Berlinale-Filmkritik | "Nana" (Before, Now & Then) - Wenn die Vergangenheit einfach nicht aufhören will

Sa 12.02.22 | 16:04 Uhr | Von Fabian Wallmeier
Audio: Inforadio | 13.02.2022 | Barbara Wiegand

"Nana" erzählt von einer Frau, die Jahre nach einer Flucht im Krieg nicht in der Gegenwart ankommt. Die Indonesierin Kamila Andini hat ein dezent inszeniertes Historiendrama über Traumata und weibliche Selbstbestimmung gedreht. Von Fabian Wallmeier

Am Anfang ist der Wald. Die Leinwand ist noch schwarz, da hört man ihn schon. Nana (Happy Salma) sitzt auf einem Stein und stillt ihr Kind. Sie ist zusammen mit ihrer Schwester auf der Flucht. Nicht vor den Niederländern, nicht vor den Japanern, wie ihre Schwester ihr erklärt, sondern vor "den anderen".

Eindeutig sagt Kamila Andinis Wettbewerbsbeitrag "Nana" das nicht - aber der erste Teil des Films spielt wohl im Indonesischen Unabhängigkeitskrieg (1945-49). Nach der Kolonialherrschaft der Niederlande und nach der japanischen Besetzung des Landes im Zweiten Weltkrieg. Nana hat Traumbilder: Ihr verschollener Mann Incang steht in ihren Augen schemenhaft im Wald, ihr Vater, der die Schwestern zur Flucht gedrängt hat, wird hinterrücks ermordet. Die Musik dazu überlagert bald die Waldgeräusche. Unheilschwanger, geheimnisvoll und viel stärker emotionalisierend als die dezenten Bilder von Kameramann Batara Goempar.

Kamila Andini

Geboren 1986 in Jakarta, Indonesien und studierte Soziologie und Medienkunst in Melbourne. In ihren Filmen befasst sie sich mit soziokulturellen Themen, Gleichberechtigung und Umweltfragen. Mit ihrem Regiedebüt The Mirror Never Lies über ein Volk indonesischer Seenomaden war sie 2012 zu Gast bei Berlinale Generation. Ihr Spielfilm Sekala Niskala gewann 2018 den Großen Preis der Internationalen Jury bei Generation Kplus. Yuni, eine Teenager-Geschichte, gewann 2021 in Toronto den Platform Prize.

 

Vom "Before" ins "Now"

Der Film macht nach wenigen Minuten einen Zeitsprung, der englische Titel des Films "Before, Now & Then" wurde zuvor eingeblendet. Nach dem "Before" sind wir nun im "Now": Nana lebt in einem opulent ausgestatteten Haus, ist verheiratet mit dem erheblich älteren Darga. Zusammen haben sie vier Kinder (von denen aber nur eines eine wesentliche Rolle im Film spielt). Die Traumbilder von damals haben Nana nicht verlassen. Jede Nacht hat sie Alpträume, die Traumata des Krieges haben ihre Spuren hinterlassen. Und vieles hat sie offensiv verdrängt - auch die Zuschauenden erfahren manches erst später.

Nana bewegt sich stets gut gekleidet und perfekt frisiert durch ihre Tage. Sie ignoriert wissend die offensichtliche Affäre ihres Mannes und lächelt, wenn es geboten ist. Aber man sieht: Diese Frau lebt nicht wirklich im "Now" (dem Jahr 1966, als General Suharto durch einen Putsch an die Macht kommt, wie später klar wird), sondern große Teile von ihr sind noch im "Before"gefangen. Ihrer Tochter Dais erklärt sie einmal, warum sie sich die Haare immer so streng bindet: In dem Knoten am Hinterkopf halten Frauen ihre Geheimnisse fest, damit sie nicht herauskommen.

Freundschaft wird zur Erlösung

Ein Stück Freiheit sieht sie schließlich in einer vorsichtig angebahnten Freundschaft: Die Fleischerin Ino, über die gemunkelt wird, dass sie Kommunistin sei, wird ihr zur wichtigsten Vertrauten. Ihr erzählt sie schließlich, was damals, "before", passiert ist - ein Befreiungsschlag für Nana. In einer der schönsten Szenen des Films springt Ino in voller Montur von einer Klippe ins Wasser. Nana zögert und springt dann hinterher. "So fühlt sich Freiheit an", ruft sie lachend.

Psychologisch ist der Film etwas simpel gestrickt, doch Kamila Andini inszeniert konzentriert und mit sicherem Blick. Das trotz der dunklen Holztöne luftige Enterieur, die genau austarierten Bildausschnitte, die edlen Kostüme, die satten Farben drinnen wie draußen - all das sieht einfach großartig aus.

Anwärterin für Silbernen Bären?

Die hierzulande weitgehend unbekannte Happy Salma in der Hauptrolle ist eine Entdeckung. Die Beherrschtheit und Halb-Anwesenheit Nanas spielt sie mit großer Intensität. Es wäre seltsam, wenn Salmas Name in der Jury-Diskussion um den Silbernen Bären für die beste Hauptrolle nicht fallen würde.

Am Ende hat Nana, so scheint es, das "Before" hinter sich gelassen. Doch auch das "Now", in dem rund 90 Prozent des Films spielen, muss sie verlassen - wie genau, soll hier nicht verraten werden. Angekommen im "Then", das möglicherweise vorerst ein Traumbild bleibt, scheint sie endlich ihren Frieden gefunden zu haben.

FAZIT: "Nana" ist ein dezent inszenierter Film über eine Frau, die ihre Traumata mit sich herumschleppt, ohne sich ihnen wirklich gestellt zu haben. Psychologisch eher simpel, aber die Hauptdarstellerin Happy Salma ist eine Entdeckung - und der Film sieht brilliant aus.

"Nana" (Before, Now & Then) von Kamila Andini, mit Happy Salma, Laura Basuki, Arswendy Bening Swara, Ibnu Jamil u.a., Indonesien, Weltpremiere

Sendung: Inforadio, 13.02.2022, 09:10 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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