Jan Vogler und Mira Wang spielen bei Music Never Sleeps NYC (Quelle: Screenshot/musicneversleepsnyc.com)
Bild: Screenshot/musicneversleepsnyc.com

Konzertkritik | "Music Never Sleeps" - Musikalischer 24-Stunden-Marathon an der Upper West Side

Der Berliner Cellist Jan Vogler hat in seiner Wahlheimat New York einen 24-Stunden-Musikmarathon mit mehr als 50 Wohnzimmer-Konzerten per Livestream organisiert. Hans Ackermann hat das Internet-Ereignis an mehreren Bildschirmen miterlebt.

Mit Robert Schumanns "Papillons" sorgt schon das erste Wohnzimmerkonzert für einen Höhepunkt: Die Pianistin Tiffany Poon lässt die musikalischen Schmetterlinge aus ihrem kleinen Musikzimmer in Manhattan per Stream in die Welt hinaus flattern. Die junge Musikerin ist eine versierte Pianistin, aber auch ein YouTube-Star. In den Kommentarspalten, die man sich parallel zum Stream anschaut, fliegen ihr die Herzen und "Wows" nur so zu. Praktisch den gesamten Marathon über wird die meistgestellte Frage später lauten: "Spielt Tiffany noch einmal?"

Tiffany Poon bei Music Never Sleeps NYC (Quelle: Screenshot/musicneversleepsnyc.com)
Bild: Screenshot/musicneversleepsnyc.com

Parallele Streams auf allen Plattformen

Der Versuch, den Livestream am heimischen Fernseher zu verfolgen, ist zuvor grandios gescheitert - trotz Smart-TV. Mal schnell mit der Fernbedienung eine so lange Adresse wie "Music Never Sleeps NYC" in den Bildschirm-Browser einzutippen, das doch recht komplizierte Verfahren kann wohl nur schiefgehen. Also schnell die kleinen Bildschirme in die Hand genommen: Smartphone und Pad waren natürlich auch eingeschaltet und auf die verschiedenen Streams eingestellt. Das Fazit nach wenigen Minuten: Bei Facebook ist der Ton etwas besser, bei YouTube das Bild, am besten schaut man den Stream aber auf der Webseite des Marathons.

Dort kann man allerdings keine Kommentare lesen, nicht den Zuspruch, der hier aus aller Welt hinterlegt wird, aus Korea und Japan, aus Südafrika und Australien, aus Paris, London und Rom. Einer aus Chicago findet das Event einfach "Wonderful", aus Deutschland formuliert jemand in recht eigenwilligem Englisch "Nee York, Germany is hearing you".

Talente aus der häuslichen Isolation herausholen

Pünktlich um 18.00 Uhr New Yorker Zeit - bei uns 23.00 Uhr -  hatte Jan Vogler aus seiner Wohnung in der Upper West Side in Manhattan den Stream gestartet. Als langjähriger Intendant der Dresdener Musikfestspiele und nach Jahrzehnten als Solist auf allen Bühnen der Welt kennt der Cellist sehr viele Musiker. Darunter jede Menge junger Talente aus New York, die Vogler mit diesem Marathon fördern und aus ihrer Corona-bedingten häuslichen Isolation herausholen wollte. Er freue sich natürlich über die prominenten Teilnehmer - darunter die  Geiger Gil Shaham, Joshua Bell und Midori -  hatte Vogler vorher im Interview erzählt. Aber die Corona-Krise, die wegfallenden Auftrittsmöglichkeiten seien nun mal besonders hart für junge Musiker. "Deshalb werden Sie viele phantastische junge Künstler hören, die hier in Brooklyn, Queens oder Manhattan wohnen und von zuhause dieses Konzert spielen."

Zlatomir Fung bei Music Never Sleeps NYC (Quelle: Screenshot/musicneversleepsnyc.com)
Bild: Screenshot/musicneversleepsnyc.com

Und so folgt auf den Schumann-Vortrag von Tiffany Poon der Auftritt des jungen Cellisten Zlatomir Fung. Er hat mit seinem Instrument gerade einen großen Wettbewerb gewonnen.  Jetzt zeigt er vor der kleinen heimischen Kamera sein riesengroßes Talent - mit einem der schwersten Cellostücke überhaupt: Luciano Berios "Sequenza Nr. 14". Bei diesem  Stück, erklärt der junge Cellist vorher noch, werde er sein Cello nicht nur mit dem Bogen spielen, sondern das Instrument auch perkussiv mit den Händen bearbeiten - woraufhin der atemberaubende Vortrag beginnt.

Hinter dem jungen Musiker wirft ein einfacher hellblauer Vorhang seine Falten. Andere Musiker präsentieren sich mit abstrakter Kunst als Hintergrund, manche sitzen mit ihrem Instrument vor einem Bücherregal - Wohnzimmerkonzerte, die mit vergleichsweise einfacher Technik auskommen, wie Vogler erklärt: "Wir machen das ganz schmucklos, es versucht keiner, sein Appartement zum Konzertsaal umzubauen. Worauf es ankommt, ist Energie an das Publikum zu übermitteln. Sie werden Menschen sehen, die zuhause musizieren, mit relativ einfachem Equipment."

