Berlinale-Filmkritik | "Both Sides of the Blades" - Plötzlich wieder Schulmädchen

So 13.02.22 | 09:22 Uhr | Von Fabian Wallmeier
Audio: Inforadio | 13.02.2022 | Nadine Kreuzahler

Juliette Binoche verliebt sich nach vielen Jahren wieder in ihren Ex. Warum das so ist, bleibt seltsam unklar. "Both Sides of the Blade" von der großen Claire Denis ist leider eine Enttäuschung. Von Fabian Wallmeier

Es klang nach einer sicheren Bank: Die große Claire Denis dreht wieder einen Film mit Juliette Binoche in der weiblichen Hauptrolle, mit Vincent Lindon an ihrer Seite und wieder mit Musik der Band Tindersticks.

Doch "Both Sides of the Blade" enttäuscht sämtliche Erwartungen. Recht hübsch geht es los: Sara (Binoche) und Jean (Lindon) sind im Urlaub am Meer. Sie umkreisen sich liebevoll im Wasser, die Sonne glitzert auf der Oberfläche, er hält sie umschlungen, während sie langgestreckt auf dem Wasser liegt. Wir sehen hier ein glückliches Paar.

Claire Denis

Geboren 1946 oder 1948 in Paris. Nach einer Kindheit in Afrika studierte sie am Institut des hautes études cinématographiques, wo sie die Kamerafrau Agnès Godard kennenlernte, mit der sie später oft zusammenarbeitete. Denis arbeitete zunächst als Regieassistentin für Robert Enrico, Wim Wenders, Costa-Gavras, Jacques Rivette und Jim Jarmusch. Mit ihren Filmen Man no run, Beau travail und Vers Mathilde war sie zu Gast im Forum. 2020 besuchte sie die Berlinale im Rahmen der Reihe On Transmission.

Urlaub vorbei, Dämonen wieder da

Auch zu Hause angekommen, scheint das Glück noch ein bisschen zu bleiben. Doch schnell ist es damit vorbei. Jede:r für sich werden sie von ihren Dämonen eingeholt: Jean wird ständig von seiner Mutter angerufen, bei der sein 16-jähriger Sohn lebt. Er wimmelt sie ab, behauptet keine Zeit zu haben.

Radiomoderatorin Sara sieht derweil vor dem Eingang zu ihrem Sender François (Grégoire Colin), ihren Ex, den sie vor Jahren für dessen damaligen guten Freund Jean verlassen und seither nicht mehr getroffen. Eine Frau steigt zu ihm aufs Motorrad, und er sieht Sara nicht. Die ist sichtlich erschüttert von der Begegnung. Als sie im Fahrstuhl angekommen ist, fasst sie sich ans Herz und flüstert immer wieder seinen Namen.

Hölzernes Drehbuch

Claire Denis weiß Juliette Binoche in Szene zu setzen: ihr Lächeln, ihre Tränen, ihren angstgeweitet Blick. Denis kennt Binoches Talente aus früheren gemeinsamen Filmen - "Both Sides of the Blade" ist nach dem großartigen Science-Fiction-Film "High Life" und dem Liebesdrama "Let the Sunshine in" ihr dritter in Folge mit Binoche in der Hauptrolle. Doch hier wirken die Talente der Schauspielerin und der Regisseurin verschwendet.

Binoche gibt die von der Wucht der plötzlichen Wiederkehr einer überwunden geglaubten Liebe zum Schulmädchen mutierte Sara so überzogen, wie das hölzerne Drehbuch (Christine Angot und Claire Denis) es von ihr verlangt. Ein Nervenbündel, das aber in Jeans Gegenwart problemlos auf die Rolle der treuliebenden Freundin umschalten kann. "Jetzt geht es wieder los: die Liebe, die Angst", flüstert sie ihrem Spiegelbild zu, hat sich dann aber doch ganz gut unter Kontrolle. Das Paar tut dabei so, als wäre es ehrlich zueinander, doch in Wirklichkeit lügen sie sich ständig inbrünstig an. Ab und zu kommen die schwelenden Probleme an die Oberfläche, werden aber gleich so unglaubwürdig wie wirksam weg erklärt.

Vom Ex-Spieler zum Ex-Knacki

Über Jean erfahren wir derweil, dass er erfolgreicher Rugby-Spieler war und mal im Gefängnis saß. "Früher war ich Ex-Spieler, jetzt bin ich Ex-Knacki", sagt er, als er Sara seine neuen Pläne vorstellt: Ausgerechnet mit François will er eine Scouting-Agentur für junge Rugby-Spieler gründen. Das bringt natürlich Probleme mit sich. François wiederum ist ein seltsamer Schmierlappen, der Phrasen von sich gibt und andere auszunutzen weiß. Es ist kein Vergnügen zu sehen, wie sowohl Jean als auch Sara um die Gunst dieser dürftig ausgeformten Figur buhlen.

Die Unerklärbarkeit der Liebe

Möglicherweise wollte Claire Denis einfach einen Film über die Unerklärbarkeit der Liebe drehen. Unerklärbar ist in der Tat vieles am Verhalten der Figuren - aber daraus entsteht im Film keine produktive Reibung. So schleppt sich "Both Sides of the Blade" mit seinen seltsamen Figuren mühsam dahin. Zwischendurch quält man sich durch einen unterkomplexen Nebenstrang um Jeans schwarzen Sohn. Der weiße Vater gibt Bullshit-Weisheiten zum Thema Rassismus von sich, der Sohn lässt sie nicht gelten - und man fragt sich, was das alles mit dem Rest des Films zu tun hat. Am Ende bricht dann doch noch mal das große Drama aus - mündet aber in einem lauwarmen Finale der Halbgarheiten. Bei den Zuschauenden bleibt nur die Erkenntnis: Auch was als sichere Bank erscheint, kann ziemlich in die Hose gehen. Schade.

FAZIT: Ein Paar scheint glücklich, ist es aber nicht - und ein Film liest sich auf dem Papier gut, ist es aber nicht. "Both Sides of the Blade" hat eine Meisterregisseurin (Claire Denis) und eine der tollsten Schauspielerinnen der Gegenwart (Juliette Binoche), ist aber trotzdem eine Enttäuschung.

"Avec amour et acharnement" (Both Sides of the Blade) von Claire Denis, mit Juliette Binoche, Vincent Lindon, Grégoire Colin, Bulle Ogier u.a., Frankreich, Weltpremiere

Sendung: Inforadio, 13.02.2022, 08:10 Uhr

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