Berlinale-Filmkritik | "One Year, One Night" - "Du wirst noch ein Opfer des Anschlags sein, wenn du 70 bist"

Mi 16.02.22 | 09:30 Uhr | Von Fabian Wallmeier
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Audio: Inforadio | 16.02.2022 | Jakob Bauer

"One Year, One Night" erzählt von einem Paar, das den Terror-Anschlag auf das Pariser Bataclan überlebt hat. Einiges ist eindrücklich, doch am Ende bleibt ein schaler Nachgeschmack. Von Fabian Wallmeier

Mit Formen und Farben geht "One Year, One Night" los. Ein unscharfer milchiger Blick der Kamera auf undefinierbare Lichtpunkte und langsam darin tanzende Flocken. Eigenartig schön sieht das aus.

Regisseur Isaki Lacuesta lässt nicht lange offen, was wir da sehen - was da so schön schimmert, ist ein Bild des Grauens aus der Nacht des islamistischen Anschlags auf ein Rock-Konzert im Pariser Bataclan am 13. November 2015, bei dem 89 Menschen ermordet wurden. Später präzisiert Ramón (Nahuel Pérez Biscayart), eine der Hauptfiguren des Films: "Es sah schön aus, als wir das Bataclan verließen. Später erfuhren wir, dass dieser Staub das Schießpulver war, gemischt mit Partikeln der Leichen."

"One Year, One Night" platziert solche Schocker nicht gerade subtil, inszeniert sie aber eher zurückhaltend. Im Mittelpunkt stehen Ramón und seine Freundin Céline (Noémie Merlant). Sie überleben das Attentat. Am Anfang sieht man sie, eingehüllt in goldene Rettungsdecken und mit dem Schock in den Gesichtern, nach Hause taumeln.

Isaki Lacuesta

Geboren 1975 in Girona, Spanien. Sein Spielfilmdebüt, Los condenados, wurde 2009 beim San Sebastián Film Festival mit dem Fipresci-Preis ausgezeichnet. Die Filme Los pasos dobles und Entre dos aguas erhielten dort jeweils die Goldene Muschel für den besten Film. Das Centre Pompidou in Paris, die Washington National Gallery, Cinémathèque suisse, Filmoteca Española, Filmoteca de Catalunya, das Festival dei Popoli und das Cali International Film Festival widmeten dem Filmemacher und Videokünstler Werkschauen.

Eine Beziehung zerbricht

"One Year, One Night" basiert auf einem Text von Ramón Gonzalez, einem Bataclan-Überlebenden, der seine Erfahrungen aufschrieb und fiktionalisierte. So beginnt auch der fiktive Ramón im Film auf Geheiß seiner Therapeutin, aufzuschreiben, was ihm passiert ist. Und dabei zeigt sich, was für ein fragiles Konstrukt die Erinnerung ist. Er fragt Céline wegen Details, bei denen er sich nicht sicher ist. Doch sie gibt nur widerwillig Auskunft.

Der Kern des Films ist letztlich, wie unterschiedlich zwei Menschen mit einer gemeinsamen traumatischen Erfahrung umgehen können - und wie ihre Beziehung daran zerbrechen kann. In einer der stärksten Szenen des Films treffen Ramón und Céline auf ein befreundetes Paar, das ebenfalls im Bataclan war. Sie lesen einander in einem kleinem Wettkampf die Kandidaten für die dümmste Nachricht, die sie von Freund:innen und Bekannten nach dem Anschlag bekommen haben. "Was dich nicht umbringt, macht dich stark", schlicht "Uff" oder: "The show must go on". Doch im Lauf des Abends schwindet diese Verbundenheit. Je betrunkener sie werden, desto klarer wird ihn: Dieses Trauma mag ihnen allen gemein sein, aber damit umgehen kann nur jede:r für sich allein.

Gescheitert am eigenen Anspruch

Ramón hat Panikattacken, nimmt sich eine Auszeit bei der Arbeit und sucht sich schließlich Hilfe. Während er schreibt und immer wieder davon redet, blockt Céline blockt ab. "Du wirst noch ein Opfer des Anschlags sein, bis du 70 bist. Ich nicht", brüllt sie ihn einmal an. Sie besteht darauf, dass sie das Glück hatten, nichts Schlimmes gesehen zu haben. Schon am Morgen nach dem Anschlag wird sie tätig: Während Ramón verstört auf der Gitarre klimpert und nicht einmal in der Lage ist, die Nachrichten seiner Freund:innen zu lesen, bestellt sie Lebensmittel im Internet und wäscht Wäsche. Tags darauf stürzt sie sich in ihre Arbeit: Die Probleme der Kinder in dem Heim, in dem sie als als Sozialpädagogin arbeitet, überschatten nun ihre eigenen.

Regisseur Isaki Lacuesta kann auf zwei Hauptdarsteller:innen setzen, die sich perfekt ergänzen und mit ihrer Präsenz die Leinwand spielend dominieren. Inszenatorisch macht er es sich aber etwas zu einfach: In Rückblenden erzählt er effekthascherisch und trotz der Wackelkamera letztlich ziemlich eindeutig, was im Bataclan passiert ist. Das steht im Widerspruch zu seinem eigenen Anspruch, die Subjektivität der Erinnerung ins Zentrum seines Films zu stellen.

Zudem verpasst er dem Film ein eigenartig kitschig-versöhnliches Ende. So bleibt trotz einiger Stärken, die der Film ohne Zweifel hat, ein dominanter schaler Nachgeschmack.

FAZIT: "One Year, One Night" zeigt eindrücklich, wie unterschiedlich ein Paar mit einem gemeinsam erlittenen Trauma umgehen kann. Doch der Film über zwei Überlebende des Pariser Bataclan-Attentats macht es sich an einigen Stellen zu einfach.

"Un año, una noche" (One Year, One Night) von Isaki Lacuesta, mit Nahuel Pérez Biscayart, Noémie Merlant, Quim Gutiérrez u.a., Spanien / Frankreich, Weltpremiere

Sendung: rbb Kultur, 15.02.2022, 7:35 Uhr

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Beitrag von Fabian Wallmeier

2 Kommentare

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  1. 2.

    Gut möglich, dass ich etwas übersehen habe. Jetzt bin ich neugierig - wollen Sie das vielleicht näher ausführen?

  2. 1.

    Hallo Herr Wallmeier,
    ich hatte gestern das Glück, den Film bei der Premiere sehen zu dürfen, und ich glaube, Sie haben einige (vermutlich bewusst)beiläufig eingestreute Hinweise übersehen, die auf ein ganz anderes Ende hindeuten... und dem Film somit eine komplett neue Bedeutungsebene hinzufügen. Ich muss also leider davon ausgehen, dass Sie es sich bei Ihrer Kritik etwas zu einfach gemacht haben :)


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