Das "#wirbleibenzuhause Festival" auf Instagram (Quelle: Instagram)
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Audio: Inforadio | 23.03.2020 | Magdalena Bienert | Bild: Instagram

Konzertkritik | #wirbleibenzuhause-Festival via Instagram - Räumlich getrennt, musikalisch verbunden

Die Schockstarre über abgesagte Konzerte und Tourneen dauerte bei manchen Künstlern nicht lange an. Viele haben sich schnell solidarisiert und vernetzt, und so konnte am Sonntagabend das erste Instagram-Festival stattfinden. Und eine ungeahnte Nähe schaffen. Von Magdalena Bienert

Pünktlich um 18 Uhr geht die junge Österreicherin Mathea auf ihrem Instagram-Kanal live. Mit bauchfreiem Top und offener Kapuzenjacke steht sie vor einer kahlen, weißen Wand, im Hintergrund sitzt ihr Produzent und spielt Keyboard. 15.000 Zuschauer hören den Beiden zu. Der Stream hakt noch ziemlich oft. Zum Glück wird es später besser. Nach dem ersten Lied lacht Mathea erleichtert und befindet die Situation als "Geil, und weird!", also auch seltsam. Sie spielt einen noch unveröffentlichten Song für ihre Eltern ("Haus") und nach 15 Minuten sind schon 20.000 Zuschauer online. Tausende verteilen Herzchen und loben die Aktion in den Kommentaren zum Stream.

Alle sind aufgeregt, die Übergänge klappen aber

Die 21-jährige Mathea war bereits 2016 bei der Sendung "The Voice of Germany" dabei und hat in ihrer Heimat mit ihrer Single "2x" schon einen Nummer eins Hit gelandet. In ihrem 30-minütigen Set spielt sie ihn als Letztes und übergibt dann an Sänger Michael Schulte. Der wartet schon mit Gitarre auf dem Schoß und beide tauschen sich noch darüber aus, wie aufgeregt sie sind.

Technisch klappen die Übergaben immer einwandfrei. Ein kurzes gemeinsames virtuelles Händeschütteln auf dem Kanal des einen, dann muss der Zuschauer nur zum Insta-Kanal des Nächsten switchen und weiter geht es.

Bei Michael Schulte haben sich um halb sieben schon 40.000 Instagramer dazugeschaltet. Schulte erzählt, dass er jetzt eigentlich auf Tour wäre, aber es wichtig sei, jetzt zusammenzuhalten. "Auch, wenn man es nicht mehr sagen kann, aber nach jedem Tief kommt ein Hoch. Wir brauchen einfach Geduld…"

Das "#wirbleibenzuhause Festival" auf Instagram (Quelle: Instagram)
| Bild: Instagram

Kein Festival ohne Neuentdeckung

Der Sound ist bei allen wirklich gut. Mal intimer, mal räumlicher aber alle acht Musiker*innen sind immer gut zu verstehen. Dadurch, dass man quasi in ihre privaten Räume blicken kann, mit ihnen im Wohnzimmer oder im Homestudio sitzt, entsteht eine tolle Nähe. Auch, wenn das permanente Starren aufs Handy (Insta Live-Streams gehen leider nur per App) und das stille Herumsitzen natürlich kein Konzert ersetzen kann, das ist klar. Aber es entsteht eine Verbundenheit. Auch mit der nächsten Künstlerin, die, wie auch Musikerin Lea, eine echte Entdeckung ist: Lotte. Beide Frauen haben tolle Stimmen und erzählen zarte Geschichten vom Leben und der Liebe. Lotte begleitet sich an der alten Gitarre aus Musikschultagen, wie sie erzählt.

Die gebürtige Ravensburgerin sitzt bei ihren Eltern Zuhause vor Raufasertapete und unter einem schrillen Bild. Als Nico Santos die Idee zu diesem Festival hatte, war sie bereits zu ihren Eltern gefahren, erzählt die 24-Jährige locker.

