Berlinale-Filmkritik | "La ligne" (The Line) - Wenn zwischen Mutter und Tochter die Fetzen fliegen

Fr 11.02.22 | 19:30 Uhr | Von Jakob Bauer
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Audio: rbbKultur | 12.02.2022 | Anke Sterneborg Download (mp3, 8 MB)

Familienbeziehungen sind ein Schwerpunkt im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale. Eine dysfunktionale Familie steht im Mittelpunkt des schweizerischen Beitrags "La Ligne" von Ursula Meier. Ein Film, der stark beginnt und dann stagniert, findet Jakob Bauer.

In einem hübschen blauen Häuschen in einer kleinen Stadt in der französischen Schweiz fliegen die Fetzen. Margaret (Stéphanie Blanchoud) ist außer sich. Sie wirft Einrichtungsgegenstände gegen die Wand, schreit und schlägt um sich, die Wut richtet sich gegen die Mutter (Valeria Bruni Tedeschi). Ihre Schwestern versuchen sie zu bändigen, aufzuhalten, festzuhalten. Aber Margaret reißt sich los, schlägt der Mutter ins Gesicht, diese stürzt auf den Konzertflügel.

Mit Worten ist kaum zu beschreiben, mit welcher Wucht Ursula Meier diese Kampfszene zu Beginn ihres Films inszeniert. Minutenlang geht die Sequenz, brutal körperlich und in Zeitlupe gefilmt fängt sie diese Menschen ein, deren Gesichter voller Verzweiflung sind, voller verzweifelter Angst und voller verzweifelter Wut. Wie kam es zu dieser rohen Gewalt, was ist da nur in dieser Familie los? Und können Menschen, die sich so behandeln, auch wieder zusammen finden?

Ursula Meier

Ursula Meier La ligne | The Line | Die Linie von Ursula Meier CHE, FRA, BEL 2022, Wettbewerb © Raphael Zubler
© Raphael Zubler

Die französisch-schweizerische Filmemacherin begann ihre Regie-Karriere mit erfolgreichen Kurzfilmen. Ihr Langfilmdebüt Home war 2009 für drei Césars nominiert und erhielt unter anderem den Schweizer Filmpreis für den besten Spielfilm. L’enfant d’en haut wurde auf der Berlinale 2012 mit dem Sonderpreis Silberner Bär ausgezeichnet. 2018 zeigte das Panorama den Film Journal de ma tête, Teil der vierteiligen Reihe Ondes de choc über reale Kriminalfälle.

Interessanter Dreh für einen klassisches Stoff

Ursula Meier hat für das uralte unsterbliche Thema "Familienkonflikte" einen interessanten Dreh gefunden. Denn die Kommunikation zwischen den entfremdeten Familienmitgliedern findet in "La Ligne" im wahrsten Sinne des Wortes auf Abstand statt. Die Mutter Christina verliert beim Sturz einseitig ihr Gehör. Sie zeigt ihre Tochter an, die laut richterlichem Beschluss dem Elternhaus nicht näher als 100 Meter kommen darf.

Diese 100-Meter-Linie, in blauer Farbe gezeichnet, ist einer der Hauptschauplätze des Films. Hier trifft sich Margaret, die offensichtlich schon länger ein Problem mit ihrer Impulskontrolle hat und zur Aggressivität neigt, mit ihrer kleinen Schwester Marion (Elli Spagnolo), die als eine Art Bindeglied zwischen der Mutter und der Tochter fungiert. Auch die Beziehung zwischen den Schwestern ist verständlicherweise angeknackst, zumal Margarete immer wieder ausrastet, aber immer wieder auch kommen sie sich näher.

Mit einem Blick für’s Außergewöhnliche sind diese Momente in Szene gesetzt: Hinter der blauen Linie sitzen die Schwestern auf kleinen Holzstühlen auf einem Haufen aus Bauschutt, im Hintergrund das Schweizer Bergpanorama, vor dem Margaret die kleine Schwester auf der Gitarre begleitet, die für den nächsten Gottesdienst singen übt. Denn die Musik spielt eine außergewöhnliche Rolle im Leben dieser Familie.

Eine Mutter, die ihre Mutterrolle nicht will

Dass die Familie so dysfunktional ist, liegt nämlich zu einem gehörigen Großteil an der Mutter und deren musikalischer Vergangenheit. Christina hatte, so ihre Überzeugung, eine große Karriere als Pianistin vor sich, doch dann wurde sie mit 20 ungewollt schwanger mit ihrem ersten Kind – Margaret. Die verlorene Karriere hat sie nie überwunden, sie ist im Film entweder selbstmitleidig oder holt sich den nächsten jungen Lover.

Ihre älteste Tochter habe ihr Talent vergeudet, sagt sie einmal, die mittlere sei halt, naja, normal und die jüngste, tja … besonders. Das klingt bei ihr allerdings nicht nach einem Kompliment. Es wird schnell klar, dass Christine ihre Mutterrolle nie wirklich annehmen wollte.

Doch Christina als gleichzeitig komplett unreife wie auch verbitterte Frau in der Midlife-Crisis ist als großes Konfliktzentrums des Films zu eindimensional geraten. "Regretting Motherhood", es bereuen, Mutter geworden zu sein, das ist ein ungemein wichtiges Thema. Aber Christina ist hier schon fast karikaturesk eindimensional dargestellt. Dadurch wird zwar schnell nachvollziehbar, warum diese Familie so schlecht funktioniert – und der Humor kommt auch nicht zu kurz – aber der Konflikt verliert an Spannung. Interessanter ist, wie die drei Töchter auf diese Mutter reagiert haben: Margaret, die älteste, mit ihren Aggressionen, die mittlere, Louise, als eine Art Supermama in Spe, schwanger mit Zwillingen. Die jüngste, die vielleicht 12-jährige Marion, sucht in der Religion eine Ersatzmutter.

Etwas abgeschmackt

Aber recht schnell hat man die Figuren dann doch kennengelernt. Entwicklungen, die wirklich überraschen, mitfühlen lassen, fehlen dem Film ab einem gewissen Zeitpunkt. Es kommt zur Stagnation. Ein Sinnbild für die Mischung aus guten Ideen, schönen Bildern – inhaltlich und formal – und fehlender Tiefe ist eine Szene am Filmende, als Margaret ein Konzert gibt, etwas, was sie eben doch mit der Mutter verbindet. Ein wunderschönes Lied spielt sie da, authentisch leidend auf der Bühne, in tiefes, blaues Licht getaucht. Hier, beim Musikmachen, kommen ihre wahren Gefühle und ihre Verletzlichkeit zum Vorschein. Und das ist trotz der schönen Inszenierung eben eine einfach etwas abgeschmackte Idee.

FAZIT: Die Intensität, die diesen Film in den ersten Minuten prägt, kann "La Ligne" nicht aufrechterhalten. Dazu fehlt die Tiefe in dieser Familiengeschichte, zumal die Mutter schon fast karikaturesk daher kommt. Aber die Übersteigerung macht den Film auch unterhaltsam. Unterstützt von tollen Bildern der Schweizer Idylle mit Knacks ist "La Ligne" als Wettbewerbsbeitrag okay.

"La ligne" (The Line) von Ursula Meier, mit Stéphanie Blanchoud, Valeria Bruni Tedeschi, Elli Spagnolo u.a., Schweiz / Frankreich / Belgien, Weltpremiere

Sendung: rbbKultur, 12.02.2022, 07:45 Uhr

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