Zuschauer im Gegenlicht (Quelle: imago images/Ben Kriemann )
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Fiktive Theaterkritik in Corona-Zeiten - So wäre Castorfs "Fabian" im Berliner Ensemble gewesen

Die Theater sind in der Corona-Zwangspause. Das ist an diesem Wochenende besonders schade: Da hätte Frank Castorf mit "Fabian" nach Erich Kästner im BE Premiere gefeiert. Fabian Wallmeier hat sich ausgemalt, wie der Abend vielleicht gewesen wäre.

Was Sie jetzt wissen müssen

"Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen": Die berühmten letzten Sätze von Erich Kästners "Fabian" sind das Leitmotiv an diesem Premierenabend von Frank Castorf im Berliner Ensemble. Immer wieder und aus unterschiedlichen Richtungen tauchen sie plötzlich auf. Mal gegurgelt, mal geschrien, lasziv genölt und selten auch mal zart gehaucht, sind sie ein essenzieller Anker in dieser selbst für Castorfs Verhältnisse langen, sage und schreibe neuneinhalbstündigen Inszenierung.

Kästners episodenhafter Roman erzählt von dem rechtschaffenen Germanisten Jakob Fabian, der in der Zeit der Wirtschaftskrise der 1920er und 1930er Jahren seinen Job als Werbetexter verliert und fortan durch die Berliner Unterwelt taumelt. Im BE sind nur Bruchstücke der Handlung zu erkennen. Castorf spannt in seiner genialischen Inszenierung den Bogen weiter: von Berlin nach Bagdad, von der Weimarer Republik zum Prager Frühling, von Wittenau an die Wall Street, vom Ku'damm in die Kolonialstaaten.

Vierfacher Fabian

Castorf hat die Hauptrolle in seiner hochpolitischen Neuerfindung des Stoffes auf drei Schauspieler und eine Schauspielerin aufgeteilt: Frank Büttner spielt den Germanisten mit Tropenhelm und Bermuda-Shorts als durchgeschwitzten, schreienden Soziopathen. In bester Volksbühnenmanier fuchtelt er an der Rampe mit dem Armen herum und schreit höhnisch: "Meine Fresse, er konnte halt LEIDER nicht schwimmen", wobei das "leider" fast in Büttners kehlig-vernichtendem Lachen untergeht. Marc Hosemann gibt Fabian als listigen Conférencier mit Frack und Zylinder. Einen Spazierstock schwingend stakst er über die Bühne und plaudert sich nonchalant um Kopf und Kragen, immer auf der Suche nach Möglichkeiten, Ausflüchten, Liebeleien. "Mesdames et messieurs - er konnte leider nicht schwimmen, c'est la vie", relativiert er.

Andreas Döhlers Fabian, in verdreckter Jogginghose und ergrautem Feinripp-Unterhemd, ist dagegen ein verdruckster, zaudernder Fabian, er kommt der Kästnerschen Romanfigur noch am nächsten. Sein aufgebracht genöltes und trotz vieler Anläufe niemals zu Ende gebrachtes "Er konnte… er konnte… er konnte leider…" ist ein erschütterndes Manifest tiefster Verzweiflung. Margarita Breitkreiz ist dagegen ein Lack-und-Leder-Fabian, eine Femme fatale mit langer Zigarettenspitze im Mundwinkel. "Er konnte leider nicht schwimmen, Schätzchen, bestellste uns nochn Schampus", flötet sie.

Müller und Madonna

Aleksandar Denic hat einen kongenialen Bretterverhau auf die Drehbühne des BE gebaut, aus dessen Inneren rund die Hälfte der Szenen per Video übertragen wird. Im ausgetüftelt verschachtelten Innenleben des Verhaus findet alles Platz, was die gigantomanische Inszenierung braucht: Eine Alt-Berliner Spelunke mit Absinth-Bar und Tanzstange. Ein vollgestelltes Studierzimmer. Ein Pariser Straßencafé. Eine Wüstenlandschaft mit Beduinenzelten und acht Kamelen. Die New Yorker Börse. Ein 16-stöckiger Prager Plattenbau. Der Kurfürstendamm. Das Tropical Islands. 

