Max Freytag bei seinem Konzert von Zuhause (Bild: rbb/Screenshot)
Bild: rbb/Screenshot

Konzertkritik | Max Freytag bei "Dringeblieben" - Stimmung und Nähe im Gegenlicht

Livekonzerte und DJ-Sets, zwischendurch ein Workout und sogar eine Live-Zaubershow - das Internetportal "Dringeblieben" streamt derzeit Kultur aller Art in die Wohnzimmer. Hans Ackermann hat ein Konzert des Kölner Pianisten Max Freytag online miterlebt.

Was Sie jetzt wissen müssen

Pünktlich um 18 Uhr setzt sich Max Freytag im heimischen Musikzimmer an sein Klavier. Ein echtes Instrument mit schwarzem Holzgehäuse, darin ein schwerer Metallrahmen, an dem die kräftigen Klaviersaiten befestigt sind. Man sieht dieses Innenleben, weil der Pianist den oberen Teil des Gehäuses einfach abgenommen hat. Das klingt besser und zeigt auch die kleinen Klavierhämmerchen, wie sie von flinken Fingern per Taste ausgelöst auf die Saiten treffen und wieder zurückprallen. 

Ganz in Schwarz sitzt der Pianist seitwärts vor dem Fenster, die hellen Vorhänge dahinter sind zugezogen. Fotografen nennen diese etwas problematische Ansicht "im Gegenlicht". Dennoch passt der verwischte malerische Effekt zur Musik, zum "Piano-Pop", wie der Kölner Musiker seinen Stil nennt. In seinen selbstkomponierten Stücken kommen allerdings auch jede Menge Jazzakkorde vor, bei Titeln wie "Picasso Fish Island".

Stimmung entschädigt für Einschränkungen

Das "Bild" zu dieser Klavierminiatur ist das ganze Konzert über im Hintergrund auf der Fensterbank zu sehen: ein kleines Gemälde, das eine Insel in Form eines gelb-roten Fisches zeigt. "Picasso Fish Island" ist immerhin das Titelstück des gleichnamigen Albums, das Max Freytag im Januar veröffentlich hat.

Rund 40 Zuschauer verfolgen das kleine Online-Konzert, das natürlich eine Kommentar-Funktion bietet, "Hey Max", liest man dort, "wir wollen deine schönen Hände sehen, wie sie zärtlich die Tasten und somit unsere Ohren streicheln". Klanglich haben derzeit allerdings die meisten gestreamten Internetkonzerte noch sehr viel Luft nach oben. Doch wenn auch hier der Stream zumindest in der ersten Viertelstunde immer mal wieder abbricht, die beiden Mikrofone vielleicht etwas näher am Klavier platziert werden müssten - die intime Stimmung und die Nähe zum Künstler entschädigen für sämtliche technischen Einschränkungen.

"Schöner Ausklang für den Sonntag"

Das liebe Geld spielt bei diesen Konzerten auch eine Rolle. Mehr als 50.000 Euro, liest man auf der Startseite von "Dringeblieben", haben die rund 200 Livestreams bisher eingespielt. Ein Drittel dieser Summe bekommen die Künstler, 33 Prozent behält das Portal, das letzte Drittel geht an das Projekt "Solidaritätspakt für die Kölner Clubkultur". 

Auch Max Freytag kann sich freuen. Für sein gelungenes Konzert, aus dem er sich nach rund 45 Minuten mit recht schüchternen Worten in die Kamera verabschiedet, haben die Zuschauer am Ende 70 Euro gespendet. Da das Konzertvideo auf der Seite bleibt, wird sich die Spendensumme nach gut drei Stunden noch einmal auf 140 Euro verdoppelt haben. Und neue Kommentare gibt es auch: "Schöner Ausklang für den Sonntag", schreibt einer über das Konzert - wie recht er hat.

Sendung: Inforadio, 30.03.2020, 6.55 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

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