Berlinale-Filmkritik | "Natural Light" - Zwischen Aschgrau und Sepiabraun

Di 15.06.21 | 09:28 Uhr | Von Fabian Wallmeier
Természetes fény (Natural Light) © Tamás Dobos
Tamás Dobos
Audio: rbbKultur | 03.03.2021 | Carsten Beyer Download (mp3, 6 MB)

Ungarische Truppen halfen der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg beim Aufspüren von Partisanen in der Sowjetunion. Dénes Nagy hat daraus einen archaischen Film gemacht, der vor allem von seiner düsteren Lichtgestaltung lebt. Von Fabian Wallmeier

Dieser Text wurde am 2.3.2021 erstveröffentlicht im Rahmen des Digitalen Branchenevents der Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Der Winter 1943 bricht an in der Weite der Sowjetunion. Ein Fluss ist zu sehen, am Ufer Wald und erster Schnee. Ungarische Truppen sind hier unterwegs, um als Verbündete der deutschen Wehrmacht sowjetische Partisanen aufzuspüren.

Zunächst einmal finden sie aber nur einen Hirsch. Ein Mann hat ihn erlegt und transportiert ihn auf einem Ruderboot. Die Truppen fangen ihn ab, beordern ihn ans Ufer und beginnen das Tier zu zerlegen. Dabei fallen kaum Worte, man spricht nur das Allernötigste. Der Hirsch wird gebraucht, also wird er zerlegt und mitgenommen. Mehr gibt es nicht zu sagen.

Dénes Nagy

Der Regisseur des Films "Natural Light", Dénes Nagy. Wettbewerb Berlinale 2021. (Quelle: Tamás Dobos)
Tamás Dobos

Der ungarische Filmemacher (Jahrgang 1980) schloss sein Studium an der Universität für Film- und Theaterkunst in Budapest 2009 ab. 2012 nahm Nagy am Programm Berlinale Talents teil. Mit seinem Kurzfilm "Soft Rain" (2013), für den er mehrfach ausgezeichnet wurde, gelang ihm der internationale Durchbruch. (Quelle: berlinale.de)

Nur der Berlinale-Bär bringt Farbe

"Natural Light", das Langfilmdebüt von Dénes Nagy, ist ein ausgesprochen trister, aber auch recht eindrücklicher Film. Das "natürliche Licht", das dem Film seinen Titel gibt, chargiert zwischen Aschgrau und Sepiabraun. Die mit Abstand strahlendste Farbe steuert der rote Berlinale-Bär bei, der bei den Streamings immer oben rechts eingeblendet wird.

Auf ihrem Weg in ein abgelegenes Dorf geraten sie unter Beschuss, der Kommandeur wird dabei getötet. Nun muss der wortkarge Semetka (Ferenc Szabó) als Ranghöchster das Kommando übernehmen. Etwas widerwillig und überfordert führt er seine Leute durch Wald und Sumpf. Immer wieder blickt die Kamera (Tamás Dobos) in den menschenleeren graubraunen Wald, als warte sie auf etwas, das dann aber niemals kommt.

Semetkas müder Trek zieht wortkarg durch den Schlamm und kehrt schließlich dahin zurück, wo sie schon waren. Dorfbewohner werden dort in eine Scheune gebracht, die Häuser werden durchsucht. Irgendwer muss hier ein Partisane sein. Semetka zeigt ein bisschen Menschlichkeit und gibt einer Frau mit Säugling, die um etwas zu trinken bittet, einen Blechkrug mit Wasser.

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Wenig getan und doch schuldig

Verstärkung rückt an, Semetka wird wieder losgeschickt - und als er zurückkehrt, hat er Schuld auf sich geladen. Nicht direkt, aber er hat nicht verhindern können, was passiert ist. Mehr soll hier nicht verraten werden, denn es ist der entscheidende Wendepunkt im Film.

Semetka ist in die Irre geführt worden, wie ihm ein Vorgesetzter freimütig erzählt. Er nimmt das stoisch zur Kenntnis, hört sich eine längliche Geschichte an, mit der der Vorgesetzte sein Verhalten erklären will. Er lässt sich sogar noch von ihm umarmen und dazu nötigen, ein Foto in Siegerpose von ihm zu schießen. Als er später bei einem ranghöheren Soldaten im Zimmer sitzt, lässt er aus, was wirklich passiert ist.

Dieser Semetka hat wenig getan und doch Schuld auf sich geladen. In seinem Blick könnte davon vielleicht etwas zu erkennen sein, wenn es nicht so verdammt düster wäre. Nagy verlässt sich bei der etwas groben Charakterzeichnung der Hauptfigur auf die Kraft des Archaischen und Existenziellen.

Am Ende sitzt Semetka schweigend und mit sich hadernd im Zug nach Hause. Es dämmert und er ist kaum zu sehen. Draußen ist die Sonne fast unter gegangen. Doch was die Kamera davon einfängt, hat nichts Schönes oder gar Erhabenes an sich: Der rote Streifen, den der Sonnenuntergang an den Horizont malen will, wird vom Dunkelgrau der Wolkendecke und vom Schwarzgrau der dämmerigen Winterlandschaft fast zerquetscht. Manchmal hat natürliches Licht einfach keine Chance zu strahlen.

Fazit: "Natural Light" ist eine doppelt düstere Angelegenheit: Die Weltkriegsgeschichte um Schuld und Verantwortung ist düster - und die Lichtgebung erst recht. Hier strahlt kaum mal etwas - was Dénes Nagys Langfilmdebüt aber nicht schlecht zu Gesicht steht.

"Natural Light" von Dénes Nagy, mit Ferenc Szabó, Tamás Garbacz, László Bajkó, Gyula Franczia, Ernő Stuhl, u.a., 103 min., Ungarn, Lettland, Frankreich, Deutschland 2020.

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