Berlinale-Filmkritik | A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe - Au revoir, Herr Kommissar

So 13.02.22 | 17:28 Uhr | Von Fabian Wallmeier
Audio: Inforadio | 13.02.2022 | Alexander Soyez

Nicolette Krebitz schickt mit "A E I O U" eine charmante und witzige Liebesgeschichte um ein Paar mit großem Altersunterschied in den Wettbewerb. Anklänge an die Nouvelle Vague sind unverkennbar - und Sophie Rois ist zurecht ein Star. Von Fabian Wallmeier

Anna (Sophie Rois) wird überfallen. Ein junger Mann raubt ihr vor der Paris Bar in Berlin-Charlottenburg die Handtasche. Dabei hatte die Schauspielerin eh schon einen schlechten Tag: Im Synchronstudio wurde ihr Partner übergriffig, und überhaupt ist es nicht so einfach für eine nicht mehr junge Frau, mit der Schauspielerei Geld zu verdienen.

Den Dieb (Milan Herms) trifft sie unverhofft kurze Zeit später wieder. Adrian heißt er – und ist ein Jugendlicher mit Startschwierigkeiten ins Leben, der ständig in neue Pflegefamilien kommt. Annas Arzt hat vermittelt, dass Anna ihm Sprechunterricht erteilt, um ihn für eine Schultheater-Aufführung fit zu machen.

Nicolette Krebitz

Geboren 1972 in Westberlin. Sie ließ sich am Berliner Ballett Centrum zur Tänzerin ausbilden und besuchte anschließend die Fritz-Kirchhoff-Schauspielschule. Als Schauspielerin war sie seit 1982 in verschiedenen TV- und Spielfilmen zu sehen. Seit ihrem Regiedebüt, Jeans (2001), steht sie abwechselnd vor und hinter der Kamera. Ihr dritter Spielfilm, Wild, wurde zum Sundance Film Festivals eingeladen. 2019 erhielt sie den Kunstpreis Berlin in der Sparte Film- und Medienkunst.

"Alles fängt mit A an"

Das Konstrukt, das im Titel von Nicolette Krebitz' neuem Film angelegt ist, klingt sehr nach einem Episoden- oder verkopften Thesenfilm: "A E I O U - Das schnelle Alphabet der Liebe", da könnte man den ganz großen theoriesatten Erklärversuch befürchten. Doch Krebitz lässt das Prinzip des Durchbuchstabierens zum Glück schnell links liegen.

Stattdessen bleibt der Film einfach an seinem Ausgangspunkt: "Alles fängt mir A" an, sagt Anna aus dem Off. Das "Ah", das ein Kind schreit, das "Ah", das Verstehen signalisiert, und das "Ah" beim Orgasmus. Diese Grundidee spinnt Krebitz wunderbar weiter, in einem immer etwas artifiziellen, dabei aber sehr lustigen Tonfall. Ohne dass die beiden jemals darüber sprechen, woher sie sich eigentlich kennen, bringt Anna nun Adrian das richtige Atmen bei. Nach und nach werden die beiden so etwas wie ein Paar.

Schönste halbe Stunde der Berlinale

Der Altersunterschied macht das nicht leicht. So richtig wissen sie nicht, wie sie sich in der Öffentlichkeit miteinander verhalten sollen. Händchen halten? Was, wenn die Passant:innen komisch schauen? Warum hat der junge Kerl keine Freundin in seinem Alter? Und was bildet sich die Jugend eigentlich ein, wenn sie glaubt, dass ihnen allen die Welt offensteht? Das sind Fragen, die vor allem Anna sich stellt – und größtenteils auch vor Adrian ausbreitet. Schlussendlich siegt dann aber doch die Liebe.

Im letzten Teil des Films, der eine zunächst unerklärte Szene vom Anfang wieder aufgreift, sind die beiden an der Côte d'Azur. Es ist die bisher schönste halbe Stunde dieser Berlinale. Da tollen sie wie Kinder durch die Stadt und beklauen Tourist:innen, baden nackt im Meer und schlafen endlich miteinander.