Lea, die sich in ihrer Berliner Wohnung am Klavier begleitet, strahlt, dass dies gerade ihr größter Auftritt sei, auch sie ist aufgeregt. Performt zum ersten Mal den Nummer-Eins-Song "110" der sie zusammen mit dem Rapper Capital Bra auch einer breiteren Masse bekannt gemacht haben dürfte. Die Zeit fliegt dahin.

Urlaubsstimmung für zu Hause

Nico Santos ("Rooftop") und sein spanischer Kollege Alvaro Soler lassen während ihrer 30 Minuten kurz mal Sommerstimmung aufkommen. Als Max Giesinger in Hamburg an der Reihe ist, sehen das live 69.000 Musikfans. "Wow, ich fühle mich ein bisschen wie Helene Fischer oder Ed Sheeran!" witzelt der 31-Jährige.

Vorher gab es die ernste Ansage: "Zusammen stehen wir das durch. Noch nie war jeder Einzelne so wichtig, wie jetzt. Stay at Home!" Und der Sänger begleitet sich zu seinen bekanntesten Songs am Klavier: "Wenn sie tanzt" oder "80 Millionen". Er habe sich schon jede Menge Sport-Apps heruntergeladen, versuche endlich wieder mehr zu kochen und viel Klavier zu spielen, plaudert der Sänger entspannt und sichtlich erfreut, endlich vor Publikum spielen zu können. Auch seine aktuelle Tournee wurde auf den Spätherbst geschoben.

Emotional, authentisch und kurzweilig war die erste Ausgabe dieses Insta-Festivals

Um 21.30 Uhr ist Johannes Oerding an der Reihe, nachdem er schon eifrig bei den anderen Kommentare hinterlassen hat. Er sitzt zwar vor einer isolierenden Schaumstoffwand, entschuldigt sich aber trotzdem bei seinen Nachbarn. "Ich hab aber auch einen Zettel aufgehangen", sagt er und spielt ein emotionales Set. Auch er findet die richtigen Worte, ist nahbar und authentisch.

61.000 Zuschauer sind vier Stunden drangeblieben und wurden belohnt mit sehr viel Herzblut jedes einzelnen Künstlers. Und die Musikerinnen und Musiker haben Mut gemacht, Danke gesagt, denen, die weiterhin für unsere Versorgung, in Praxen und Krankenhäusern arbeiten – kurzum, sie haben einen großen Topf des sozialen Kits verteilt, von dem unsere Gesellschaft noch so viel brauchen wird. Danke zurück für diesen kurzweiligen Abend auf Augenhöhe. Es wird ganz bestimmt nicht der letzte dieser Art gewesen sein.

Info: alle Mitschnitte stehen auf den jeweiligen Instagram-Kanälen noch mal zum Anschauen in den Storys zur Verfügung:

Mathea @matheamathea 

Michael Schulte @michaelschulte  

Lotte @musikvonlotte 

Nico Santos @nicosantosofficial 

Alvaro Soler @alvarosolermusic

Max Giesinger @maxgiesinger 

LEA @thisislea 

Johannes Oerding @johannesoerding 

 

Beitrag von Magdalena Bienert

Kommentar

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7 Kommentare

  1. 5.

    "...61.000 Zuschauer sind vier Stunden drangeblieben..."
    Braucht sicher niemand, haben aber viele gern verfolgt. Die Zahlen sprechen für sich.

    Tolle Aktion!!! Danke an die Künstler!!!

  2. 3.

    Supermacht. Großes Lob und großer Dank.
    Wenn wir nun auch noch Rücksichtnahme beim Einkaufen (Hamstern) und mehr Solidarität in der Gesellschaft hinbekommen, dürfen wir zuversichtlich in die Zukunft blicken.
    Wenn nicht, bleiben die Schwachen auf der Strecke.

  3. 2.

    Einfach schön zu hören,was sich unsere
    Musiker so einfallen lassen,um Ihre Fans
    in diesen schweren Zeiten nicht allein
    zu lassen. Bitte weiter so auch in der Sparte Klassik.

  4. 1.

    Braucht niemand, Verschwendung von Netzleistung. Hauptsache selbstverliebt.

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