 erhielt Schrader als erste deutsche Regisseurin einen Emmy für die Serie "Unorthodox". (Quelle: berlinale.de)

"Darauf ausgerichtet, dich glücklich zu machen"

Später nimmt Alma den reparierten Tom mit nach Hause - und weiß erst mal gar nichts mit ihm anzufangen. Seine phrasenhafte Fröhlichkeit und seine auswendig gelernte Zuvorkommenheit irritieren sie. Als er ihr im Auto Berechnungen vorträgt, nach denen sie ihre Sitzposition im Sinne eines verminderten Unfallrisikos optimieren kann, ist sie schon leicht genervt. Als er später ihre Bibliothek neu sortiert, bekommt Alma noch schlechtere Laune. "Mein Algorithmus ist darauf ausgerichtet, dich glücklich zu machen", sagt Tom - und scheitert damit zunächst kläglich. Als er Wörter wie "klönen" und "Na klärchen" benutzt, ist Alma regelrecht angewidert. Sie stellt klar: Sie ist nur Produkttesterin und an einer Beziehung nicht interessiert.

Diese erste Hälfte des Films ist vor allem lustig gemeint. Doch die Witze sind zu naheliegend, die Dialoge zu vorabendserienhaft, als dass dabei echte Funken schlagen könnten.

"Komm, wir machen eine Naturerfahrung!

Toms künstliche Intelligenz lernt schnell dazu, er passt sich an Alma an - und es kommt, wie es kommen muss: Sie beginnt, Gefallen zu finden an diesem seltsamen Wesen. Ein Tag auf dem Land erweckt eine Leichtigkeit in Alma. Als Tom ihr vorschlägt, die Schuhe auszuziehen und barfuß über eine Wiese zu laufen ("Komm, wir machen eine Naturerfahrung!"), und nun beide fröhlich durch das Gras tollen, soll das wohl neue Lebensfreude transportieren. Es wirkt aber genauso schal und gestelzt wie zuvor mit Absicht die roboterhafte Ungelenkigkeit, da kann Maren Eggert noch so beglückt jauchzen.

Maria Schrader hat nach ihrem beeindruckend reduzierten und stilsicheren Stefan-Zweig-Biopic "Vor der Morgenröte" und dem internationalen Erfolg mit der Netflix-Serie "Unorthodox" einen leichten und leider auch seichten Film gedreht.

"Ich bin dein Mensch" stellt vor allem in der zweiten Hälfte, wenn der humoristische Kern des Themas abgehakt ist, Fragen nach der Sinnhaftigkeit der Liebe und nach den Grundlagen des Menschseins. Schrader schlägt dabei zwar Töne der Tiefgründigkeit an, bleibt aber unverbindlich und harmlos - und entscheidet sich am Ende seltsam unmotiviert für den ultimativen Kitsch. Schade, denn das Thema, der Cast und Schraders voriger Film hatten Hoffnung auf sehr viel mehr gemacht.

Fazit: Kann ein Roboter einen Menschen ersetzen? "Ich bin dein Mensch" stellt diese Frage, gibt sich aber nicht allzu viel Mühe mit der Antwort. Maria Schraders Wettbewerbsfilm ist leider eine Enttäuschung.

"Ich bin dein Mensch" von Maria Schrader, mit Maren Eggert, Dan Stevens, Sandra Hüller, Jürgen Tarrach, Monika Oschek u.a., 105 min, Deutschland 2021.

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Sendung: 01.03.2021, rbbKultur, 19:45 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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