Anspielungen auf die Nouvelle Vague

Vor allem in diesem Teil spielt Krebitz ganz offensichtlich auf die Nouvelle Vague an. "Sie sind außer Atem", sagt Rois aus dem Off, als die beiden im Bett liegen – und zitiert damit natürlich den Titel von Jean-Luc Godards "Außer Atem" (1960), seinen ersten Spielfilm, in dem auch zwei getriebene Verliebte im Bett liegen und das Leben explodieren lassen.

Krebitz gelingt dieser Rückgriff auf die Filmgeschichte auf eine sehr verspielte, leichte Art und Weise. "Au revoir, Herr Kommissar", knarzt Anna keck einen Polizeibeamten an. "Auf Wiedersehen Madame", antwortet er. Und in dieser leichtfüßigen Albernheit liegt vielleicht mehr deutsch-französisches Kinoverständnis als in so mancher Abhandlung.

Untypisch besetzter Udo Kier

Udo Kier spielt Michel, Annas treuen Freund, der ein Stockwerk unter ihr wohnt und seine Tage damit verbringt, die Blumen zu pflegen und sich um sein Terrarium zu kümmern. Sie nennen einander "Liebster" und "Liebste", er ist immer auf Abruf, wenn sie jemanden zum Reden braucht. Eine ungewohnt sanfte und warmherzige Rolle für den Mann, der allein schon wegen seiner stahlblauen Augen sonst meist den Verführer, den eiskalten Psychopathen oder eine Mischung aus beiden spielt.

Eine Freude ist auch Milan Herms in der Rolle des Adrian. Er ist nach einigen Jahre in der Jugendsparte der Berliner Volksbühne kein Anfänger mehr. Und trotzdem ist die ungestüme Unbeholfenheit, mit der er hier auftritt, auch ein bisschen rührend.

Noch wunderbarer ist aber Sophie Rois. Zwar ist das Unterkühlte, Schräge, Kratzige, Knarzige, für das sie vor allem in ihren Arbeiten an der Berliner Volksbühne bekannt ist, auch hier da. Herrlich, wie sie aus dem Off auf ihre unverwechselbar pikierte Art betont gekünstelte Drehbuchsätze krächzt, in denen Anna von sich selbst in der dritten Person erzählt. Doch dieses Rois-Trademark ist nur die Grundtextur ihrer Figur. Sie verleiht Anna im Laufe des Films eine Zartheit und Verletzlichkeit, die man von ihr eher nicht gewohnt ist.

Anders als "Wild" und doch verwandt

Nicolette Krebitz schlägt sechs Jahre nach ihrem bislang letzten Spielfilm als Regisseurin nun ganz andere Töne an. "Wild" war eine unheimliche, sehr beherrscht erzählte Geschichte über eine junge Frau, die einem Wolf verfällt.

Jetzt zeigt sie, dass sie auch ganz anders kann: "A E I O U" ist eine Liebesgeschichte, die mit einer Leichtfüßigkeit, Sprachlust und Phantasiefreude erzählt ist, wie man sie im deutschen Kino nur selten sieht.

Was aber beide Filme vereint, ist ein Grundthema: Sie stellen die Freiheit weiblichen sexuellen Empfindens in den Mittelpunkt, entgegen gesellschaftlichen Normen. "Wild" zeigt, dass Frauen wild und animalisch lieben dürfen – und "A E I O U" tritt die chauvinistische Mär in die Tonne, dass ältere Frauen und sehr viel jüngere Männer einander nicht begehren dürfen.

FAZIT: Nicolette Krebitz hat den bisher leichtfüßigsten Wettbewerbbeitrag gedreht. "A E I O U" ist ein witziger generationenübergreifender Liebesfilm - und eine sehr gegenwärtige deutsche Antwort auf die Nouvelle Vague.

"A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe" ((A E I O U - A Quick Alphabet of Love)
von Nicolette Krebitz, mit Sophie Rois, Udo Kier, Milan Herms, Nicolas Bridet u.a., Deutschland / Frankreich

Sendung: rbbKultur, 13.03.2022, 18:30 Uhr

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

RSS-Feed
  • Carsten Beyer
  • Anna Wollner
  • Anke Sterneborg
  • Frauke Gust
  • Fabian Wallmeier
  • Jakob Bauer
  • Tafel radioeins: Anke Leweke, 1 Punkte. (Quelle: rbb)
    rbb

Beitrag von Fabian Wallmeier

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren