Berlinale-Filmkritik | "Alcarràs" - Das Ende der Idylle

Di 15.02.22 | 16:58 Uhr | Von Carsten Beyer
Audio: Inforadio | 15.02.2022 | Barbara Wiegand

Mit "Alcarràs" zeigt Carla Simón ein packendes Drama über eine Familie von katalonischen Bauern, die kurz davor steht, ihre Lebensgrundlage zu verlieren. Dabei beweist sie ein gutes Gespür für die Menschen und die Stimmung in ihrer Heimat. Von Carsten Beyer

Eine Pfirsich-Plantage in Alcarràs im Nordosten von Spanien: Seit Generationen haben die Mitglieder der Familie Solé hier ihren Lebensunterhalt verdient. Sie lieben das Land, sie kennen seine Eigenheiten und sind in der Region fest verwurzelt. Und doch könnte die nächste Ernte ihre letzte sein. Denn die Plantage gehört ihnen nicht. Opa Roger (Albert Bosch) hat das Land von Großgrundbesitzer Pinyol nur geliehen, als Gegenleistung dafür, dass er dessen Familie einst im Bürgerkrieg versteckt hat. Für Pinyols Sohn aber gelten die alten Gefälligkeiten nichts mehr. Er möchte nun sein Land zurück, um darauf eine Solar-Anlage zu errichten.

Obwohl den Solés nun die Zwangsräumung droht, machen sie erstmal weiter, als sei nichts gewesen. Vater Quimet (Jordi Pujol Dolcet) organisiert die Ernte, die Kinder spielen vergnügt zwischen den Pfirsich-Bäumen und Mutter Dolors (Anna Otin) kümmert sich als guter Geist um den Haushalt. Am Wochenende, nach getaner Arbeit, scheint die Idylle perfekt. Dann wird gegrillt, gebechert - und wem es zu heiß wird, der springt einfach in den Swimming Pool. Und doch: Je näher der Tag des Abschieds von der Plantage rückt, desto mehr nehmen die Spannungen in der Familie zu.

Carla Simón

Die Drehbuchautorin und Regisseurin wurde 1986 in Barcelona geboren und wuchs in einem katalanischen Dorf auf. Sie studierte in Barcelona und Kalifornien und besuchte anschließend die London Film School. 2015 war sie Teilnehmerin der Berlinale Talents und wurde mit dem Drehbuch zu ihrem Langfilmdebüt Estiu 1993 für die Berlinale Script Station ausgewählt. Der Film gewann 2017 bei der Berlinale den Großen Preis der Internationalen Jury von Generation Kplus, den GWFF Preis Bester Erstlingsfilm, drei Goya Awards und weitere internationale Preise.

 

Rückkehr zur Berlinale

Die spanische Regisseurin Carla Simón war bereits 2017 mit ihrem Debutfilm "Fridas Sommer" zu Gast bei der Berlinale, damals noch in der Sektion "Generation". Nun tritt sie im Wettbewerb an - mit einem Film, der sich erneut mit dem Landleben in ihrer Heimat Katalonien beschäftigt.

Dabei profitiert sie von ihrer guten Kenntnis der Region und ihrer Menschen: Die Familie Solé steht stellvertretend für viele Bauern in Spanien, die sich aufgrund sinkender Agrarpreise von ihrer Arbeit nicht mehr ernähren können. Großgrundbesitzer kaufen die Höfe und errichten dort Solaranlagen oder Windparks.

Mittendrin im prallen Leben

Mit starken, eindrucksvollen Farben zeigt Carla Simón das Leben der Solés: Das helle Braun der Erde, das satte Grün der Bäume, das zarte Gelbrot der Pfirsiche - und mittendrin das pralle Leben! Simons Kamera-Frau Daniela Cajías schafft es, das Geschehen so authentisch einzufangen, als sei man als Zuschauer Teil der Familie. Egal ob die Kleinsten einen Bagger kapern, ob Tochter Mariona (Xènia Roset) mit ihren Freundinnen die neuesten Tik-Tok-Moves einstudiert oder der halbwüchsige Sohn Rogelio (Josep Abad) im Maisfeld eine private Marihuana-Plantage anlegt: Diese Menschen muss man einfach mögen. Und weil man sie mag, nimmt man umso mehr Anteil an ihrem Schicksal.

Eine intakte bäuerliche Großfamilie wie die Solés wird es wohl bald nicht mehr geben, das macht "Alcarràs" auf schmerzliche Weise klar. Schwager Cisco (Carles Cabós) hat die Zeichen der Zeit schon erkannt und als Arbeiter im Solarpark angeheuert. Gloria (Berta Pipó), die lesbische Schwester, ist nach Barcelona abgewandert, um dort ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Und Sohn Rogelio wird wohl der Nächste sein, der geht, weil er auf dem Land keine Zukunft mehr hat.

Don Quichotte von der Pfirisch-Plantage

Nur Vater Quimet hält stur an den alten Traditionen fest. Eine Arbeit in den Solaranlagen kommt für ihn nicht in Frage und auch zum gemeinsamen Protest mit den anderen Obstbauern der Region lässt er sich nur mühsam überreden. Am liebsten würde er einfach so weitermachen, wie es Generation von Solés vor ihm auch schon getan haben. Dass er dabei fast die Familie sprengt und nur von einer beherzten Ohrfeige seiner Frau zur Räson gebracht werden kann, lässt den Patriarchen wie einen Don Quichotte erscheinen, der vergeblich gegen Windmühlenflügel (oder in diesem Fall gegen Solarpanele) kämpft.

Als die Solés am Ende des Sommers die letzten saftigen Pfirsiche in Sirup einkochen, während auf der anderen Seite ihres Hauses bereits die Bagger anrücken, ist noch immer kein Happy End in Sicht. Und als schon der Abspann läuft und man sich fragt, was denn nun aus all diesen sympathischen Menschen wird, in deren Mitte man gerade zwei unterhaltsame Stunden verbracht hat, ertönt nochmal das alte Volkslied "Terra Firma", das die Kinder kurz zuvor bei einer Theateraufführung gesungen haben: "Ich singe für mein Land. Starke Erde, geliebte Heimat."

FAZIT: "Alcarràs" ist eine Familiengeschichte, die zu Herzen geht: Die spanische Regisseurin Carla Simón zeigt sich auch in ihrem zweiten Film als Meisterin des sozialrealistischen Erzählens und wird in dieser Form bestimmt nicht das letzte Mal im Wettbewerb eines A-Festivals zu Gast sein.

"Alcarràs" von Carla Simón, mit Jordi Pujol Dolcet, Anna Otin, Xènia Roset, Albert Bosch, Ainet Jounou u.a., Spanien / Italien, Weltpremiere

Sendung: Inforadio, 15.02.2022, 18:30 Uhr

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