Berlinale-Filmkritik | "Les passagers de la nuit" (The Passengers of the Night) - Nostalgische Reise ins Paris der 80er-Jahre

So 13.02.22 | 21:11 Uhr | Von Nadine Kreuzahler
Audio: Inforadio | 14.02.2022 | Nadine Kreuzahler

Charlotte Gainsburg glänzt als alleinerziehende Mutter mit großem Herz. "Les passagers de la nuit" erzählt eine Emanzipationsgeschichte vor dem Hintergrund der Mitterand-Ära in den 80er-Jahren. Doch die Charaktere bleiben ohne Tiefe, findet Nadine Kreuzahler.

Die Nacht des 10. Mai 1981 war eine besondere Nacht für Frankreich. Hunderttausende strömten allein in Paris auf die Straßen, feierten und tanzten ausgelassen auf der Place de la Bastille. Der Sozialist Francois Mitterand war zum Präsidenten gewählt worden, das Volk feierte ihn, eine neue Ära brach an.

Der Film beginnt in dieser Nacht. Mitten im Getöse und Massentaumel erreicht die Ausreißerin Talulah (Noée Abita) mit Rucksack und Isomatte den Pariser Bahnhof. Ihr Gesicht füllt die Leinwand aus, und wird es im Laufe des Films noch oft tun. Große, traurige, braune Augen, umrahmt von langen, schwarzen Haaren mit kurzem Pony rühren das Kinopublikum, ebenso wie später das Mutterherz von Elisabeth. Auch sie ist in dieser Nacht unterwegs in der feiernden Menge mit Kindern und Mann.

Dokumentarische Aufnahmen mischen sich unter die Spielfilm-Bilder. Die Mode, die Autos, die Farben, die Musik kreieren die perfekte 80er-Jahre Kulisse. Dann springt der Film ins Jahr 1984.

Mikhaël Hers

Geboren 1975 in Paris. Nach seinem Produktionsstudium an der La Fémis in Paris realisierte er drei erfolgreiche Kurzfilme. 2010 zeigte er in Locarno sein Langfilmdebüt Memory Lane. Les passagers de la nuit ist sein vierter abendfüllender Spielfilm.

Eine obdachlose junge Frau platzt ins Leben

Elisabeth (Charlotte Gainsbourg) ist gerade von ihrem Mann verlassen worden. Nach Jahren als Hausfrau und Mutter steht sie nun ohne Ausbildung, Geld und Perspektive mit ihren Teenager-Kindern allein da. Sie schreibt einen Brief an die Redaktion ihrer Lieblingssendung bei Radio France – "Les passagers de la nuit", eine nächtliche Call-in-Sendung, in der Menschen ihre persönlichen Geschichten und Sorgen erzählen können.

Der Brief weckt das Interesse der toughen Moderatorin Venda (Emmanuelle Béart), und sie engagiert Elisabeth als Telefonistin für ihre Radiosendung. Fortan betreut Elisabeth die Gäste und wählt die Anrufenden für die Sendung aus. Manchmal laden Venda und ihr Team Gäste auch direkt ins Studio ein. So landet eines Nachts Talulah in der Show.

Elisabeths nimmt die obdachlose junge Frau kurzerhand mit nach Hause, wo sie einen Schlafplatz in der Mansarde unterm Dach für sie herrichtet. Talulah freundet sich mit Elisabeths Kindern an und hinterlässt vor allem auf den pubertierenden Matthias nachhaltig Eindruck. Aber Talulah scheint ein Problem mit Nähe zu haben und ergreift die Flucht. Mehrmals taucht sie auf und verschwindet wieder, ohne dass man mehr über sie und ihren Background erfährt. Sie kennt die Punks an der Seine, hat immer was zu kiffen, trägt schwarze Klamotten und Netzstrumpfhose und scheint sich älter zu geben, als sie tatsächlich ist. Währenddessen entdeckt Matthias seine Sexualität und Elisabeth baut sich eine Existenz auf: Sie etabliert sich beim Radio, arbeitet zusätzlich in einer Bibliothek und lernt dort einen neuen Mann kennen. Da ist der Film dann bereits im Jahr 1988 angekommen.

Der Film kann sich nicht entscheiden

Elliptisch erzählt "Les passagers de la nuit" von acht Jahren im Leben der alleinerziehenden Elisabeth, ihrer Kinder Matthias und Judith und des Straßenmädchens Talulah. Es ist, als blättere man in einem Familien-Fotoalbum, unterlegt mit französischen Hits der 80er-Jahre und überhaupt viel Lebensgefühl aus dieser Zeit.

Dabei kann sich der Film von Mikhaël Hers aber nicht recht entscheiden, welche Figur und Geschichte er ins Zentrum rücken will. Mal sind wir vor allem bei Elisabeth, dann bei Matthias. Talulah taucht auf und verschwindet wieder, Konflikte werden angeschnitten, aber nicht vertieft. So hängt Talulah irgendwann an der Nadel, ist dann aber plötzlich wieder davon runter und hat sogar einen Job im Kino. Stark dagegen, wie das Thema Brustkrebs in die Geschichte mit eingebaut wird: Ihr neuer Freund streichelt die Narbe, die sie an der Stelle hat, wo früher ihre rechte Brust war, erzählt von der Krankheit, die Elisabeth vor Jahren überwinden konnte.

Wie das Blättern in einem Fotoalbum

Ganz unverstellt und echt wirkt die Liebe zwischen Elisabeth und ihren Kindern, auch Elisabeths Vater gehört zu diesem sich gegenseitig unterstützenden Familienkreis. Selbst für die haltlose, verlorene Talulah bleibt noch genug Liebe und Fürsorge übrig. Das ist manchmal sogar ein bisschen zu süßlich.

Das Leben passiert, so könnte man "Les passagers de la nuit" vielleicht zusammenfassen. Der Film endet, wie er angefangen hat: mit Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Inzwischen ist die Tochter ausgezogen, hat die Mutter Abschiedsschmerzen. Das alte Zuhause der letzten Jahre verstaut sie in Kisten, um einen neuen Lebensabschnitt mit neuem Partner anzufangen. Auch der Sohn ist auf dem Sprung in sein eigenes Leben.

"Les passagers de la nuit" ist ein Film über Aufbruch, Abnabelung, und Abschiede, ein Einblick in Emanzipationsprozesse und eine warmherzige Feier von Mutterliebe und Familienzusammenhalt. Man könnte Charlotte Gainsbourg stundenlang zuschauen und man verlässt das Kino mit einem warmen Gefühl – mehr aber auch nicht.

FAZIT: "Les passagers de la nuit" ist ein nostalgischer Blick zurück in die 80er Jahre, der mit seiner Emanzipations- und Familiengeschichte viel Wärme versprüht. Mehr aber auch nicht. Der Film fühlt sich an wie das Durchblättern eines Familien-Fotoalbums, die Charaktere bleiben ohne Tiefe, und der Film legt zu viele Fährten aus, die er am Ende nicht weiter verfolgt.

"Les passagers de la nuit" (The Passengers of the Night) von Mikhaël Hers, Charlotte Gainsbourg, Quito Rayon-Richter, Noée Abita, Megan Northam, Thibault Vinçon, Emmanuelle Béart u.a., Frankreich, Weltpremiere

Sendung: rbbKultur, 14.02.2022, 07:35 Uhr

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