Berlinale-Filmkritik | "Yin Ru Chen Yan" (Return to Dust) - Das Glück der selbstbestimmten Zweisamkeit

So 13.02.22 | 12:31 Uhr | Von Fabian Wallmeier
Yin Ru Chen Yan | Return to Dust © Hucheng No.7 Films Ltd.
Audio: Inforadio | 13.02.2022 | Jakob Bauer | Bild: Hucheng No.7 Films Ltd.

Der chinesische Wettbewerbsbeitrag "Return to Dust" ist ein stiller, stilbewusster Film - und zugleich eine zu Herzen gehende Liebesgeschichte. Tränen im Berlinale-Palast? Hier fließen sie zurecht. Von Fabian Wallmeier

Es wärmt einem das Herz, wie die zwei da auf dem Boden liegen und liebevoll in einen Pappkarton schauen. Ma (Wu Renlin) hat ein paar Löcher hereingestochen, eine Lampe und ein paar Hühnereier hereingelegt. Ein improvisierter Brutkasten, der ihm und seiner Frau Guiying (Hai Qing) Hoffnung verheißt: auf Generationen von eigenen Hühnern. Aber auch eine Lichtdekoration mit einfachsten Mitteln: Die Lichtflecken, die durch die Löcher im Karton dringen und auf den Wänden tanzen, machen die Behausung der beiden geradezu heimelig.

Schon die erste Einstellung des chinesischen Wettbewerbsbeitrags "Return to Dust" macht klar: Es geht hier um das ganz einfache Leben, reduziert auf das Allernötigste. Ein grob ausgestochenes Fenster einer Lehmhütte ist da zu sehen, Stroh wird heraus geschaufelt (von Ma, wie kurz darauf klar wird), schließlich taucht hinter dem Fenster ein Esel auf.

Li Ruijun

Geboren 1983 in der Provinz Gansu, Volksrepublik China. Im Alter von 14 Jahren begann er, sich mit Malerei und Musik zu beschäftigen. 2003 Studienabschluss am Institute of Management des China National Ministry of Radio, Film and Television. Seine Filme wurden unter anderem für die Festivals in Venedig, Cannes und Tokio ausgewählt. Mit River Road war er 2015 bei Generation zu Gast.

Der vierte Sohn muss unter die Haube

Zwei Außenseiter stehen im Mittelpunkt des Films von Li Ruijun: Bauer Ma ist der vierte Sohn in seiner Familie und in fortgeschrittenem Alter noch nicht verheiratet. Ein Makel für die Familie, in der er immer am Rand steht, zuhört, während über ihn gesprochen wird, aber nichts dazu sagt.

Auch Guiying ist unverheiratet und nicht mehr jung, hat zudem eine Körperbehinderung und kann keine Kinder bekommen. Beide haben eigentlich keine Ambitionen oder trauen sich nicht, ihre Isolation zu verlassen Weil die Tradition aber vorsieht, dass man heiratet, verkuppeln die Familien die beiden.

Am Anfang sind sie sich fremd. Auf dem Hochzeitsfoto sitzen sie verstört und versteinert nebeneinander. Sie schauen einander nicht an, sondern folgen nur widerwillig den Anweisungen des Fotografen.

Doch sie kommen sich langsam näher. Li erzählt das behutsam und unkitschig, spart auch Rückschläge und Verstimmungen nicht aus. Sie lernen sich besser kennen, weil sie sich aufeinander verlassen müssen - in ihrem entbehrungsreichen Kampf um ein selbstbestimmtes Leben sind sie aufeinander angewiesen: Wenn sie mit bloßen Händen Weizen anbauen, selbst Lehmziegel herstellen und sich daraus ein Haus bauen. Oder mit Esel und Karren ins nächste Dorf fahren.

Warme Farben, intensives Spiel

Li zeigt diese harte Arbeit realistisch - aber in warme Farben gehüllt: das glühende Ocker des Lehms, das strahlende Grün des Grases, das pulsierende Blau des Himmels. Diese satte Schönheit verweist auf das, was nebenbei geschieht: Aus der gemeinsamen harten Arbeit wächst eine innige Zweisamkeit, die auch dem intensiven, zarten Spiel der beiden Darsteller:innen Wu Renlin und Hai Qing zu verdanken ist.

"Return to Dust" ist ein langsamer Film. In den 131 Minuten passiert letztlich nicht viel. Li Ruijun konzentriert sich auf seine zwei Hauptfiguren. Es gibt aber auch einen Nebenstrang: Mit Blutspenden soll Ma seine Pacht abbezahlen. Auch in Gestalt der Brüder, die Ma ihre Vorstellungen aufdrängen, stört immer wieder die Außenwelt die Zweisamkeit des Paares.

Yin Ru Chen Yan | Return to Dust © Hucheng No.7 Films Ltd.Szenenfoto: Yin Ru Chen Yan (Return to Dust)

Das Glück ist ein Pappkarton

Und diese Außenwelt hat am Ende dann doch die Oberhand. Ohne zu viel zu verraten: Die Schonungslosigkeit der letzten 20 Minuten (der Film trägt seinen englischen Titel "Return to Dust" nicht umsonst) tut weh. Aber Li hat auch sie so behutsam und empathisch inszeniert, dass sie das Glück der selbstbestimmten Zweisamkeit nicht überlagern.

Manchmal, so vielleicht die Quintessenz des Films, braucht es für das Glück eben nicht viel, so flüchtig es auch sein mag. Manchmal reichen ein Pappkarton, eine Lampe und ein paar Hühnereier, um es zum Leuchten zu bringen.

FAZIT: Regisseur Li Ruijun schickt einen so einfachen wie intensiven Film ins Rennen um die Bären. "Return to Dust" zeigt zwei Menschen, die gegen alle Wahrscheinlichkeiten zu einem innigen Paar werden. Stilsicher, zu Herzen gehend und unbedingt sehenswert.

"Yin Ru Chen Yan" (Return to Dust) von Li Ruijun, mit Wu Renlin, Hai Qing u.a., Volksrepublik China, Weltpremiere

Sendung: rbbKultur, 14.02.2022, 07:45 Uhr

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

RSS-Feed
  • Anna Wollner
  • Anke Sterneborg
  • Carsten Beyer
  • Fabian Wallmeier
  • Jakob Bauer
  • Tafel radioeins: Anke Leweke, 2 Punkte. (Quelle: rbb)
    rbb

Beitrag von Fabian Wallmeier

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren