Filmstill: "Guzen to sozo" von Ryusuke Hamaguchi, Wettbewerb Berlinale 2021. (Quelle: Neopa/Fictive)
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Audio: rbbKultur | 05.03.2021 | Anke Sterneborg | Bild: Neopa/Fictive Download (mp3, 5 MB)

Berlinale-Filmkritik | "Wheel of Fortune and Fantasy" - Kunstvoll erzählt, emotional komplex

Wieder ein großes Highlight im Berlinale-Wettbewerb: Ryusuke Hamaguchi erzählt in "Wheel of Fortune and Fantasy" meisterlich unaufgeregt drei verblüffende Geschichten über folgenreiche Zufälle und unterwanderte Illusionen. Von Fabian Wallmeier

Zwei Frauen an einer S-Bahnstation: Die eine fährt die Rolltreppe hoch, die andere runter. Sie sehen sich nur flüchtig und erkennen einander: Sie sind vor 20 Jahren zusammen zur Schule gegangen. Glauben sie zumindest: Denn als die eine die andere zu sich nach Hause eingeladen hat und sie nun im Wohnzimmer Tee trinken, stellt sich heraus: Es ist in Wirklichkeit ganz anders.

Ryusuke Hamaguchis "Wheel of Fortune and Fantasy" erzählt von schicksalhaften Zufällen. Der Japaner spinnt daraus in seinem Wettbewerbsbeitrag drei meisterliche, auf wenige Figuren beschränkte Episoden ganz unterschiedlicher Prägung, die aber eines eint: Die Leben der Protagonistinnen (fast alle Hauptfiguren sind Frauen) werden auf den Kopf gestellt und grundsätzlich hinterfragt.

Große Ruhe, emotionale Tiefe

In der den Film beschließenden Episode mit den angeblichen Schulfreundinnen gibt die zufällige Begegnung beiden die Gelegenheit, einmal etwas auszusprechen, was sie schon lange mit sich herumtragen. Es ist die bewegendste der drei Geschichten, die Hamaguchi hier in warm ausgeleuchteten edlen Interieurs, mit großer Ruhe und für die Kürze der Zeit (der Film dauert insgesamt zwei Stunden) verblüffender emotionaler Tiefe zum Leben erweckt.

In der zweiten Episode wird eine Studentin von ihrer Affäre dazu überredet, den Professor, der ihn durch die Prüfung hat fallen lassen, zu verführen und damit dessen Karriere zu zerstören. Diese Geschichte nimmt gleich mehrere unerwartete und dabei vollkommen schlüssige Wendungen. Es ist zugleich die humorvollste der Episoden - ein Spiel mit den Erwartungshaltungen des Publikums und zugleich eine milde Satire auf in der japanischen Gesellschaft verankerte Rollen- und Moralvorstellungen.

Die Magie der Begegnung

Der Film beginnt mit zwei Freundinnen, die nach einem Foto-Shooting mit dem Taxi zusammen nach Hause fahren. Die eine erzählt von einem ersten Date, das sie schwer bewegt hat. "Ich wusste nicht, dass Gespräche so erotisch sein können", sagt sie. Miteinander geschlafen hätten sie nicht, sich nicht einmal berührt. Er habe nur die Magie ihrer Begegnung beschworen und dass sie hoffentlich beim nächsten Treffen immer noch da sei.

Der Freundin kommt diese verkitschte Erzählung merkwürdig vor - doch was dann geschieht, soll hier nicht verraten werden. Alle drei Episoden haben solche Elemente, die zu spoilern gemein wäre. Denn es ist eine Freude zu sehen, wie subtil Hamaguchi die Wendepunkte anbahnt und wie elegant er sie dann in Szene setzt.

Illusion wird unterwandert

Neben dem Zufall ist auch das Motiv der Illusion entscheidend. Schon in Hamaguchis vorigem Film "Asako I & II" spielt sie eine entscheidende Rolle: Eine Frau wird da von einem Mann verlassen und trifft einige Zeit später einen anderen, der exakt so aussieht wie er. Sie gibt sich nun aber nicht etwa der Illusion hin, dass der zweite Mann der erste ist. Hamaguchi denkt weiter: Sie gibt sich der Illusion hin, dass die Tatsache, dass der zweite Mann dem ersten gleicht, nichts damit zu tun hat, dass sie sich in ihn verliebt.

Auch hier sind die Illusionen komplex oder werden unterwandert: Die Freundinnen im ersten Teil erliegen nicht vollständig - und wenn doch, dann ganz bewusst - der Illusion, dass Liebe etwas mit Magie zu tun hat. Die Studentin im zweiten Teil gibt sich nur halbherzig der Illusion hin, den Professor mit den naheliegenden Reizen verführen zu können. Und die Frauen im letzten Teil schöpfen aus der Illusion letztlich sogar eine reinigende Kraft.

Bence Fliegauf kann einpacken

Ein Vergleich zum anderen Episodenfilm des Wettbewerbs liegt auf der Hand: Auch Bence Fliegaufs "Forest - I See You Everywhere" ist eine Abfolge von kammerspielartig erzählten Geschichten mit kleiner Besetzung, auch sein Film setzt auf überraschende Elemente. Doch wo Fliegauf den narrativen Holzhammer schwingt, ziseliert Hamaguchi ganz fein seine perfekt austarierten Geschichten.

Und wo Fliegauf auf Düsternis um der Düsternis willen setzt, nimmt Hamaguchi seine Figuren als komplexe Menschen ernst - und entlässt sie am Ende mit glaubhafter Hoffnung aus dem Geschehen. Wer nach der herzerwärmenden Schlussszene nicht selig lächelnd aus dem Kinosaal geht (na gut: im Wohnzimmer den Laptop zuklappt), dem ist wohl nicht mehr zu helfen.

Die in "Wheel of Fortune and Fantasy" erzählten Geschichten sind Hamaguchi zufolge die ersten drei von geplanten sieben. Ich kann kaum erwarten zu sehen, was er mit den anderen vier anstellt.

"Wheel of Fortune and Fantasy" (Guzen to sozo) von Ryusuke Hamaguchi, mit Kotone Furukawa, Kiyohiko Shibukawa, Katsuki Mori u.a., 121 min, Japan 2021

trailer

FAZIT: Ryusuke Hamaguchi hat dem Berlinale-Wettbewerb einen weiteren Höhepunkt beschert. "Wheel of Fortune and Fantasy" ist ein glücklich machender, fein konstruierter Episodenfilm über folgenreiche Zufälle.

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Sendung: rbbKultur, 04.03.2021, 19:45 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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