Filmstill aus "Nebenan" von Daniel Brühl, Berlinale 2021 (Quelle: Reiner Bajo)
Audio: Antenne Brandenburg | 02.03.2021 | Frauke Gust | Bild: Reiner Bajo

Berlinale-Filmkritik | "Nebenan" - Daniel Brühls Regiedebüt - ein entlarvendes Portrait der Branche

Es ist nicht immer die beste Idee, wenn Schauspieler auf den Regiestuhl wechseln. Daniel Brühl, Schauspieler und Kneipier, wagt den Schritt mit "Nebenan": eine selbstironische Abrechnung mit seiner eigenen Karriere und seiner Wahlheimat Berlin. Von Anna Wollner

Die ersten Szenen aus "Nebenan" könnten auch einem Til-Schweiger- oder einem Matthias- Schweighöfer-Film entstammen. Ein junger, durchtrainierter Mann rudert mit Blick auf den Alex in einer loftähnlichen Waschbeton-Wohnung über den Dächern der Stadt auf seiner Rudermaschine. Im Bad – in ähnlichen Grautönen gehalten wie der Rest der durchgestylten Wohnung – stehen überteuerte Pflegeprodukte.

"You crawled out of Partheus" wirft Daniel (Daniel Brühl) seinem Spiegelbild entgegen. Ein kurzer Schnack mit der spanisch sprechenden Nanny, ein verträumter Blick von der glasummantelten Dachterrasse in die Weiten des städtischen Horizonts, ein kurzes Toben mit dem Nachwuchs, ein flüchtiger Kuss für seine Frau und er fährt mit dem gläsernen Fahrstuhl nach unten.

Daniel Brühl verkörpert hier eine Version von sich selbst

Es ist genau diese Eröffnung, die einen Teil des Dilemmas des Films auf den Punkt bringt: die immer weiter voranschreitende Gentrifizierung in der Stadt. Das Verdrängen der Alten, der Alteingesessenen, der Ur-Berliner durch die Neuen, die Reichen. Der Fahrstuhl ist exklusiv für die exklusive Dachgeschosswohnung, der Rest des Hauses aber trägt das klassische Braun-Grau eines unsanierten Mietshauses in Prenzlauer Berg.

Brühl verkörpert in "Nebenan" eine Version von sich selbst und tut das mit viel Selbstironie. Er ist der Star-Schauspieler, der den Sprung nach Hollywood geschafft hat, auf dem Weg nach London zu einem Casting für eine Rolle in einem Superheldenfilm. Er läuft wie ein Cowboy über das Kopfsteinpflaster seines Kiezes. Statt Pistole immer das Handy im Anschlag, Airpods im Ohr, im Dauergespräch mit Siri, London oder Hollywood. Der schwarze Rimowa-Koffer tänzelt um ihn herum wie ein treuer tierischer Begleiter. Hier holpert kein verlorengegangener AirBnB-Tourist über das Trottoir, sondern ein zugezogener Schnösel, der es geschafft hat und der glaubt, der Kiez, nein die Welt, gehöre ihm.

Daniel ist gekommen, um Rache zu üben

Es dauert keine fünf Minuten, da wird er geerdet. Bei einem kurzen Abstecher in die Eckkneipe "Zur Brust", einen jener Urberliner Orte, die – noch – gegen die Gentrifizierung erfolgreich kämpfen. Die Wirtin (wunderbar beobachtend Rike Eckermann), zapft morgens schon Bier. Eine verlorene Gestalt am Tisch, einer am Tresen. Hier läuft noch Schlagermusik von der guten alten Kassette, hier gibt es Sülze mit Gürkchen, hier ist die Ostberliner Welt noch in Ordnung. Und hier in der Kneipe kennt man ihn vom Sehen, aber der Wirtin und den Gästen ist egal, wer er ist. Oder auch nicht?

