Berlinale-Filmkritik | "Robe of Gems" - Das Gewand der Gewalt, geschaffen von Männern, aufgetragen von Frauen

Fr 11.02.22 | 16:00 Uhr | Von Nadine Kreuzahler
Audio: Inforadio | 11.0.2022 | Jakob Bauer

Erschütternd, elegisch und elegant: Natalia López Gallardo schickt einen starken Film über die Drogenkriminalität in Mexiko und ihre direkten und indirekten Opfer ins Bärenrennen. Ein Drama über Gewalt ohne ausgestellte Brutalität. Von Nadine Kreuzahler

Gleich eine der ersten Szenen zeigt, wo dieser Film hinwill und wie er von seinem Thema erzählt. Die Kamera filmt durch die Glasfront eines Hauses. Dahinter, direkt hinter der Scheibe, nähert sich ein Mann einer Frau und legt ihr von hinten die Arme um den Bauch, sie starrt mit leerem Blick in die Ferne. Gleich darauf sieht man, wie der Mann einen Stuhl nimmt und ihn so lange mit Wucht auf den Boden wirft, bis er zerbricht. Dazu schreit er. All das ist nur in dumpfer Entfernung zu hören, im Vordergrund rauscht der Wind im Ohr des Kinopublikums.

"Robe of Gems" ist ein Spiel aus Nähe und Distanz, aus Blicken und dem, was im Hintergrund passiert, während im Vordergrund etwas anders zu sehen oder zu hören ist. Es ist ein Film, der subtil, ohne bestialische Schauwerte, die Grausamkeit des Drogenkrieges in Mexiko und die Spirale der Gewalt inszeniert.

Natalia López Gallardo

Die mexikanisch-bolivianische Filmemacherin, Autorin, Editorin und Schauspielerin wurde 1980 in La Paz geboren. Nach ihrem Filmstudium in Mexiko übernahm sie die Montage bei Filmen von Lisandro Alonso, Carlos Reygadas und Amat Escalante. Ihr Kurzfilm En el cielo como en la tierra lief 2007 bei der Semaine de la Critique in Cannes. Sie leitet das Postproduktionsstudio Splendor Omnia in der Nähe von Mexiko-Stadt. Robe of Gems ist ihr erster abendfüllender Spielfilm.

Mutige Frauen in einer Macho-Welt

Drei Frauen stehen im Mittelpunkt dieser ruhig erzählten zweistündigen Collage über Macht, Terror, Verlust und Familienbande.

Isabel lebt in Trennung und zieht mit ihren Kindern in eine alte Familienvilla im Hinterland Mexikos. Hier haben die Kartelle das Sagen. "Wir sehen die Dinge hier anders", versucht Maria, die ehemalige Hausangestellte und einziger Anker für Isabel, dieser zu verstehen zu geben. Aber Isabel ignoriert die Warnungen und gerät in die Gewalt eines lokalen Drogenkartells. Gezeichnet und traumatisiert kehrt sie zu ihrer Familie zurück. Währenddessen arbeitet Maria, die verzweifelt nach ihrer verschwundenen Schwester sucht, heimlich für dieselben Leute, um über die Runden zu kommen. Die Polizistin Roberta wiederum versucht vergeblich, ihren Sohn Ardán aus dem Einfluss der Drogendealer zu holen. Der Jugendliche trägt Narco-Fashion, inszeniert sich auf Youtube, und gerät mit kleinen Jobs immer tiefer in die Kartell-Strukturen, ohne zu durchschauen, wie ernst die Lage für ihn ist. Als sich seine Mutter öffentlich gegen die Drogendealer stellt, hat das tödliche Konsequenzen.

