Berlinale-Filmkritik | "A Cop Movie" - Hier spricht die Polizei ... wirklich?

Filmstill: "Una Película de Policías" von Alonso Ruizpalacios, Wettbewerb Berlinale 2021. (Quelle: No Ficcion)
Bild: No Ficcion

Zwei Polizisten in Mexico City verlieben sich. Alonso Ruizpalacios folgt ihnen auf ihrem steinigen Weg durch Arbeitsalltag und Privatleben. Mit aufregender Raffinesse bearbeitet der Film schwierige Themen, dreht sich am Ende dann aber zu sehr um sich selbst. Jakob Bauer

Diese Rezension wurde am 05.03.2021 erstveröffentlicht im Rahmen des digitalen Branchen-Events der 71. Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Die Korruption bei der mexikanischen Polizei ist ein Problem. Auf diesen Sachverhalt können sich wahrscheinlich alle einigen. Aber: Warum ist die Polizei überhaupt korrupt? Das ist eine der Fragen, die "A Cop Movie" immer wieder verhandelt.

Denn auch Teresa und Montoya sind korrupt, man könnte sie "Kleinkorrupte" nennen: Sie nehmen Geld an für kleinere Gefälligkeiten. Teresa zum Beispiel lässt eine zu laute Hausparty Hausparty sein, weil ihr die Gastgeberin ein paar Pesos zusteckt. Und am Ende des Films gibt Teresa dann ihre Antwort in die Kamera: Weil jeder etwas davon hat.

Sie selbst braucht allein 400 Pesos jeden Tag auf der Arbeit, um sich durch kleine Bestechungen ein gutes Auto, eine gute Waffe und eine Schutzweste zu sichern. Und sie besticht ihre Chefs, um in die gleiche Einheit wie Montoya zu kommen. Die Korruption ist nicht moralisch verwerflich, sondern Überlebensstrategie.

Alonso Ruizpalacios

Regisseur des Films "A Cop Movie", Alonso Ruizpalacios. Berlinale Wettbewerb 2021. (Quelle: Anylú Hinojosa-Peña)
Anylú Hinojosa-Peña

Der mexikanische Autor, Film- und Theaterregisseur studierte an der Royal Academy of Dramatic Art in London. Sein Spielfilmdebüt "Güeros" gewann über 40 Preise auf internationalen Festivals, darunter den Preis für den besten Erstlingsfilm der Berlinale 2014. Sein zweiter Langfilm, "Museum", wurde u.a. auf der Berlinale 2018 mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch ausgezeichnet.

Von Schauspielern, die Schauspieler spielen

Perspektiven ändern – das will dieser Film über die Arbeit von Polizisten in Mexico City. Es geht nicht darum, Dinge schön zu reden, sondern mit Hilfe der Geschichte von Teresa und Montoya ein größeres Bild zu zeichnen. In den ersten beiden Kapiteln des Films lernen wir erst die eine, dann den anderen kennen. Beide vereint ein gewisser Grundidealismus, eine romantisierte Idee davon, Polizist zu werden. Beide haben Vorbilder in der Familie, und bei beiden wechselt die Erzählperspektive: Mal sehen wir sie in Aktion mit ihren Stimmen aus dem Off, mal blicken sie direkt in die Kamera, kommentieren Situationen, brechen die vierte Wand. Ein erster Hinweis darauf, dass Ruizpalacios uns die filmische Form hier noch ganz schön um die Ohren hauen wird.

Und tatsächlich – am Ende des dritten Kapitels kommt dann der Twist: Wir sehen einen Film im Film. Teresa, Montoya und ihre Geschichte sind echt, es gibt die beiden in der Realität. Sie werden aber von Schauspielern gespielt,und ab jetzt verfolgen wir diese Schauspieler, Monica Del Carmen und Raúl Briones dabei, wie sie sich auf ihre Rollen als Teresa und Montoya vorbereitet haben.

Nach sechs Monaten auf die Schlachtbank

Perspektiven ändern ist jetzt also wieder angesagt. Denn die Schauspieler haben sich tatsächlich in die Polizeiakademie eingeschrieben und die Ausbildung als Kadetten begonnen. In kurzen I-Phone-Clips erzählen sie von ihrem Training und ihren Ausbildungserfahrungen. "Ich bin nur hier wegen des Geldes", sagen viele der Mitkadetten. Andere sind vorsichtig idealistisch, wollen gegen die Femizide und die Gewalt vorgehen. Aber eines wird ganz schnell klar: Die Ausbildungszeit ist ein Witz, sie ist so kurz, weil so viele Polizisten sterben. Wer hier in die freie Welt entlassen wird, ist eigentlich nur Schlachtvieh.

"Keinen kümmert es, ob ein Polizist stirbt", sagt ein Kollege. Und Raúl kommentiert in einem V-Log: "Wie soll man jemanden dazu bekommen, in einer brenzligen Situation eine Entscheidung über Leben und Tod zu fällen, wenn er hier in sechs Monaten durchgeschleift wird?" Er erzählt von den Ähnlichkeiten zwischen der Ausbildung zum Polizisten und der Schauspielerei – beide simulieren Konflikte und schwierige Situationen. Ob sich die echten Schauspieler wirklich in die Akademie eingeschleust wird aus dem Film heraus selbst nicht so ganz klar. Aber auch das passt zur Idee: Nicht alles was wir zu wissen glauben, entspricht auch der Wirklichkeit.

Korruption: Auch was für die netten Leute

Das ist eine an sich alte filmische Idee. Dieses Spiel mit den Erzählperspektiven aber mit einer so umstrittenen Institution wie der mexikanischen Polizei zu machen, das ist mutig. Das Rezept geht aber nur so halb auf: Auf der einen Seite sind die hier gezeigten Polizisten sympathische Leute, die sich, ohne groß drüber nachzudenken, in ein korruptes System einfügen. Und Ruizpalacios schafft es, das nachvollziehbar zu erzählen. Andererseits spart Ruizpalacios auch aus. Wenn im Vorspann Szenen von Polizeigewalt zu sehen sind, spielt diese genauso wie die Opfer des korrupten Systems keine Rolle mehr im Film. Denn es ist ja nicht wirklich so, dass alle etwas von der Korruption hätten, wie Teresa am Ende des Films behauptet. Letztlich wird der Film in seinen Aussagen auch etwas redundant. Ruizpalacios liefert durchaus unterschiedliche Perspektiven, aber deren Inhalte erschöpfen sich auf die Länge des Films dann doch etwas, weil sie sich zu sehr ähneln. Da hilft helfen auch die tollen dramaturgischen Einfälle nicht mehr. Tatsächlich hätten noch mehr Perspektiven "A Cop Movie" gut getan.

"A Cop Story" (Una película de policías) von Alonso Ruizpalacios, mit Mónica Del Carmen, Raúl Brione, 107 min, Mexiko 2021

FAZIT: Alonso Ruizpalacios hat eine aufregende Form gefunden, um die Arbeit von einfachen mexikanischen Polizisten in eine semi-fiktionale Form zu gießen. Durch unterschiedliche Erzählperspektiven stellt er das Klischee vom korrupten Polizisten auf die Probe, ersetzt das Bild vom bösen Apparat durch das eines dysfunktionalen Systems. Filmisch beeindruckend geht "A Cop Movie" inhaltlich allerdings gegen Ende hin die Puste aus.

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Sendung: Inforadio, 05.03.2021, 15:00 Uhr

Beitrag von Jakob Bauer

1 Kommentar

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  1. 1.

    Ein echt krass guter Film! Danke für die Filmkritik!

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