Berlinale-Filmkritik | "Drii Winter" (A Piece of Sky) - Großes Drama im kleinen Bergdorf

Mo 14.02.22 | 15:48 Uhr | Von Carsten Beyer
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Wilson Webb
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Ein Liebes-Drama mitten in der grandiosen Kulisse der Schweizer Welt, das klingt nach großen Gefühlen und großem Pathos. Und doch sind es eher die kleinen Beobachtungen am Rande, die Michael Kochs Film sehenswert machen. Von Carsten Beyer

Ein mächtiger Nacken und sonnengebräunte Arme – das ist das erste, was man von Marco (Simon Wisler) zu sehen bekommt. Der Mittdreißiger ist zwar ein sogenannter Flachländer, durch seine zupackende Art hat er sich aber trotzdem den Respekt der Dorfgemeinschaft im kleinen Bergdorf Isenthal am Urner See erworben. Er kann gut mit Tieren umgehen und geht keiner Arbeit aus dem Weg. Da kann man auch mal drüber hinwegsehen, dass Marco nicht in die Kirche geht und am Stammtisch in der Dorfkneipe nur Eistee trinkt.

Michael Koch

Geboren 1982 in Luzern, Schweiz, Studium an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Seine Kurzfilme wurden auf über hundert internationalen Festivals gezeigt. Sein Abschlussfilm, Polar, lief 2009 in der Perspektive Deutsches Kino und wurde unter anderem mit dem Deutschen Kurzfilmpreis ausgezeichnet. Sein Langfilmdebüt, Marija, wurde im Wettbewerb von Locarno uraufgeführt und lief auf den Festivals in Toronto, Busan, Angers und Göteborg. Drii Winter ist sein zweiter abendfüllender Spielfilm.

Der Flachländer und das Bergmädchen

Nach Isenthal ist Marco gekommen, um Anna (Michèle Brand) zu heiraten, die Tochter der Kneipenwirtin. Anna ist Postbotin, Kellnerin und Mädchen für alles in Isenthal. Aus einer gescheiterten Beziehung hat sie bereits eine kleine Tochter, was bei den Männern am Stammtisch eifrig diskutiert wird. Dieses Mal aber, mit Marco, soll nichts schiefgehen!

Elegische Bilder

Mit langsamen, fast schon elegischen Bildern erzählt Michael Koch die Geschichte einer großen Liebe. Viele Worte machen Marco und Anna nicht, aber in ihren Blicken liegt unendlich viel Zärtlichkeit und die Verwunderung, dass das große Glück ausgerechnet sie getroffen hat. "Manchmal denke ich, dass ich das alles hier nur träume", sagt Anna zu Marco bei einer gemeinsamen Bergtour auf dem Motorrad. Und als der große Tag der Hochzeit kommt, scheint einer leuchtenden Zukunft nichts mehr im Weg zu stehen.

Das Schicksal schlägt zu

Doch das Schicksal schlägt zu in Form eines Gehirntumors: Sechs mal drei Zentimeter groß ist der, sitzt mitten in Marcos Kopf und bedrängt den rechten Frontal-Lappen seines Gehirns, zuständig für die Impulskontrolle.

Marco macht auf einmal komische Dinge. Der große Mann mit den starken Armen wirkt antriebslos, vergisst die Kühe auf der Weide und wird anderen gegenüber ausfällig. Dem Tierarzt bricht er gar den Arm, als dieser seine liebste Kuh schlachten lassen will. Als Annas beste Freundin Marco eines Tages dabei beobachtet, wie er sich in Gegenwart von Annas kleiner Tochter vor dem Fernseher selbst befriedigt, wird die Situation untragbar. In dem kleinen Bergdorf kann er nicht mehr bleiben. Oder doch?

Das Bergdorf als Mikrokosmos

"Drii Winter", Michael Kochs zweiter Spielfilm nach "Marija" (Locarno 2016) ist großes Drama mit bescheidenen Mitteln, gedreht mit Laien-Darstellern an Originalschauplätzen in der spektakulären Bergwelt rund um den Urner See. Dabei zeugen nicht nur die knappen Dialoge in Schweizer Mundart davon, wie gut sich der Regisseur im Leben der Bergler auskennt. Sein Isenthal ist ein Mikrokosmos des Menschlichen: Großmut und Niedertracht, Freiheitsstreben und Bünzlitum (schweizerisch für Spießigkeit), all das ist im Dorf zu finden und all das zeigt Koch in kleinen Beobachtungen am Rande.

Deutsche Vorbilder?

Dabei erinnert seine Filmsprache gelegentlich an deutsche Vorbilder: Wenn Kameramann Armin Dierolf in langen Einstellungen schwelgt und Koch mit ganz wenigen Schnitten vom langsamen Zerfall einer Persönlichkeit erzählt, dann fühlt man sich an die Filme der sogenannten Berliner Schule erinnert, an Filmemacher wie Christian Petzold, Maren Ade oder Valeska Griesbach, die alle schon im Berlinale–Wettbewerb zu sehen waren. Auch die sparsamen, auf das nötigste reduzierten Dialoge und der halbdokumentarische Look vieler Szenen passen in dieses Bild.

Einige Überraschungen

Doch Koch hat auch ein paar Überraschungen parat, etwa wenn ein Chor an neuralgischen Punkten des Films vor imposanter Bergkulisse Aufstellung nimmt und wie in einer griechischen Tragödie die Handlung kommentiert. Oder wenn plötzlich ein Bollywood-Filmteam in Isenthal aufkreuzt und mit bunten Kostümen und wilden Tänzen ihre Version einer Bergromanze in den Schnee zaubert.

Eine Ende nach drei Wintern

Doch am Schluss, als sich die Geschichte nach drei Wintern ihrem Ende zuneigt, sind es dann doch wieder die beiden großartigen Hauptdarsteller, denen die ganze Aufmerksamkeit des Films gilt. Wenn ihre Liebe nicht nur ein Traum gewesen sein soll, erkennt Anna, dann muss sie auch im Unglück Bestand haben. Egal ob die Leute im Dorf das nun verstehen oder nicht. "Mama, was kann man in den Himmel mitnehmen?", wird sie von ihrer Tochter in einer der schönsten Szenen des Films gefragt. "Nichts. Nur das, was wir im Herzen tragen" lautet die kurze, aber überzeugende Antwort.

FAZIT: "Drii Winter" ist großes Drama in einem kleinen Bergdorf, getragen von zwei großartigen Hauptdarstellern. Trotz des langsamen Erzähltempos und der sparsamen Dialoge wird Michael Kochs Film nie langweilig. Sehenswert!

"Drii Winter " (A Piece of Sky) von Michael Koch, mit Michèle Brand, Simon Wisler u.a., Schweiz / Deutschland, Weltpremiere

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