Berlinale-Filmkritik | "Rimini" - Abgebundene Plauze und schillernder Plunder

Fr 11.02.22 | 22:33 Uhr | Von Fabian Wallmeier
Audio: Inforadio | 12.02.2022 | Jakob Bauer

Ulrich Seidl lässt einen dauerbesoffenen Ex-Schlagerstar von vergangenem Ruhm zehren. "Rimini" ist nicht der beste Film des Österreichers, hat aber eine eindrücklich schreckliche Hauptfigur. Von Fabian Wallmeier

Richie Bravo (Michael Thomas) ist eine traurige Gestalt. Doch die meiste Zeit weiß er das nicht - oder kann es wenigstens verdrängen. Irgendwann war er mal ein Schlagerstar, irgendwo zwischen Udo Jürgens, Bata Illic und Howard Carpendale. Diesen einstigen Ruhm quetscht er nun mit allen Mitteln aus: Im winterlichen Rimini bindet er sich die Plauze ab, lässt das teilblondierte Haar auf die Schultern fallen und tritt in schillernden Plunderanzügen vor aus Österreich angekarrten Bustouristinnen höheren Alters auf. "Amore mio", "Merci Cherie", "Immer wieder geht die Sonne auf", "Emilia, du hast mir das Herz gestohlen" – solche Sachen halt.

Richie ist die Hauptfigur von "Rimini", dem neuen Film des Österreichers Ulrich Seidl, einem ausgemachten Spezialisten für schwer zu ertragende Direktheit in der Darstellung von Gescheiterten und Gedemütigten. Neun Jahre nach "Paradies: Hoffnung", einem Film über ein Mädchen in einem Diät-Camp", ist er nun wieder im Wettbewerb der Berlinale zu Gast.

Ulrich Seidl

Geboren 1952 in Wien, studierte Regie an der Wiener Filmakademie, drehte preisgekrönte Dokumentarfilme wie Good News, Tierische Liebe und Models. Mit seinem Spielfilmdebüt, Hundstage, gewann er den Großen Preis der Jury in Venedig. Er realisierte die preisgekrönte Paradies-Trilogie, deren Filme in den Wettbewerben von Cannes, Venedig und Berlin ihre Uraufführung feierten. Es folgten Im Keller und Safari.

Schlechter Sex mit dem Idol

Michael Thomas kleckert nicht, sondern klotzt, was das Zeug hält, um den abgehalfterten Richie auf die Leinwand zu tackern. Mit übergroßen Gesten, schalen Komplimenten und brutal drauflos geschmettertem Tremolo becirct Richie seine Fans. Manche besucht er anschließend auf ihren Hotelzimmern. Dort bekommen die Frauen gegen Geld schlechten, freudlosen Sex und derbe Sprüche – und sind zufrieden damit, ihrem Idol so nah gekommen zu sein.

Seine scheußlich eingerichtete "Villa Richie Bravo" bewohnt er zwar noch, bietet sie aber auch Fans zur Untermiete an. Tagsüber torkelt er finanziell unterversorgt und dauerbesoffen durch das winterdiesige Rimini mit seinen leerstehenden und heruntergekommenen Hotels und Lokalen, immer im über das Feinripp gelegten Pelzmantel. Am Strand peitscht der Wind, überall liegen Obdachlose. Doch Richie läuft unbeirrt weiter, den nächsten tristen Auftritt vor Augen oder zumindest den nächsten Schnaps.

Tochter Tessa will Geld

Eines Tages taucht eine junge Frau auf, die sich als seine Tochter Tessa (Tessa Göttlicher) vorstellt, die er vor vielen Jahren samt der Mutter im Stich gelassen hat. Sie lässt ihn mit seinem Gequatsche von Reue und Wiedergutmachung nicht davon gekommen und bleibt hart: Tessa will Geld von ihm. Geld, das ihr nach all den Jahren der Vernachlässigung zustehe. Richie bemüht sich, muss sie aber trotzdem immer wieder vertrösten.

Nebenbei dreht Seidl nun etwas unnötig auf: Tessas Freund hat arabische Wurzeln – und natürlich ist Richie, er ist schließlich eine Seidl-Figur, auch offen rassistisch. Schwadroniert, sie möge aufpassen, nicht am Ende irgendwo in Syrien als die "sechste Haremsdame" zu enden. Das Ganze mündet kurz vor Schluss in einer seltsamen Pointe, die hier nicht verraten werden soll, jedenfalls aber sehr aufgesetzt wirkt.

Rimini © Ulrich Seidl FilmproduktionSzenenfoto: Rimini

Bitterer Hohn und Nazi-Mief

Eingerahmt ist "Rimini" in eine Nebenhandlung, in deren Mittelpunkt Richies dementer Vater steht (Hans-Michael Rehberg in seiner letzten Filmrolle), der nicht mehr versteht, dass seine Frau gerade gestorben ist. Ihn sieht man in der ersten Szene mit anderen Senior:innen in einer Reihe sitzen, die Rollatoren sind vor ihnen aufgestellt. Sie singen unter Anleitung schleppend und mehr gegen- als miteinander ausgerechnet "So ein Tag, so wunderschön wie heute". Der den humanistischen Kern mitdenkende bittere Hohn, der daraus spricht, ist sehr Seidl-typisch.

Das gilt auch für eine spätere Szene, in der Richie den Vater besucht, um Geld von ihm abzustauben. Im Flur des Altenheims grölt dieser "Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt." Verschütteter Nazi-Mief, der auf groteske Art plötzlich wieder zum Vorschein kommt – das gehört zum festen Seidl-Repertoire. Doch dann schmettert Richie ihm sein "Amore mio" entgegen und übertönt damit den Vater.

Weniger Provokation als sonst

Seidl ist in diesem Film insgesamt nicht so sehr auf Schock und Provokation aus wie sonst. Vieles kennt man von ihm schon: den derben Sex, die rassistischen Sprüche, den Nazi-Urschlamm. Doch hat Seidl das alles schon deutlicher ausgestellt.

Das einzige größere Problem an "Rimini" ist: An die Stelle des Schockierenden tritt nicht viel, keine tiefergehende Milieu- oder Charakterstudie als in seinen früheren Werken. So ist der Film mit seinen knapp zwei Stunden stellenweise etwas zäh. Davon abgesehen: ein typischer Ulrich-Seidl-Film - keiner seiner besten, aber einer, der allein schon wegen der eindrücklich schrecklichen Hauptfigur im Gedächtnis bleiben dürfte.

FAZIT: Ein abgehalfterter Schlagerstar torkelt durch seinen Nachruhm. Der Österreicher Ulrich Seidl ist in "Rimini" weniger auf Schock aus als sonst und befährt ein paar unnötige Nebengleise. Trotzdem ist die derbe Charakterstudie sehenswert.

"Rimini" von Ulrich Seidl, mit Michael Thomas, Hans-Michael Rehberg, Tessa Göttlicher, Inge Maux u.a., Österreich / Frankreich / Deutschland, Weltpremiere

Sendung: Inforadio, 12.02.2022, 08:55 Uhr

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