Berlinale-Filmkritik | "Memory Box" - Bürgerkrieg im Mädchenzimmer

Berlinale 2021: Memory Box © Haut et Court - Abbout Productions - Micro_Scope
Haut et Court - Abbout Productions - Micro_Scope
Audio: rbbKultur | 01.03.2021 | Carsten Beyer Download (mp3, 6 MB)

Der libanesische Wettbewerbsbeitrag erzählt von der 17-jährigen Alex und ihrer Mutter Maia, die beide an den Traumata des libanesischen Bürgerkrieges leiden und der Macht der Erinnerungen. Doch leider bleibt die Story über weite Strecken kitschig. Carsten Beyer

Dieser Text wurde erstveröffentlicht am 1.3.2021 im Rahmen des digitalen Branchenevents der Berlinale.

Maia (Rim Turki) lebt mit ihrer Tochter Alex (Paloma Vauthier) in Kanada, dem Land, in das sie vor vielen Jahren während des libanesischen Bürgerkriegs geflohen ist. Der Vater, so erfahren wir bereits im Vorspann des Films, hat die Familie verlassen und ist in Frankreich. Dritte im Familien-Bunde ist stattdessen die Großmutter Téta (Clémence Sabbagh), eine strenge und zugleich liebevolle Frau, die auch nach 30 Jahren im Exil kaum Französisch spricht und mit ihrer Enkelin am liebsten auf Arabisch in alten Erinnerungen schwelgt.

Joana Hadjithomas (li) und Khalil Joreige

Die Regisseure des Films "Memory Box", Joana Hadjithomas und Khalil Joreige. (Quelle: Hadjithomas/Joreige)
Hadjithomas/Joreige

1969 in Beirut geboren, verarbeiten sie auf künstlerisch unterschiedliche Weise die Nachwirkungen des Libanesischen Bürgerkriegs. Dabei nutzen sie verschiedene Medien. Unter anderen wurden ihre Spielfilme "A Perfect Day" und "The Lebanese Rocket Society" auf internationalen Festivals ausgezeichnet. Ihre Kunstwerke wurden weltweit ausgestellt. (Quelle: berlinale.de)

Überraschung am Weihnachtstag

Doch in den familiären Erinnerungen an die guten alten Zeiten in Beirut wird vieles ausgeblendet. Das wird spätestens an dem Tag klar, an dem der Briefträger ein mysteriöses Paket ins Haus bringt: Eine Kiste mit alten Tagebüchern, Tonbändern und Fotos, die Maia während des Bürgerkriegs an ihre beste Freundin Liza geschickt hat, und die nun - nach Lizas Tod - zu ihr zurückkehren. Téta vermutet sofort großes Unheil und auch Maia weigert sich zunächst, die "Memory Box" zu öffnen, weil sie nicht die Kraft hat, sich ihren Erinnerungen zu stellen. Ihre Tochter aber kann nicht widerstehen. Als Alex während eines langen Schneesturms zu Hause festsitzt, öffnet sie heimlich in ihrem Mädchenzimmer die Kiste und erfährt so von der turbulenten Jugend ihrer Mutter im Beirut der 80er-Jahre.

Rückgriff auf eigene Erfahrungen

"Memory Box" ist bereits der zehnte gemeinsame Film von Joana Hadjithomas und Khalil Joreige – zwei Regisseur*innen und Dokumentarist*innen, die sich in ihrem Schaffen immer wieder mit den emotionalen Folgen von Kriegstraumata auseinandersetzen. Zwar haben sie diesmal ein erzählerisches und kein dokumentarisches Format gewählt. Dennoch bringen sie sich selbst und ihre Erfahrungen als Angehörige der Kriegsgeneration mit ins Spiel: Als Archivmaterial für die Geschichte von Maia und Alex dienten Hefte und Tonbänder, die Hadjithomas zwischen 1982 und 1988 geführt und besprochen hat sowie die Bürgerkriegs-Bilder von Joreige: Fotos einer einstmals blühenden und mittlerweile völlig zerstörten Stadt.

Jeunesse dorée im Luftschutz- Keller

Aus verblichenen Fotos, aus handgeschriebenen Tagebucheinträgen und alten Tonbandcassetten montieren Hadjithomas und Joreige eine bunte, schrille und stellenweise kitschige Story, die sich im Wesentlichen um Maias pubertäre Konflikte mit ihren Eltern und ihre Liebe zu dem jungen Radio- DJ Raja (Hassan Akil) dreht. Erst nach und nach mischen sich düstere Vorahnungen in die Bilder einer tanzenden und feiernden Jeunesse dorée: Maias Bruder kommt bei einem Attentat ums Leben, das eigentlich ihrem Vater gegolten hatte, Raja schließt sich einer Bürgerkriegs-Miliz an, und Maias Berichte kommen nun immer öfter aus dem Luftschutz-Keller, in dem die Nachbarschaft das nächste Bombardement abwartet.

Penetrante Social Media- Ästhetik

Unsere Erinnerungen, ganz egal wie gut wir sie verdrängt zu haben glauben, kommen immer wieder zu uns zurück. Das ist die zentrale Botschaft von "Memory Box". Doch die plumpe Dramaturgie des Films und die penetrante Social-Media-Ästhetik machen viel davon wieder kaputt. Aus der Coming-of-Age-Story einer jungen Frau im vom Bürgerkrieg zerrütteten Libanon wird eine Foto-Love-Story im Stile einer billigen Jugendpostille, aus dem Familiendrama um drei libanesische Frauen eine Seifen-Oper. Das ist schade, denn die Grund-Idee von Hadjithomas und Joreige ist durchaus interessant, und auch die schauspielerischen Leistungen der drei Hauptdarstellerinnen sind in Ordnung.

Die Geschichte geht weiter

Am Ende kehren Maia und Alex für einen kurzen Besuch nach Beirut zurück. Die Stadt hat sich verändert. Die Ruinen von gestern sind die Baustellen von heute, selbst die Gräber der Angehörigen sind nicht mehr aufzufinden. Nach einer rauschenden Wiedersehensfeier mit den alten Freunden stehen Mutter und Tochter am Hafen und warten auf das Schiff, das sie wieder zurück in ihre Neue Heimat bringen soll. "Der Hafen?" denkt der aufmerksame Beobachter. Genau! Der Hafen, der nur wenige Monate nach Drehschluss durch eine gigantische Explosion in Schutt und Asche gelegt wurde: Der Libanon wird wohl weiter Stoff für traurige Filme liefern

FAZIT: Was macht der Krieg mit den Menschen? Und welche Spuren hinterlässt er selbst bei jenen, die ihn gar nicht mehr miterlebt haben? Diesen Fragen geht der Film nach, leider mit einer plumpen Dramaturgie und aufdringlicher Social-Media-Ästhetik.

"Memory Box" von Joana Hadjithomas & Khalil Joreige, mit Rim Turki, Manal Issa, Paloma Vauthier u.a., 100 min, Frankreich, Libanon, Kanada, Katar 2021

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Sendung: rbbKultur, 01.02.2021, 19:45 Uhr

Beitrag von Carsten Beyer

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