Ani Karseladze in einer Szene aus "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" (What Do We See When We Look at the Sky?, undatierte Aufnahme). Der Film von Alexandre Koberidze gehört zu den Wettbewerbsfilmen der Berlinale 2021. foto: dpa/DFFB/Berlinale/Faraz Fesharaki
Video: Abendschau | 03.03.2021 | Petra Gute | Bild: dpa/DFFB/Berlinale/Faraz Fesharaki

Berlinale-Filmkritik | "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" - Vielschichtiges filmisches Sommermärchen

Ein Liebespaar wird von einem Fluch getroffen, während um sie herum der Fußball-Sommer die Stadt erfüllt. Der Uni-Abschlussfilm "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" hat eine stilistische Reife, die andere ihr ganzes Leben nicht erreichen. Fabian Wallmeier

Zwei Menschen treffen sich zufällig auf der Straße. Und am Abend treffen sie sich noch einmal, wieder zufällig auf der Straße. Da nimmt der eine, Giorgi, sich ein Herz, um das nächste Aufeinandertreffen nicht wieder dem Zufall zu überlassen, und verabredet sich mit der anderen, Lisa, für den nächsten Tag in einem Café.

Regisseur Alexandre Koberidze zeigt den Zuschauenden beim ersten Aufeinandertreffen nur die Füße der beiden. Und beim abendlichen Wiedersehen filmt er sie aus so weiter Entfernung, dass man sie im Bild erst suchen muss. Er nimmt damit gewissermaßen vorweg, was als Nächstes passiert: Wegen eines Fluches erwachen beide am nächsten Morgen mit einem komplett anderen Aussehen. Sie werden einander beim Treffen nun nicht wiedererkennen – und haben noch nicht einmal ihre Namen ausgetauscht.

"Was sehen wir, wenn wir in den Himmel schauen?" erzählt, wie die zwei nun doch wieder begegnen. Beide haben durch den Fluch auch ihr größtes Talent verloren: Giorgi (Giorgi Bochorishvili) hat das Fußballspielen verlernt und Lisa (Ani Karseladze) versteht ihre Medizin-Lehrbücher nicht mehr.

Sie nehmen Aushilfsjobs an: sie in einem Straßencafé, er ganz in der Nähe - und sind einander nah, ohne zu ahnen, wer sie sind.

Kluge Selbstreflexion

Koberidzes zweieinhalbstündiger Wettbewerbsbeitrag ist – nach dem märchenhaften Anfang zwar ein sich zaghaft lakonisch aufbauender Liebesfilm. Er ist aber noch viel mehr. Er ist eine kluge Selbstreflexion, die die eigene Geschichte mit Einblendungen und Erzählertexten mal vorwegnimmt, mal kommentiert, und vor allem am Ende sanft ironisiert. Und er ist ein Film über das Kino: Eine Filmcrew castet Paare für einen Dreh in der Stadt – und trägt entscheidend dazu bei, dass Lisa und Giorgi sich kennenlernen.

Der Film ist aber auch das ruhig und farbensatt in Szene gesetzte Kaleidoskop der Trägheit eines Sommers in der Stadt, hier dem georgischen Kutaisi. Und er ist eine Liebeserklärung an den Fußball als gemeinschaftsstiftendes Ereignis: Es ist der Sommer einer Weltmeisterschaft. Menschen versammeln sich in der Abendsonne vor schlecht abgedunkelten Leinwänden, auch Hunde verabreden sich zum Fußballschauen. Und in einer der schönsten Szenen projiziert Giorgi nachts mit dem Beamer ein Fußballspiel auf Steinfiguren im Park.

Aufregender Debütfilm

Schon in seinem Debütfilm hat Koberidze sich schon als selbstbewusster Stilist bewiesen. "Lass den Sommer nie wieder kommen" (2017) erzählt in knapp dreieinhalb Stunden fast ohne Dialoge von einem Mann, der nach Tiflis kommt, in Geldnot gerät und sich in einen Polizisten verliebt.

"Die Liebe hat kein Ende, eine Geschichte hat immer eins. Sie sehen jetzt: eine Liebesgeschichte", ist am Anfang des Films zu lesen. Aus diesem Paradoxon spinnt er einen der aufregendsten, eigenwilligsten und herausforderndsten Filme des vergangenen Jahrzehnts. Die äußere Handlung ist auf ein Minimum reduziert, stattdessen lässt Koberidze sich Zeit für ungewöhnliche Bilder. Er zeigt übersättigte Handykamera-Aufnahmen, in denen die Pixel den langsamen Bewegungen im Bild kaum hinterher kommen. Ein Effekt, den er hin und wieder sanft ironisch unterstreicht, indem er die hakeligen Bewegungen mit heiterem Stummfilm-Piano hinterlegt, das ihnen eine Stummfilm-Anmutung verleiht. Überhaupt zeigt Koberidze schon hier ein ausgeprägtes Gespür für die Textur filmischer Bilder, die über das hinausweisen, was sie einzufangen scheinen.

Ein Abschlussfilm von erstaunlicher Reife

"Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" ist visuell erheblich zugänglicher und erzählt eine viel deutlichere Geschichte als Koberidzes Debüt. Er behält aber auch einige Elemente bei und spinnt sie weiter - unter anderem den gezielten Einsatz von Musik als Kommentatorin, Verstärkerin und Umdeuterin von Szenen mit stummgeschaltetem Originalton. Als Bindeglied zwischen den zwei Teilen des Films fungiert hier etwa ein vor Lebendigkeit berstend in Szene gesetztes Fußballspiel von Kindern, untermalt von Gianna Nanninis "Un'estate italiana", der offiziellen Hymne der WM 1990 in Italien.

Das vielleicht Erstaunlichste an diesem ideenreichen und vielschichtigen filmischen Sommermärchen: "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" ist Alexandre Koberidzes Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakdamie Berlin (DFFB). Eine solche stilistische Reife, ein solches inszenatorisches Selbstbewusstsein, ein solches Gespür für Montage, Farbkomposition und erzählerische Eigenartigkeit erreichen viele andere Regisseur*innen in ihrem ganzen Berufsleben nicht.

FAZIT: "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" ist eine märchenhafte Liebesgeschichte über zwei Menschen, die durch ihren Fluch über Nacht ihre Gestalt verändern - und sich nun nicht mehr erkennen. Der Film ist aber viel mehr: eine für einen studentischen Abschlussfilm geradezu unglaublich reife, stilistisch selbstbewusste und verblüffend vielschichtige Meisterleistung.

"Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" (Ras vkhedavt, rodesac cas vukurebt?) von Alexandre Koberidze, mit Ani Karseladze, Giorgi Bochorishvili, Oliko Barbakadze u.a., 150 min, Deutschland, Georgien 2021

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