Der Mann am Tresen: Peter Kurth als Bruno, Khaki-Hose, braunes Hemd. Der absolute Kontrast zu Daniels teurem Maßanzug. Die beiden kommen ins Gespräch, auch wenn es Daniel nicht passt. Er glaubt zunächst, einen Fan vor sich zu haben. Dass Bruno sich mit der frisch signierten Serviette den Bierschaum vom Mund wischt, irritiert ihn. Aber er ist Profi genug, so etwas zu übersehen. Die beiden Männer reden. Erst über die Karriere des Schauspielers. Dann über die Gentrifizierung. Dass das eine mit dem anderen zu tun hat, erkennt Daniel zu spät. Denn Bruno ist gekommen, um Rache zu nehmen, das Leben von Daniel innerhalb ein paar Stunden auf den Kopf zu stellen.

Und dann platzt die Blase

"Nebenan" ist ein Eckkneipen-Kammerspiel. Die Idee hatte Daniel Brühl selbst, Daniel Kehlmann – die beiden kennen sich spätestens seit "Ich und Kaminski" – hat das Drehbuch geschrieben. Den eindeutig besseren Part hat dabei Peter Kurth abbekommen. Kurth ist fies, Brühl selbstironisch. Der Wendeverlierer und Gentrifizierungsopfer gegen den schauspielernden Yuppie, der jedes Klischee zu erfüllen mag.

Die Themen sind weit gefächert, manchmal leider zu weit. Brühl gibt Einblicke in das System Hollywood und nimmt dabei seine eigene Karriere aufs Korn. Die Serie, die er in Budapest gedreht hat, soll erst nach den Emmy-Nominierungen grünes Licht für eine zweite Staffel bekommen. Und sein Drang, etwas herauszufinden über die Biografie des Schurken, dem er im Londoner Casting gegenüberstehen wird, ist groß. Das Resultat dann allerdings ist ernüchternd. Mit einem einzigen Fakt platzt die Superheldenblase: Bruno wirft ihm vor, sorgenvolle Interviews über Flüchtlinge immer nur dann zu geben, wenn er einen Film promoten will.

Es geht um mehr als nur Schauspielkritik

Auch die deutsche Filmbranche bekommt in diesem Film ihr Fett weg. Bruno konfrontiert Daniel mit seiner schauspielerischen Leistung in seinen früheren Filmen. Ein Stasi-Film war dabei, der mit dem typischen Blick der Wessi-Romantik inszeniert und gespielt worden sei. Bruno ist in seiner Kritik schonungslos, Daniel erst gelangweilt, dann genervt, dann vor den Kopf gestoßen. Denn es geht Bruno um mehr als Schauspielkritik.

So messerscharf die Dialoge auch sind, auch das Spiel der beiden Schauspiellegenden Brühl und Kurth ist ein wortgewandtes Gefecht - mal auf Augenhöhe und mal nicht.

Am Ende verliert "Nebenan" ein bisschen den Biss. Gentrifizierung, der ewig währende Ost-West-Konflikt, der Diskurs über die filmische Stasi-Aufarbeitung der Deutschen – Themenfelder, die nur angerissen werden. Am Ende verliert sich Brühls Regiedebüt in ein Genrestück à la "Das Fenster zum Hof". Spaß macht es allerdings trotzdem. Wie viel Autobiografisches nun wirklich in der Figur des Daniel steckt, bleibt aber wohl vorerst Brühls Geheimnis.

FAZIT: Daniel Brühls Regiedebüt ist ein Berliner Eckkneipenkammerspiel. Und es ist ein Rundumschlag gegen Gentrifizierung, die deutsche Filmbranche, Hollywood, blasierte Schauspieler und die Ost-West-Debatte. Furios selbstironisch und furios fies gespielt von Daniel Brühl und Peter Kurth.

"Nebenan" von Daniel Brühl, mit Daniel Brühl, Peter Kurth, Rike Eckermann, Aenne Schwarz, Gode Benedix u.a., 92 min, Deutschland 2021.

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Beitrag von Anna Wollner

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