Filmstill: "Petite Maman" von Céline Sciamma, Wettbewerb Berlinale 2021. (Quelle: Lilies Films)
Lilies Films
Audio: rbbKultur | 03.03.2021 | Carsten Beyer | Bild: Lilies Films Download (mp3, 6 MB)

Berlinale-Filmkritik | "Petite Maman" - Seltsame Begegnungen im Wald der Erinnerung

Nach dem Tod ihrer Großmutter trifft die achtjährige Nelly im Wald auf ein Mädchen, das ihre Zwillingsschwester sein könnte. In poetischen Bildern erzählt Céline Sciamma eine stille Geschichte über Trauern, Loslassen und Erwachsenwerden. Von Ula Brunner

"Petite Maman" beginnt mit Abschieden: Nellys Großmutter ist verstorben. Während ihre Mutter Marion (Nina Meurisse) die letzten Habseligkeiten verpackt, geht die Achtjährige (Joséphine Sanz) von Zimmer zu Zimmer, um auch die anderen alten Heimbewohnerinnen ein letztes Mal zu sehen.

"Ich bin traurig, ich habe ihr nicht richtig 'Auf Wiedersehen' gesagt", sagt Nelly abends im Bett zu Marion. "Aber ich wusste nicht, dass es das letzte Mal war." Die Mutter tröstet: "Wir wissen nie, dass es das letzte Mal ist."

Céline Sciamma französischer Wettbewerbsbeitrag findet sehr schnell zum Kern seiner Geschichte, zur Frage, wie ein Kind mit Abschieden und dem Tod eines geliebten Menschen klar kommt. Doch nicht nur: Zugleich ist "Petite Maman" ein Film über die stummen Rätsel der Erwachsenenwelt, die Magie der Kindheit und das liebevolle Zusammentreffen der Generationen.

Dann begegnet sie ihrer Doppelgängerin

Nellys kleine Familie ist zum Ausräumen in das einsame Haus der Großmutter auf dem Land zurückgekehrt, in dem auch ihre Mutter ihre Kindheit verbrachte. Die Erinnerungen sind hier gegenwärtig, nicht nur in den alten Schulheften, die Nelly gemeinsam mit ihrer Mutter anschaut. Marion tut das nicht gut, sie ist traurig und zurückgezogen, zwischen den Eltern spürt Nelly eine unausgesprochene Spannung. Das Mädchen ist viel alleine und streift tagsüber durch den Wald auf der Suche nach dem Baumhaus, im dem schon ihre Mutter spielte.

Eines Morgens erzählt ihr der Vater (Stéphane Varupenne), dass die Mutter unvermittelt abgereist ist. Kurze Zeit darauf trifft Nelly im Wald auf ein gleichaltriges Mädchen (Gabrielle Sanz), das ihr aufs Haar gleicht und Marion heißt - wie ihre Mutter. Als es zu regnen anfängt, suchen sie Schutz in Marions Zuhause, das dem Haus von Nellys Großmutter bis aufs letzte Möbelstück ähnelt.

Die eigene Mutter als Kind

Bald wird klar, dass Marion tatsächlich Nellys Mutter als Kind ist. Ganz Ende des Films sprechen die Mädchen das auch aus: "Ich bin deine Tochter", sagt Nelly. "Kommst du aus der Zukunft?", fragt Marion.

Mit der eigenen Mutter als Kind spielen - ist das, was Nelly erlebt, nicht auch ein wahrgewordener Kindheitstraum von uns? Denn anders als in einer hierarchischen Mutter-Tochter-Beziehung, können die Mädchen quasi auf Augenhöhe über das sprechen, was für sie wichtig ist: Unsicherheit, Traurigkeit, die Frage, was Sterben eigentlich bedeutet. "Wir wollen keine Geheimnisse behüten, wir wissen nur nicht, wem wir sie erzählen sollen", sagt Nelly einmal. Gemeinsam geben die Kinder nun dem kreativen Raum, was von den Erwachsenen nicht zur Sprache gebracht wird. Ganz nebenbei haben Marion und Nelly viel Spaß miteinander.

Sciamma treibt dieses wunderbare Spiel mit den sich spiegelnden Realitäten, Menschen und Zeiten bis zur Ununterscheidbarkeit. Die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Wirklichkeit und Imagination verschwinden. Sie sind auch nicht wichtig.

"Wir wollen keine Geheimnisse hüten"

Trotz der tiefenpsychologischen Komponente bleibt der Film auf erfrischende Weise auf dem Boden. Das liegt nicht zuletzt an der Natürlichkeit der beiden jungen Hauptdarstellerinnen, die im echten Leben tatsächlich Zwillingsschwestern sind. Präzise und ruhig beobachtet Kamerafrau Claire Mathon die beiden Mädchen. Mal albern sie kindlich herum und backen Pancakes, mal inszenieren sie mit großem Ernst Erwachsenen-Rollenspiele: Nelly besitzt eine Cola-Plantage in Südamerika und berichtet dem "Inspektor" Marion vom Tod ihres Mannes. Auch die Großmutter taucht als junge Frau auf, und Nelly kann ihre Mutter etwas besser verstehen.

Immer wieder treffen sich ihre Wege im Wald. Hier haben sich die Kinder eine kleine Hütte aus Ästen und Zweigen mit rotbunten Blättern gebaut - ein herbstlich schimmernder Ort der Nähe und Geborgenheit.

Feines Gespür für kindliche Erlebniswelten

2019 hatte die Französin Célina Sciamma für ihren Film "Porträt einer jungen Frau in Flammen" beim Filmfestival in Cannes den Preis für das beste Drehbuch erhalten, und auch in ihrem aktuellen Wettbewerbsbeitrag ist sie für Script und Regie verantwortlich.

"Petite Maman" ist Sciammas fünfter Langfilm und der zweite Film, mit dem sie auf der Berlinale ist. "Tomboy" eröffnete 2011 die Sektion Panorama, eine sensibel erzählten Genderswap-Story über ein zehnjähriges Mädchen, das sich als Junge ausgibt, die mit dem Teddy Jury Award ausgezeichnet wurde.

In "Petite Maman" beweist Sciamma erneut ein feines Gespür für kindliche Erlebniswelten und für die diffizilen Prozesse des Erwachsenswerden. Ein etwas strafferer Spannungsbogen hätte der Dramaturgie zwar getan. Doch die entschleunigte Erzählweise lässt dem Publikum Zeit, mit den Protagonistinnen in das eigene Kindsein abzutauchen. Gegen Ende rudern Nelly und Marion auf einen See hinaus, untermalt von einem fröhlichen Elektropop-Song klingt der Film aus - in jedem Abschied steckt halt auch der unbefangene Optimismus eines Neuanfangs.

Fazit: "Petite Maman" beweist ein feines Gespür für kindliche Erlebniswelten und fasziniert mit einer poetischen Erzählweise, der man manchmal mehr Tempo gewünscht hätte.

"Petite Maman" von Céline Sciamma mit Joséphine Sanz, Gabrielle Sanz, Nina Meurisse, Stéphane Varupenne u.a., 72 min, Frankreich 2021

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