Berlinale-Filmkritik | "So-seol-ga-ui Yeong-hwa" (The Novelist's Film) - Nach zwei Silbernen Bären für Hong Sangsoo jetzt bitte den Goldenen

Mi 16.02.22 | 14:39 Uhr | Von Fabian Wallmeier
Audio: Inforadio | 16.02.2022 | Jakob Bauer

Hong Sangsoo ist zum dritten Mal in Folge im Wettbewerb der Berlinale. "The Novelist's Film" ist eine meisterliche Feier der Selbstreferenz - und dennoch eine leichte Komödie von universeller Zugänglichkeit mit einem großartigen Ensemble. Von Fabian Wallmeier

Die erfolgreiche Romanautorin Junhee (Lee Hyeyoung) besucht eine Freundin, die einen Buchladen in einem idyllischen Vorort von Seoul betreibt. Später trifft sie in der Gegend einen Regisseur, der einst bei der Verfilmung eines ihrer Bücher eingeknickt ist, sowie die berühmte Schauspielerin Kilsoo (Kim Minhee), mit der sie einen Film zu machen beschließt, und einen Dichter, mit dem sie früher mal etwas hatte.

Rein auf der Plot-Ebene passiert in Hong Sangsoos neuem Film "The Novelist's Film", der wenige Stunden vor der Bärenverleihung noch schnell seine Wettbewerbspremiere gefeiert hat, wieder mal nicht viel. Und wieder sollte man die vermeintliche Leichtigkeit und Beiläufigkeit, mit der er erzählt, nicht unterschätzen.

Hong Sangsoo

Geboren 1960 in Seoul, Republik Korea. Er studierte an der Universität Chung-Ang in Seoul, am California College of Arts and Crafts und am Art Institute of Chicago. Seit 1996 realisierte er als Drehbuchautor und Regisseur 27 Filme. Im Wettbewerb der Berlinale war er bereits fünfmal zu Gast, zuletzt 2021 mit Introduction. Zurzeit unterrichtet er an der Universität Konkuk in Seoul.

Nur nicht locker lassen

Lee Hyeyoung ist in der Rolle der Junhee ein Ereignis. Zunächst ist sie freundlich und höflich in den Begegnungen, in denen sich alle Beteiligten fast manisch ihre gegenseitige Bewunderung aussprechen. Doch dann kommt immer ein Punkt, an dem Junhee widerspenstig wird. Sie beginnt dann, einzelne Formulierungen ihrer Gesprächspartner:innen zu hinterfragen, lacht ungläubig, lässt nicht locker.

Warum es seiner Meinung nach eine Verschwendung sei, dass Kilsoo in letzter Zeit keine Filme mehr drehe, will sie etwa vom Regisseur Park wissen. Der versucht leicht irritiert und zunehmend beschämt zu erklären, doch Junhee steigert sich langsam in einen Wutausbruch hinein, wie man ihn bei nicht betrunkenen Menschen selten bei Hong gesehen hat.

Nur mit Kilsoo hat sie eine mühelos erscheinende Verbindung. Obwohl sie sich gerade erst kennengelernt haben, nimmt Junhee sie für einen Kurzfilm in Beschlag, den sie schon länger machen möchte. Die Chemie von Lee und Hongs Stammschauspielerin Kim Minhee hilft sehr dabei, die beiden Frauen zu Verbündeten im Geiste zu machen. Kim Minhees eruptives, oft etwas spöttisch wirkendes Lachen passt perfekt zur Figur: Kilsoo versteht es wie keine Zweite, Menschen so herzlich auszulachen, dass sie es gar nicht bemerken.

Selbstreferenziellster Hong-Film

"The Novelist's Film" ist vermutlich Hongs bislang selbstreferenziellster Film. Viele seiner Stoffe und Themen nimmt er wieder auf und dreht sie um oder kommentiert sie. Das macht er an manchen Stellen ganz offen und direkt, an anderen fällt es nur Zuschauenden auf, die schon ein paar seiner Filme gesehen haben.

Am offensten ist die Selbstreferenz in einem Gespräch zwischen Junhee, dem Regisseur Park und dessen Frau. Seine Filme seien in letzter Zeit ganz anders, viel klarer, sagt die Frau über ihren Mann. Die Kritik habe das so aufgefasst, aber auch sie selbst.

Die Farbe hat einen Gastauftritt

Tatsächlich hat Hong sich in seinem vorigen Film besonders weit von seinem bisherigen Schaffen entfernt. "In Front of Your Face", den er voriges Jahr (wenige Monate, nachdem ihm auf der Berlinale den Silbernen Bären für "Introduction" zugesprochen wurde, in Cannes vorstellte, ist klarer auf einen Plot und ein Thema fokussiert: Eine Frau kehrt zurück nach Seoul, mit einem dunklen Geheimnis, das sie nach und nach preisgibt. Gespielt wird sie übrigens von Cho Yunhee, die im neuen Film nun die Frau des Regisseurs spielt.

