Berlinale-Filmkritik | "Un été comme ça" (That Kind of Summer) - Die weibliche Sexualität als Vogelspinne

Mo 14.02.22 | 22:15 Uhr
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Audio: Inforadio | 14.02.2022 | Jakob Bauer

Der Kanadier Denis Côté startet wieder mal mit einem belanglosen Film in den Berlinale-Wettbewerb: "That Kind of Summer" will von weiblicher Sexualität erzählen, ist aber nur eine müde männliche Außensicht. Von Fabian Wallmeier

Aus unerfindlichen Gründen ist der Kanadier Denis Côté seit Jahren Dauergast auf der Berlinale, vom Forum bis zum Wettbewerb. Nach einem müden Formspielchen in den Encounters im vergangenen Jahr ("Social Hygiene") nimmt er nun wieder am Wettbewerb teil. Und auch nach diesem Film bleibt die Frage, warum die Berlinale ihn gewissermaßen abonniert hat, offen.

"That Kind of Summer" handelt von drei Frauen, die sich in einem entlegenen Haus in eine Art Therapie begeben. Sie alle sind hypersexuell - und haben damit mehr oder weniger große Probleme. 26 Tage lang reden sie, gehen schwimmen im See, suchen sich Gelegenheitssex oder streicheln Bäume im Wald. Und sind sie allein in ihren Zimmern, wird masturbiert.

Männliche Anmaßung

Der Film ist keineswegs, wie man glauben könnte, eine Feier des weiblichen Sexpositivismus, sondern eine zutiefst männliche Anmaßung. Zwar ist im Abspann eine Drehbuchberaterin ausgewiesen, aber es bleibt dabei: Hier schreibt und inszeniert ein Mann einen Film über weibliche Sexualität. Und die präsentiert er als etwas, das es zu zügeln und zu kanalisieren gilt.

Zwei der drei Frauen, Eugénie (Laure Giappiconi) und Léonie (Larissa Corriveau), sehen einander so ähnlich, dass sie beim Schauen fast zu einer Figur verschwimmen. Das macht aber nichts, weil Côté offenkundig eh kein Interesse an ausgestalteten Figuren hat, sondern nur an sexuellen Besonderheiten. Léonie erzählt in einer Szene von ihrem ersten Gangbang. 15 Männer und sie, am Ende ejakulierten sie alle auf ihr Gesicht.

Als sie das erzählt, sitzt sie da mit hinter dem Kopf verschränkten Armen und es kullert ihr eine einzelne Träne die Wange herunter. Doch gleich danach beteuert sie: "Ich glaube, von allen dort habe ich mich am wenigsten geschämt." Immer wieder habe sie seitdem Orgien mit mehreren Männern gefeiert, je mehr, desto besser.

Denis Côté

Geboren 1973 in New Brunswick, Kanada. Nach seinem Filmstudium drehte er Kurzfilme und arbeitete einige Jahre als Filmkritiker. 2005 legte er mit Les états nordiques sein Langfilmdebüt vor, das in Locarno einen Goldenen Leoparden gewann. Das Berlinale-Forum zeigte 2012 seinen international gefeierten Film Bestiaire. Es folgten Berlinale-Teilnahmen mit Vic + Flo haben einen Bären gesehen, Que nous nous assoupissions , Boris sans Béatrice, Répertoire des villes disparues und Sozialhygiene. Côté wurden weltweit über 40 Retrospektiven gewidmet.

Klingt nach Wichsvorlage

Côté breitet eine ganze Reihe solcher Episoden vor den Zuschauenden aus. Mit Großaufnahmen von den Gesichtern der Protagonist:innen - und ohne die Gesichter der Gastfiguren zu zeigen. All diesen Erzählungen ist gemein: Sie geben weibliche Selbstbehauptung vor, klingen dabei aber verdammt nach cis-männlicher heterosexueller Wichsvorlage.

Als der einzige freie Tag des Aufenthalts gekommen ist, geht eine der Frauen in ein Bondage-Studio und bittet im Anschluss, auf dem Schoß des Mannes liegend, die Nacht bei ihm verbringen zu dürfen. Die zweite bettelt nachts einen Trucker an, ihn in seine Kabine zu lassen und malt ihm aus, womit sie ihn verwöhnen wird, wenn er sie nur lässt.

Kursleiterin Victoria (Anne Ratte Polle) schließlich, als Schwangerschaftsvertretung aus Düsseldorf angereist, nutzt den freien Tag, um im Bett zu liegen und zu masturbieren. In ihren Gedanken kriecht dabei eine wassermelonengroße Vogelspinne die Wand hoch - und Victoria jauchzt vor Lust. Die weibliche Sexualität - ein riesiges Krabbeltier: ganz schön eklig, aber irgendwie aufregend. So stellt sich Côté das offenbar vor.

Der Mann hat es im Griff

Der einzige Mann im Haus hat derweil die Rolle des weisen Beraters und Beobachters. Er hört den Frauen zu, denkt sich seinen Teil, fragt hin und wieder nach und sagt ein paar mehr oder weniger kluge Dinge. Und nebenbei: Er ist im Gegensatz zu allen weiblichen Figuren mit sich und seiner Sexualität weitgehend im Reinen. Na klar.

So mäandert der Film unnötig lange zweieinviertel Stunden vor sich hin. Keine der Frauen lernt oder erfährt etwas, das von Interesse wäre. Am Ende jedenfalls sind alle Figuren 26 Tage älter, aber kein bisschen klüger. Ähnlich verhält es sich für die Zuschauer:innen: Sie sind 136 Minuten älter, aber etwas Substanzielles oder auch nur einigermaßen Bemerkenswertes erfahren oder gar erlebt haben sie nicht. Außer dass Denis Coté ein Mann ist - und mal wieder im Wettbewerb der Berlinale zu Gast war. Warum auch immer.

FAZIT: Ein Mann erklärt uns die weibliche Sexualität. Ein Konzept, das leicht schiefgehen kann - und es hier auch uneingeschränkt tut. "That Kind of Summer" von Berlinale-Dauergast Denis Côté ist ein Reinfall.

"Un été comme ça" (That Kind of Summer) von Denis Côté, mit Larissa Corriveau, Aude Mathieu, Laure Giappiconi, Anne Ratte Polle, Samir Guesmi u.a., Kanada, Weltpremiere

Sendung: Inforadio, 15.02.2022, 09:55 Uhr

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2 Kommentare

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  1. 2.

    Über Geschmack kann man streiten, allerdings sollten sich Männer auch zwingend Gedanken über Sexualität von Frauen machen dürfen.
    Frauen tun dies über Männer auch.
    Ebenso finde ich schlimm, dass neben gewissen Männer scheinbar noch mehr Frauen Frauenlust oder extremere Darstellungsformen in die Schmuddelecke drängen und dadurch Frauen zurückstufen auf die Gebärfunktion bzw. ihnen indirekt vorschreiben wollen, in welchem Rahmen Sexualität erfolgen darf.
    Hat sich ein Mann jemals über die Darstellung in Pornos aufgeregt?

  2. 1.

    Danke an den männlichen Autor, dass er den Unterschied zwischen Sexpositivismus und der männlichen Fantasie entscheiden kann, Bravo! Jetzt muss ich mir den Film nicht anschauen...

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