Castorf verschränkt Kant mit den Kinks, Müller mit Madonna, die Stones mit Stravinsky. Vor allem aber erweitert er den Kästner-Kosmos um das Werk von Gilles Rinbrandondry (1873 -1956). Der heute nahezu in Vergessenheit geratene provencalische Proktolinguist und Psychoparodontologe gilt als einer der einflussreichsten Denker der Pariser Meta-Decadence-Bewegung der frühen 1930er Jahre. 

Castorf räumt ihm vor allem in Stunde drei und vier viel Platz ein: Döhler zitiert hier teilweise wörtlich aus Rinbrandondrys Hauptwerk "Zahn und Zarathustra" und öffnet damit einen verblüffenden Echoraum für Kästners gesellschaftliche Bestandsaufnahme einer Gesellschaft am Vorabend der NS-Diktatur. "Der Zeit zitternd den Zahn ziehen, zapperlott", zaudert er zaghaft. 

So geht Feminismus!

Gleich nach der Pause, in Stunde sechs und sieben, vor schon deutlich ausgedünnten Reihen, macht Castorf einen längeren Exkurs zu Georg Baptist Hockelbroich, dem einflussreichen Kölner Sexualnumismatiker. Sein Essay-Film "Für bare Münze" (1968) wird in Auszügen auf den Bretterverhau projiziert. Vor allem aber ist er Ausgangspunkt für eine kritisch-postpatriarchale Studie der Nacktheit. Barbusig, wie es bei Castorf seit jeher die Regel ist, wirft Sina Martens mit Geldscheinen um sich und krakeelt einen halbstündigen Monolog aus Aktienkursen. Dabei reibt sie lasziv ihren Unterleib an den Schößen aller vier Fabianen, die ihr allesamt hündisch verfallen sind - der verführerischen Göttin einer gen Apokalypse torkelnden Inflationsspirale, kurzum: der Hure Babylon. So geht Feminismus! 

Danach hängt der Abend ein wenig durch. Knapp zwei Stunden lang wird vor allem tschechischer Wodka getrunken und Tischfußball gespielt. Irgendwann jedoch gelangt Castorf zum verblüffenden Finale: zurück ans Ufer des Flusses, in dem Fabian seinen Tod finden soll. Die vier Fabiane debattieren hochkomisch, wer von ihnen denn nun ins Wasser gehen soll. Dann treten sie mitten im Satz unvermittelt an die Rampe und der Abend ist plötzlich vorbei. Denn auch diese furiose Castorf-Premiere ist eine Feier des Unfertigen, die ganz beiläufig im Provisorium die Perfektion findet.

Wenn man dann nach diesen beglückenden neuneinhalb Stunden erschöpft, aber reich beschenkt aus dem BE in die ungewöhnlich kalte Frühlingsnacht torkelt, hat man noch immer die berühmten letzten Roman-Sätze im Ohr: "Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen." Es ist nun vollends klar: Anders als Kästners Protagonist wird dieser vielleicht größte Castorf-Abend seit Mitte der 1990er Jahre niemals ertrinken. Sein "Fabian" kann nicht nur schwimmen -  er kann fliegen.

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3 Kommentare

  1. 3.

    Lebenszeit geschenkt . Neun Stunden Bespielung durch Frank Castorf. Ich bin ihnen entgangen . Schade.
    Lieber Frank, spann dein Publikum weiter auf die Folter!Die verfallene FABIAN-Premiere ist ein würdiger Beitrag zur ERSTEN CORONALE.
    Dein alter Kommilitone Dietrich.

  2. 2.

    Hingegen hätte der Rezensent durchaus erwähnen können, wer die Vier davon abhält, ins Wasser zu gehen, nämlich Hermann Hesses Josef Knecht, der ihnen jede Menge bunter Glasperlen zur Abwehr aus dem Bergsee entgegenwirft. Und erst dann drehen sie sich, genervt, zum Publikum.

  3. 1.

    Es ist nicht ok im ersten Satz zu spoilern.

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