Noch besonderer ist aber die Farbgebung in "In Front of Your Face". Hong hat schon immer je nach Laune in Schwarz-Weiß oder in Farbe gedreht. Doch noch nie hatte er in Farben so geschwelgt, ihrer Schönheit so großen Raum gelassen. "The Novelist's Film" ist nun wieder in Schwarz-Weiß. Aber der von Junhee gedrehte Film im Film, aus dem ein kleiner Ausschnitt zu sehen ist, ist in Farbe. Hong zeigt auch hier satte und kräftige Farbtöne wie in "In Front of Your Face" - und verknüpft die beiden Filme damit elegant.

Reden über das Trinken

Eine für Hong-Novizen weniger eindeutige Referenz ist das Thema Trinken. Es gehört zu seinen Filmen dazu, dass irgendwann jemand zu viel Soju trinkt, meist in einem Restaurant, und einen peinlichen Ausbruch hat. Dieses Mal wird zunächst einmal viel über das Trinken geredet. Ein guter Tag zum Trinken sei es, befindet Junhee im Restaurant. Kilsoo ist zögerlich. Sie trinke gerade nicht, sagt sie, und bleibt bei den Gründen dafür im Vagen. Später, als alle in der Buchhandlung zusammen sitzen, wird sie dann doch betrunken. Doch der Ausbruch bleibt aus: Kilsoo schläft einfach am Tisch ein - und überlässt die Peinlichkeit den anderen.

In Hongs Filmen treten viele Regisseure (es sind meist Männer) und Schauspieler:innen auf. Hier steht nun eine Romanautorin im Mittelpunkt - die aber einen Film drehen will. Hong reflektiert an ihrem Beispiel auch seinen Prozess des Schreibens und Filmemachens. Er ist dafür bekannt, dass seine Filme oft erst während des Drehs auf dem Papier entstehen. Jeden Tag gibt es neue Seiten mit Dialogen für die Schauspieler:innen.

Hier breitet nun Junhee eine ganz ähnliche Philosophie aus. Von ihrem Kurzfilmdebüt hat sie einerseits klare ästhetische Vorstellungen und auch das Grundmotiv der zwischenmenschlichen Verbindung steht fest. Aber was genau passiert, will sie noch nicht festlegen. Das hänge von den Menschen ab, die mitspielen. Ein Beispiel, wie die Handlung sein könnte, stellt sie dann spontan doch vor. Das Rudiment (Ein Paar streitet sich, sie fährt zu ihrer Mutter - und als sie zurückkehrt, tut er so, als wäre nichts passiert) könnte natürlich auch ein Hong-Plot sein. "Das ist mir wirklich so passiert", sagt Kilsoo dann auch ganz begeistert. Damit ironisiert zugleich die Schauspielerin Kim Minhee ihre Rolle im realen Kosmos Hong Sangsoos: als ständige Darstellerin und Partnerin des Regisseurs.

Immer absurdere Schleifen

Funktioniert dieser Film aber überhaupt für Zuschauer:innen, die mit Hongs Werk nicht so vertraut sind oder vielleicht noch gar nichts von ihm kennen? Ja, ganz klar. Denn die Schauspielerinnen und Schauspieler haben einen Spielwitz, eine Genauigkeit und Zartheit, die sich ganz unmittelbar übertragen. Zudem sind die Themen, um die es hier geht, universelll. Hinter der Leichtigkeit, in der sie ausgebreitet werden, steckt immer ein doppelter Boden, der sich auch ohne die Kenntnis der anderen Filme auftut. Die erst flockig geplauderten, dann immer absurdere Schleifen drehenden Dialoge sind auch für sich genommen sehr unterhaltsam - und auch dass sie dabei ins Existenzielle zielen, versteht man ohne Hong-Kennerschaft.

Hong Sangsoo ist zum sechsten Mal im Wettbewerb der Berlinale - und im dritten Jahr in Folge. In den vergangenen beiden Jahren gewann er jeweils einen Silbernen Bären - 2020 als bester Regisseur ("The Woman Who Ran") und 2021 für das beste Drehbuch ("Introduction"). Dieses Jahr darf es für diesen meisterlich leichten und klugen Film dann gern der Goldene sein.

Wenn es dann am Ende doch keinen Bären gibt, sollten Hong und sein Team wenigstens einen Wiedergutmachungspreis bekommen. Denn dass eine Wettbewerbspremiere noch schnell am Mittag vor der Preisverleihung abgehandelt wird, das hat kein Film verdient.

FAZIT: "The Novelist's Film" muss als letzter Film noch kurz vor knapp in den Wettbewerb starten. Es wäre ein Jammer, wenn Hongs meisterliche, mit einer Fülle von Selbstreferenzen gespickte Komödie deshalb nicht die Aufmerksamkeit bekäme, die sie verdient.

"So-seol-ga-ui Yeong-hwa" (The Novelist's Film) von Hong Sangsoo, mit Lee Hyeyoung, Kim Minhee, Seo Younghwa u.a., Südkorea / Südkorea, Weltpremiere

Sendung: rbb Kultur, 16.02.2022, 16 Uhr

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