Skulptur "Liegende" (Quelle: W. Klotzek)
Bild: W. Klotzek

Ausstellungskritik | Skulpturen im öffentlichen Raum - Im Schatten der "Großen Liegenden"

Während alle staatlichen und privaten Kunsthäuser ihre Pforten geschlossen haben, bleibt das größte Ausstellungshaus Berlins geöffnet: Auf Fassaden, Plätzen und Straßen Berlins gibt es auch während der Corona-Krise etliche Kunstwerke zu erleben. Von Wilhelm Klotzek

Im Zuge der Einschränkungen im öffentlichen Leben werden so manche Ausstellungsmacher erfinderisch und zeigen ihre Kunst auf diversen Social-Media-Kanälen. Virtuelle Rundgänge durch menschenleere Ausstellungen, Livegespräche mit Künstlern im Videochat und Bilderstrecken auf einschlägigen Plattformen überfluten in der Corona-Krise die Kunstbetrachter.

Allerdings lässt sich auch auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder während der sportlichen Ertüchtigung, bildende Kunst auch ganz analog entdecken.

Ostberliner Antwort auf Henry Moore

Unweit des Berliner Ostbahnhofs zum Beispiel, an der Ecke Andreasstraße/Singerstraße im Berliner Friedrichshain, liegt die "Große Liegende" des Bildhauers Wieland Förster. Ihre Rundungen sind reizend voluminös, ihre kantige Erscheinung erinnert an kubistische Formen. Kess streckt sie Rücken und Gesäß in Richtung der vereinzelten, um Abstand bemühten Kunden des anliegenden Supermarkts. Seit über 55 Jahren bietet das Ensemble, bestehend aus der "Großen Liegenden" auf ihrem Sockel sowie fünf Sitz-Zylindern und zwei großen Betonebenen, Platz zum kurzen Verweilen.

Die Bronzeplastik kann als Ostberliner Antwort auf die für die Kunst der Moderne weiterentwickelte weibliche Liegefigur des britischen Bildhauers Henry Moore vor der Akademie der Künste am Hanseatenweg gelesen werden.

Selbstbestimmtes Gurren der Tauben

Gespenstisch leer wirkt dieser Tage der Bethlehemkirchplatz zwischen Bulgarischer Botschaft und dem Checkpoint Charlie. Wo sich früher die Mauer durch die Stadt schlängelte, befindet sich die über zehn Meter hohe Skulptur "Houseball" des amerikanischen Pop-Künstlerpaares Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen. Ursprünglich für eine Performance während der Venedigbiennale 1985 entworfen, bestimmt sie nun in einer stabilen Version seit 1997 das Erscheinungsbild des eher versteckten Platzes in Berlins Mitte. Die kugelförmige Skulptur erscheint als ein Bündel, in das verschiedene Gegenstände eines Hausstands eingebunden sind. Die Skulptur spielt an auf Themen wie Migration und Völkerwanderungen. Stühle, Besen, Hocker ragen in knalligen Farben aus ihr heraus.

In den Ritzen und Hohlräumen der Arbeit haben sich im Laufe der Jahre einige Tauben eingenistet und so wird man beim Betrachten selbst zum Betrachteten. Neugierige Blicke und selbstbestimmtes Gurren der Tauben geben einem das Gefühl, nicht der Einzige mit Interesse an der Skulptur zu sein.

Skulptur "Rommel" (Quelle: W. Klotzek)
"Monument für die Bauarbeiter" von Gerhard Rommel | Bild: W. Klotzek

Gleichberechtigung auf dem Bau in der DDR

Gleich neben dem Eingang der Postfiliale in den Rathauspassagen am Berliner Alexanderplatz befindet sich Gerhard Rommels "Monument für die Bauarbeiter" von 1970.

Mehrere locker zusammengefügte Betonquader bieten Platz für die rechteckigen und runden Bronzereliefs, die Szenen und Porträts von Menschen darstellen, die zu DDR-Zeiten im Bau beschäftigt waren. Behelmte Männer und Frauen zeugen von angedachter Gleichberechtigung der Geschlechter. Dem Bildhauer und Münzgestalter Rommel gelingt es, der formal anmutenden Plastik durch bildhauerische Details Witz und Lebhaftigkeit einzuhauchen. Und wer sich am Alexanderplatz in die Postfiliale begibt, dem lacht verschmitzt die Brigadeleiterin entgegen.

Houseball, Skulptur von Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen, 1996, Bethlehemkirch-Platz (Quelle: dpa)
"Houseball" von Claes Oldenburg/Coosje van Bruggen, Bethlehemkirch-Platz | Bild: dpa

Bedrohlich schwere Räume

Die Arbeit "Berlin Junction" des amerikanischen Vertreters der Minimal Art Richard Serra vor der Philharmonie kommt dagegen reichlich brachial daher. Zwei gebogene rostige Stahlplatten bilden einen über zwanzig Meter langen Korridor. Was in der oberflächlichen Betrachtung zuerst völlig deplatziert erscheint, fügt sich beim längeren Betrachten wunderbar in das von Hans Scharoun erdachte Ensemble ein. Die gewaltigen Biegungen bieten aus bestimmten Blickwinkeln unerwartete Analogien zur Dachkonstruktion der Philharmonie.

Aus dem Tiergarten kommend, empfiehlt es sich, den Korridor mit dem Fahrrad zu durchfahren oder hindurch zu joggen. Dieses Durchschreiten der Stahlplatten versetzt einen für Sekunden in einen fast schon bedrohlichen Raum von Schwere und Enge - auch das scheint vom Künstler so gedacht worden zu sein. Anders als andere Arbeiten ist diese Form der Kunst physisch erfahrbar. Wenn man dann auch noch während der Begehung ein paar Laute von sich gibt, hält "Berlin Junction" akustische Überraschungen parat. Am verwaisten Eingangsportal der Philharmonie stört das auch keinen großen Geist.

"Berlin Junction" von Richard Serra, 1987 | Bild:

Eine Stütze in Krisenzeiten

In Zeiten der Corona-Pandemie ist es wichtig, Rücksicht zu nehmen und die Vorgaben der Behörden zu befolgen. Die Kultur ist jedoch eine Errungenschaft jeder Gesellschaft und Spiegel und Stütze - besonders in Krisenzeiten. Und schafft in diesen schwierigen Zeiten abseits der zwingenden täglichen Erledigungen Möglichkeit, den Blick für unsere Umwelt zu schärfen.

Die Kunst im öffentlichen Raum gehört auch den Menschen, die sie betrachten. Gerade, wenn sich der Blick auf ein Thema zu verengen droht, mag es helfen, sich den einen oder anderen Moment Zeit zu nehmen - und zu schauen, was da so rumsteht in der Umgebung.

Beitrag von Wilhelm Klotzek

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5 Kommentare

  1. 4.

    Sehr guter Text!
    Alle Medien weisen zur Zeit vor allem auf die Einschränkungen hin, Wilhelm Klotzek auf den Reichtum, der uns umgibt.
    Für uns auf dem Land ist das klar die Natur, Berlin kann außerdem auf andere Schätze bauen. Also Leute, macht die Augen auf und seht mit unverstelltem Blick auf das Gewohnte!

  2. 3.

    Ich schließe mich den Kommentaren eins und zwei an. Gerade jetzt hat man die Gelegenheit Dinge in unserer Stadt zu entdecken, die man vorher vielleicht nicht wirklich wahrgenommen hat.
    Auch mit dem Fotoapparat gilt es viel zu finden. Diese Ausflüge lassen einen für einige Zeit trübe Gedanken vergessen und man kann vielleicht sogar genießen.

  3. 2.

    Da will ích mich gern anschließen. Nicht nur stadtbildprägende Bauwerke laden zur Betrachtung ein, sondern auch solche ganz "bodenständige" Kunstwerke. Wenn weniger zu einem Ziel hingeeilt wird, besteht ggf. die Chance, sich das in Ruhe anzuschauen.

  4. 1.

    Ein sehr schöner Beitrag, der ablenkt und ermutigt.
    Ermutigt jetzt mal raus zu gehen und die Augen aufzuhalten.
    Vielen Dank

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