Ein rasant geschnittenes Musikvideo als Ausnahme

All diese New Yorker - eine seitenlange Liste, die man sich parallel zum Stream bei Facebook anschauen kann - werden "mit einer tollen Software" zusammengeschaltet, erzählt Vogler. Diese Schaltung geschieht live, weshalb es zwischen den Konzerten immer mal wieder kurze Pausen gibt. Das Bild bleibt schwarz - was aber überhaupt nicht stört. Denn die Stimmung in diesen einmaligen Kammermusikkonzerten, in denen sich Geiger und Cellisten, Pianisten, Sänger und Bläser aus ihren eigenen vier Wänden und Zufluchtsorten melden, ist unvergleichlich intensiv.

Zwischen den Konzerten plaudert Jan Vogler mit Kollegen, die irgendwo in Manhattan, Queens oder Brooklyn als Co-Moderatoren zugeschaltet sind, darunter Eric Jacobsen, der künstlerische Leiter des New Yorker Kammerorchesters "The Knights". Dieses etwa 20 Musiker umfassende Spitzenensemble kann beim Marathon natürlich nicht auftreten, deshalb wird ein neues Video mit einem Brandenburgischen Konzert von Bach gezeigt. Eine Erstaufführung, wie Jacobsen versichert, bevor das rasant geschnittene Musikvideo dann läuft.

Hochglanzvideos sind bei diesem Marathon die Ausnahme, im Mittelpunkt steht "Hausmusik" mit faszinierenden Grenzüberschreitungen. Etwa wenn ein Trio Schuberts "An die Musik" mit Bob Dylans "Shelter from the Storm" verbindet. Nicht nacheinander, sondern in einem einzigen Stück, das diese "Musicians from Brooklyn" mit Gitarre, Geige, Cello und Gesang in die Welt hinausschicken.

Irgendwann ist es in Berlin 3 Uhr in der Nacht. Die Wohnzimmerkonzerte haben über Stunden eine anrührende Stimmung entstehen lassen. Gleichzeitig melden die Nachrichtenagenturen, dass die Corona-Pandemie gerade in New York nun besonders bedrohliche Ausmaße annimmt.  Im Vorgespräch hatte Jan Vogler die Besonderheiten seiner Wahlheimat hervorgehoben. "Normalerweise ist das Leben hier so, dass jedes Individuum einen großen Freiheitsraum hat. Das ist natürlich in dieser Zeit komplett eingeschränkt. Ich finde aber, das machen die New Yorker jetzt sehr gut, wir sind sehr diszipliniert, gehen kaum raus."

Bela Fleck bei Music Never Sleeps NYC (Quelle: Screenshot/musicneversleepsnyc.com)

Auftritt des wohl bekanntesten Banjospielers der Welt

Am nächsten Tag wird beim Marathon weiterhin aufregend musiziert, darunter auch die ein oder andere Wiederholung aus den ersten Stunden. Der umwerfende Pianist Alessio Bax spielt noch einmal ein Bach-Klavierkonzert und auch Tiffany Poon, die unermüdliche Schumann-Interpretin, festigt ihren Rang als Entdeckung dieses Marathons.

Aufgenommen von seiner Handykamera meldet sich schießlich Béla Fleck. Der Auftritt des wohl bekanntesten Banjospielers der Welt läutet gegen 20 Uhr deutscher Zeit die Schlussrunde in New York ein. Die Moderatoren erzählen die schöne Geschichte, wonach Béla Fleck einst mit seinem großen Instrumentenkoffer in einen Laden gekommen sei und der Mann am Tresen gefragt habe: "Spielen Sie Banjo, so wie Béla Fleck ?" Worauf der geantwortet habe: "Niemand spielt wie Béla Fleck !"

Anekdoten wie diese, dazu rührende Einblicke in das häusliche New Yorker Musikerleben, Weltklasse-Vorträge wie das Banjo-Solo von Béla Fleck oder eine Bach-Partita von Midori werden im Gedächtnis bleiben.

"Jan, you are a Hero!"

Am Ende des Marathons sagt Co-Moderator Eric Jacobsen dann Jan Vogler und Mira Wang an  - das Ehepaar, das dieses Event organisiert hat. Der Cellist und die Geigerin spielen das letzte Wohnzimmerkonzert: Duos von Händel, Bach und Halvorsen.

Erlesene Hausmusik an der Upper West Side in Manhattan, wo der Marathon jetzt nach 24 Stunden zu Ende geht. Eric Jacobsen ruft dem deutschen Organisator über seine Leitung zu "Jan, you are a Hero!" Damit hat er recht, weshalb Jan Vogler kurz innehält, sich dann für die "aufregendsten 24 Stunden" seines Lebens bedankt. Dem sichtlich gerührten Vogler bleibt nur noch der Hinweis: "Bleibt gesund und geht nicht raus", mit einem letzten Winken in die Kamera verabschiedet sich der Cellist und der Stream schaltet sich ab - was für eine unheimliche Stille, nach diesem langen Marathon.

Beitrag von Hans Ackermann

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren