Swinging Hermlins (Quelle: Andrej Hermlin)
Andrej Hermlin
Audio: inforadio | 21.04.2020 | Hans Ackermann | Bild: Andrej Hermlin Download (mp3, 2 MB)

Konzertkritik | Wohnzimmerkonzerte von Andrej Hermlin - Showtime in Pankow

Seit mehr als vier Wochen ist immer um 19 Uhr "Showtime" im Haus des Berliner Jazzmusikers Andrej Hermlin: Abend für Abend präsentiert der Bandleader bei Facebook einen halbstündigen Livestream. Von Hans Ackermann

"I ain’t hep to that step but I’ll dig it": Diesen Broadway-Klassiker von Fred Astaire und Paulette Goddard singt Rachel Hermlin gleich zu Beginn des Konzerts. Dazu tanzt die erst 16 Jahre alte Sängerin mit eleganten Schritten über den hölzernen Boden des elterlichen Hauses.

"Hollywood" ist das Motto dieses Montagabends, erzählt Andrej Hermlin vor dem Konzert. "Man kann sich auch Songs wünschen. Wir gehen soweit wie möglich darauf ein und spielen diese Songs dann auch. Es ist tatsächlich wie eine halbstündige, abendliche Swing-Radiosendung."

Der amerikanische Swing, diese Musik der 30er und frühen 40er Jahre, würde ganz besonders gut auch in unsere schwere Zeit passen. Auch damals hätte die Menschheit schwere Krisen zu bewältigen gehabt und in der Musik Kraft und Trost gefunden. "In der Musik von Benny Goodmann und Tommy Dorsey steckte Hoffnung, Eleganz, Schönheit, Fröhlichkeit", sagt Andrej Hermlin. "Deswegen ist diese Musik genau die richtige Musik, auch jetzt wieder. Mir schreiben ganz viele Leute aus der ganzen Welt, aus Amerika, aus England, Italien, dass sie jeden Abend darauf warten einzuschalten und uns zu sehen und zu hören."

In der Kommentarspalte neben dem Stream herrscht auch jetzt wieder reger Betrieb. Besonders viele virtuelle Herzen schweben über den Schirm, wenn Rachel singt oder ihr Bruder David zum Mikrofon greift. Bei "You are my lucky star" zeigt Hermlins Sohn dann auch noch seine sportlichen Fähigkeiten - als Steptänzer auf einer Hartholzplatte, ausgelegt in der Mitte des etwa 50 Quadratmeter großen Musikzimmers der Hermlins.

So professionell das Event über die Bühne geht, so spontan und herzlich sind die improvisierten Zwischenmoderationen - bei denen der Bandleader ruhig etwas näher an das in der Mitte plazierte Gesangsmikrofon herantreten dürfte. Gerade wenn er dort die wichtigen Absichten des Abends erklärt: Solidarität mit in Not geratenen Musikerkollegen, denen man helfen wolle.

Wie etwa dem italienischen Klarinettisten Lorenzo, der gerade in Mailand einen schmerzlichen Verlust erlitten hat. "Lorenzo, an den wir heute denken und dem wir heute einen Teil der Einnahmen spenden, ist selber von der ganzen Situation tragisch betroffen. Seine beiden Großeltern, Anna und Giovanni, sind innerhalb von zwei Wochen beide an Corona gestorben."

Bis die Pandemie vorbei ist

Mit ihren mehr als 30 Wohnzimmerkonzerten haben die "Swingenden Hermlins" in den letzten Wochen ein eigenes Familien-Konzertformat entwickelt. Jeden Abend sind bis zu 1.500 Zuschauer aus der ganzen Welt dabei, fast 300 Kommentare stehen am Ende dieses Tages unter dem Livestream. Geschrieben von Menschen aus aller Welt, von denen einer die wohl rhetorische Frage stellt: "So viele gut gekleidete, talentierte Menschen auf einen Haufen - wo findet man das zur Zeit?"

Man findet sie in Pankow bei den "Swingin’ Hermlins", die mit ihren Konzerten weitermachen werden, versichert Hermlin, bis die Pandemie vorbei ist. Denn Musik, meint der 55 Jahre alte Pianist, sei Hoffnung und die dürfte man nicht aufgeben.

Hinweis: Wohnzimmerkonzerte der "Swingin’ Hermlin", jeden Abend um 19 Uhr bei Facebook und danach im gleichnamigen Youtube-Channel

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Beitrag von Hans Ackermann

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