Berlinale-Filmkritik | "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" - Nur ein Ziel vor Augen: den Sohn freizukämpfen

Sa 12.02.22 | 19:40 Uhr | Von Anna Wollner
Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush © Andreas Hoefer / Pandora Film
Audio: Inforadio | 13.02.2022 | Barbara Wiegand | Bild: Andreas Hoefer / Pandora Film

Zum vierten Mal ist Andreas Dresen mit einem Film im Berlinale-Wettbewerb. "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" über die Mutter des Guantanamo-Häftlings Murat ist ein zutiefst menschliches Drama über fehlende Rechtsstaatlichkeit. Von Anna Wollner

Sie war beim roten Kreuz, bei Amnesty International, in der Kirche – selbst dem türkischen Botschafter und Ministern hat sie geschrieben, sogar dem damaligen Außenminister Joschka Fischer. Im Frühjahr 2002 steht Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan) eine verzweifelte Mutter, im Büro des Rechtsanwalts Bernhard Docke (Alexander Scheer) in Bremen und streckt ihm einen Brief entgegen: ein erstes Lebenszeichen ihres Sohns Murat, der im Dezember 2001 verdachtsunabhängig in Pakistan verhaftet wurde.

Andreas Dresen

Geboren 1963 in Gera, studierte Regie an der Potsdamer Filmhochschule HFF Konrad Wolf und ist seit 1992 als Autor und Regisseur für Film, Theater und Oper tätig. Sein Film Halbe Treppe wurde ein weltweiter Erfolg und gewann 2002 unter anderem den Silbernen Bären der Berlinale. Für Halt auf freier Strecke wurde Dresen 2011 in Cannes ausgezeichnet. 2018 kam Gundermann in die Kinos, der sechs deutsche Filmpreise gewann. Mit Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush ist Dresen zum vierten Mal im Wettbewerb der Berlinale vertreten.

Ein Gefängnis mit dem Buchstaben "u" im Namen

Das Lebenszeichen kommt aus einem Gefängnis mit einem "u" im Namen, so genau hat sie den Absender gar nicht gelesen. Aber es ist nicht Hamburg-Fuhlsbüttel, wie Anwalt Docke erst vermutet, sondern Guantanamo. In dem US-Straflager auf Kuba werden die Insassen nicht als Kriegsgefangene oder inhaftierte Zivilbürger anerkannt, sondern sind entgegen dem Völkerrecht und der US-Verfassung rechtlos gestellt.

Spannungsgeladene und doch unterhaltsame Handlung

Regisseur Andreas Dresen hat sich früh für die Geschichte und das Schicksal von Murat Kurnaz interessiert, hinterfragt, wie es überhaupt möglich sei, jemanden fünf Jahre lang willkürlich wegzusperren. Für die Kinoleinwand allerdings waren die Schilderungen in den langen Gesprächen zwischen Dresen und Kurnaz zu erschütternd, zu aufwühlend. "Wie erzählt man einem Kinopublikum von diesen endlosen Folterqualen, ohne dass alle rausrennen?"

Dresen und Drehbuchautorin Laila Stiehler greifen zu einem dramaturgischen Kniff: In ihrer siebten gemeinsamen Arbeit stellen sie die Mutter ins Zentrum der konfliktreichen Handlung, die dank der ebenso schlagfertigen wie bodenständigen Protagonistin auch eine unterhaltsame Leichtigkeit erhält. Sie ist eine Frau, die mit schier unglaublichen Energie und Durchhaltevermögen für die Freilassung des Sohnes kämpft, an dessen Unschuld sie glaubt. Aus dem klassischen Kampf von David gegen Goliath macht Dresen einen Film über Recht, Willkür und Staatsversagen. Durch Rabiyes Perspektive bekommt die Geschichte eine spürbare Emotionalität: Sie hat stets ein Ziel vor Augen: die Freilassung ihres Sohnes. Dafür zieht die Bremer Hausfrau und Mutter, unterstützt von Anwalt Docke, bis vor den "Supreme Court" in Washington.

"Ich habe von ihm seit zwei Jahren keine Nachricht mehr bekommen"

Der Kampf um Murat ist lang und zäh, fast fünf Jahre sitzt er unschuldig in Guantanamo. Dresen erzählt davon über Auslassungen, über Momentaufnahmen in der Zusammenarbeit von Rabiye und Anwalt Docke, dem Kampf gegen die deutsche Bürokratie, das Leben im Bremer Reihenhaus, Reisen in die USA, das ständige Bangen um Murat in Guantanamo.

Die elliptisch erzählte Handlung erstreckt sich über mehrere Jahre, immer wieder blendet Dresen zur zeitlichen Verortung die Anzahl der Tage ein, seit denen Murat schon inhaftiert ist. Mit fortschreitender Dauer steigt auch die emotionale Fallhöhe. "Ich habe von ihm seit zwei Jahren keine Nachrichten mehr bekommen, zwei Jahre und jeder Tag hat 24 Stunden", sagt Rabiye an einer Stelle des Films. Das macht mehr als deutlich, was es für eine Mutter bedeutet, wenn ihr der Sohn weggenommen wird.

Kaptan bringt ihre Figur zum Leuchten

Der Motor und die Seele des Films ist Rabiye, die mal im Bremer Dialekt, mal auf türkisch mit Lebensweisheiten um sich wirft, und immer eine unglaubliche Energie ausstrahlt, egal ob sie im Mercedes ihres Mannes in Bremen über rote Ampeln fährt und dabei laut Musik hört, Anwalt Docke betüdelt oder eine bewegende Rede vor internationalem Publikum hält.

Mit der Kölner Comedian Meltem Kaptan, die hier ihr Schauspieldebüt gibt, hat die Berlinale ihre erste Bärenkandidatin für die darstellerische Leistung. Kaptan spielt Rabiye mit einer intensiven Energie, bringt ihre Figur von Innen zum Leuchten, gibt ihr zugleich eine rührende Naivität. Sie ist ein echter Glücksfall für den Film, denn neben ihrer großen Strahlkraft lässt sie auch die emotional schwierigen Momente zu.

Alexander Scheer, nach "Gundermann" erneut mit Dresen als Dreamteam, spielt Docke fast schon zurückhaltend und diskret. Und macht ganz nebenbei die Funktionsjacke im deutschen Kino wieder salonfähig.

FAZIT: "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ ist ein Film, der die Zuschauenden genauso wütend wie hoffnungsvoll macht. Ein großer politischer Film im Kleinen, der wie alle seine Filme vor allem eins ist: zutiefst menschlich.

"Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" von Andreas Dresen, mit Meltem Kaptan, Alexander Scheer u.a., Deutschland / Frankreich, Weltpremiere

Sendung:Inforadio, 13.02.2022, 09:10 Uhr

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