Mit wenigen Mitteln wird machtvoll erzählt

So actionreich und spannungsgeladen diese Handlung klingen mag, so wenig wird dies dem Film gerecht. Natalia López Gallardo inszeniert ihn in langen, ruhigen Einstellungen. Oft wird nur im Off gesprochen. Als Maria von ihrem Job als Köchin bei den Narcos kommt, wo es auch zu ihren Aufgaben gehört, einen gefesselten und offensichtlich entführten Mann zu versorgen, trifft sie auf ihrem Weg nach Hause eine Bekannte. Die Kamera zeigt nur Marias Gesicht, während sie der Frau immer wieder versichert, es gehe ihr gut, alles sei in Ordnung. Dabei läuft ihr irgendwann eine Träne die Wange herunter. Eine berührende und erschütternde Szene, die mit wenigen Mitteln ganz viel erzählt.

Die Verherrlichung von Waffen und zweifelhaften Accessoires von Macht und Kraft zeigt Natalia López Gallardo in unaufdringlichen, aber starken Szenen, die sich einbrennen. Wenn ein Jugendlicher die Pistole einer Polizistin in die Hand nehmen darf, streichelt er sie so zärtlich wie den Schenkel einer Angebeteten.

Wenn Roberta ihren Sohn draußen vorm Haus dazu zwingt, seine Narco-Fashion – seine "Robe of Gems" – sein "Juwelengewand" - bis auf die Unterhose auszuziehen und er entblößt und fassungslos zurückbleibt, verharrt die Kamera eine Weile auf ihm. Unter den coolen Gangsteraccessoires steckt ein verletzlicher Junge.

Der Film zeigt eine von Männern dominierte machistische Welt, deren Auswirkungen vor allem die Frauen zu tragen haben. Die "Robe of Gems" – sie werden von Männern geschneidert und von Frauen aufgetragen.

Die Verschwundenen in Mexiko: ein Massen-Trauma

Seit 2006 tobt der Drogenkrieg in Mexiko. Dazu gehören auch Tausende von Verschwundenen. Inzwischen soll von 90.000 Menschen jede Spur fehlen, Tausende von Massengräbern wurden entdeckt, oft von privaten Suchtrupps. Von den Behörden fühlen sich die Angehörigen oft im Stich gelassen, staatliche Sicherheitskräfte stecken nicht selten mit den Kartellen unter einer Decke, die Polizei ist korrupt. Auch davon erzählt der Film.

 

Eine dokumentarisch anmutende Szene spielt in der Vermisstenstelle, die schon allein durch ihre schiere Größe und Betriebsamkeit wirkt. Wie in einer Turnhalle wuseln Menschen umher, warten darauf, ihr Anliegen vorzubringen, Helfer sitzen hinter Aktenbergen, rufen unablässig Namen auf, andere erklären den Angehörigen, wie die Identifizierung entdeckter Leichen abläuft. Auf dem T-Shirt einer Helferin ist zu lesen: "Ich werde dich suchen bis ich dich gefunden habe." All das wird unkommentiert gezeigt, die Kamera bahnt sich ihren Weg durch dieses verwaltete Leid. Eine Szene mit ungeheurer Wucht.

Das Publikum wird auch auf harte Geduldsproben gestellt, etwa wenn minutenlang keine Gesichter sondern nur Hände und Gegenstände im Bild zu sehen sind. Das wünscht man sich in dem Moment anders, aber schon kommt die nächste Szene, die dann wieder überzeugen kann.

Am Ende sehen wir wieder in die Gesichter der drei Frauen. Die eine: ein Entführungsopfer, die andere vermisst ihre Schwester, die dritte verliert ihren Sohn.

FAZIT: Mut wird in der Welt der alltäglichen Gewaltspirale nicht belohnt. Aber dieses starke Langfilmdebüt der mexikanisch-bolivianischen Regisseurin Natalia López Gallardo sollte es schon werden. Elegisch, erschütternd, elegant – "Robe of gems".

"Robe of Gems" von Natalia López Gallardo, mit Nailea Norvind, Antonia Olivares, Aida Roa u.a., Mexiko / Argentinien / USA, Weltpremiere, Debütfilm

Sendung: Inforadio, 11.02.2022, 18:35 Uhr

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