Berlinale-Filmkritik | "Everything Will Be Ok" - Die Stadt der Tiere

Sa 12.02.22 | 12:30 Uhr | Von Fabian Wallmeier
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Audio: Inforadio | 13.02.2022 | Nadine Kreuzahler

Der Kambodschaner Rithy Panh schickt mit "Everything Will Be Ok" einen dystopischen Essay-Film in den Wettbewerb. Tiere übernehmen darin die Weltherrschaft - und sind auch nicht besser als die Menschen. Von Fabian Wallmeier

"Everything Will Be Ok" war der Aufdruck auf dem T-Shirt einer Tänzerin und Aktivistin, die beim Staatsstreich in Myanmar vor einem Jahr erschossen wurde. Ein Bild von ihr und ihrem T-Shirt ging damals viral. So wenig wie bei ihr alles okay wurde, wird es auch in Rithy Panhs gleichnamigem Film, der am Samstagmittag seine Premiere im Berlinale-Wettbewerb feierte.

Das T-Shirt ist hier in einer Szene kurz zu sehen. Davon abgesehen ist Panhs Beitrag ist ein überbordender dystopischer Essay-Film über… ja, worüber genau eigentlich? Eine französische Frauen-Stimme aus dem Off (Rebecca Marder) spricht von der Auslöschung der Menschheit, von Revolution, von Film und Poesie, von Volk und Geschichte. Und immer wieder fällt das Wort Ungeheuer ("ogre"). Die Ideologie ist ein Ungeheuer. Der Film ist ein Ungeheuer. Und vieles andere auch.

Gut, dass die Erzählerin gleich am Anfang einwirft, dass nun sehr viele Metaphern folgen werden. Man ist also vorgewarnt, dass man möglicherweise nicht alles, was nun zu sehen zu hören ist, ohne Weiteres entschlüsseln kann.

Rithy Panh

Geboren 1964 in Phnom Penh, Kambodscha. Auf der Flucht vor dem Regime der Roten Khmer kam er 1980 nach Paris, wo er am IDHEC, der heutigen La Fémis, studierte. Sein Dokumentarfilm S21, la machine de mort Khmére rouge thematisiert die Vernichtungspolitik der Roten Khmer. Panh ist Mitbegründer des Centre Bophana, das sich der Archivierung des kambodschanischen Filmerbes widmet. Sein Film L’image manquante war 2013 als erste kambodschanische Produktion für den Oscar nominiert. Mit Irradiés war er 2020 im Wettbewerb der Berlinale vertreten und erhielt den Preis für den besten Dokumentarfilm.

Spektakuläres Set-Design

Im Kern geht es um die Umkehr der Verhältnisse zwischen Mensch und Tier. Gezeigt wird das in ziemlich spektakulären Bildern: Handgemachte Tier- und Menschenfiguren stellt Panh hier in einer Fülle verschiedener Umgebungen und Konstellationen auf. Die Kamera bewegt sich durch diese sogenannten Dioramen und zeigt eine Detailfülle im Miniatur-Setdesign, hinter der eine Menge Arbeit gesteckt haben muss.

Wildschweine und Affen haben die Macht übernommen in einer Stadt, die mittlerweile reichlich heruntergekommen ist. Nur wenig davon dürfte der neuen Tierherrschaft geschuldet ist - vielmehr haben den Niedergang der Mensch und sein kapitalistischer Zerstörungsdrang zu verantworten. Eine Nachbildung der Freiheitsstatue ist von Gestrüpp und Spinnweben bedeckt. Gemälde liegen verrottend auf einem Haufen vor einem Schild mit der Aufschrift "nicht notwendig".

Kubricks Monolith und Orwells Schreckensherrschaft

Der Film beginnt mit einem Stanley-Kubrick-Zitat. Aus glitzerndem Wüstensand taucht da ein schwarzer Quader auf, ganz ähnlich dem Monolithen aus "2001 - Odyssee im Weltraum". Vormneschen - keine Affen mehr, aber auch noch nicht die heutigen Menschen - finden das seltsame Ding. Und die Berührung des Monolithen löst in ihnen den Beginn der Menschwerdung aus: Sie entdecken, dass Knochen als Werkzeuge benutzt werden können - und als Waffen.

Bei Panh ist es nun umgekehrt: Der Mensch ist am Ende, der Affe übernimmt die Macht. Eine Schreckensherrschaft wie in George Orwells "Farm der Tiere" beginnt, nur dass es hier eine Stadt der Tiere ist und auch die Menschen eine Rolle spielen. Die Menschheit wird nämlich versklavt. Von den Affen, Wildschweinen und Ottern mit Waffengewalt bewacht und gefesselt, müssen sie im Steinbruch arbeiten oder Felder bestellen.

Die Zeit des Menschen ist vorbei

In einer Schaltzentrale der Macht sitzen die Tiere vor Bildschirmen und schauen sich die Verbrechen der Menschheit an. Die zeigt Panh immer wieder mit einem Splitscreen, eine Methode, die man von ihm kennt: 2020 war er mit "Irradiés" im Wettbewerb zu Gast, einem Dokumentarfilm mit etwas klarerem Inhalt (es ging um Massenvernichtungswaffen und ihre Auswirkungen), immer wieder teilte sich die Leinwand dabei in drei Teile.

Im deutlich ausschweifender angelegten "Everything Will Be Ok" sind es nun nicht nur drei, sondern sechs Bilder, die gleichzeitig über die Leinwand laufen. Szenen aus den Dioramen stehen neben Archivmaterial: von Diktatoren, Massenhinrichtungen, Tierversuchen, Schlachtungen und Kükenschreddern. Ja, man sieht schon ein, dass es an der Zeit ist, die Menschheit abzulösen.

Teils gleichen sich manche der sechs Bilder, teils sind sie ergänzende Variationen und teils erzeugen sie primär einfach Muster auf der Leinwand. Dieses Eintauchen in Muster ist zwischendurch überaus erholsam. Denn der große allumfassende, geschichtsideologische und mystische Geltungsanspruch, der da 98 Minuten lang auf die Leinwand gefeuert wird, ist ganz schön anstrengend. Und wird zumindest beim ersten Sehen nicht wirklich eingelöst.

FAZIT: "Everything Will Be Ok" erzählt von der Machtübernahme durch die Tiere mit spektakulärem handgeschnitztem Miniatur-Setdesign. Regisseur Rithy Panh bettet das aber in einen Essay-Film, der zu viel will und zu viel andeutet.

"Everything Will Be Ok" von Rithy Panh, Frankreich / Kambodscha, dokumentarische Form, Weltpremiere

Sendung: rbbKultur, 13.02.2022, 08:10 Uhr

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1 Kommentar

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  1. 1.

    Das sagt der Mensch, dass die Tiere nicht besser sind als die Menschen, denn das ist eine gute Ausrede und bereinigt das Gewissen. Ebenso wird potentiellen Außerirdischen immer kriegerische Veranlagung unterstellt. Der Mensch geht stets nur von sich aus. Weil der Mensch schlecht ist müssen andere eben auch schlecht sein oder noch schlimmer (obgleich schlimmer als der Mensch geht nicht).

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