Ein Man holt aus in einem Schallplattenladen eine Schallplatte aus dem Regal (Bild: imago images/Halfdark)
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Veröffentlichung von Alben - Corona schickt die Plattenindustrie in den Dornröschenschlaf

Lady Gaga, Alicia Keys, Max Giesinger - viele Künstlerinnen und Künstler verschieben wegen Corona ihre Alben. Aber: Warum verzichten Sie auf diese Einnahmequelle, wenn durch abgesagte Konzerte eh schon Verluste entstanden sind? Von Henrike Möller

Es habe sich einfach nicht richtig angefühlt, jetzt ein Album rauszubringen, erklärt Lady Gaga ihren 40 Millionen Fans auf Instagram. Unter den Kommentaren viele weinende Emojis und Unverständnis. Die spanische Indierock Band Hinds kann Lady Gagas Entscheidung nachvollziehen. Auch sie hat beschlossen, ihr für April angekündigtes Album auf Juni zu verschieben: "Wir haben zu unserem Label gesagt: Jetzt ein Album zu veröffentlichen, das wäre wie auf eine Beerdigung zu gehen und laut zu schreien 'Es ist mein Geburtstag!'." 

Plattenlabel befürchten Umsatzeinbußen

Dass es Künstlerinnen und Künstler - vor allem großen, kommerziell erfolgreichen Acts wie Lady Gaga - nur um Solidarität geht, schließt Tom Weber allerdings aus. Er ist seit 15 Jahren in der Musikbranche tätig, erst für das Major-Label Sony, inzwischen als selbstständiger Radio-Promoter: "Das ist natürlich eine Kommunikationsstrategie. Dahinter stecken ganz klar wirtschaftliche Entscheidungen." Ein entscheidender Faktor sei, dass Plattenläden momentan geschlossen hätten und Leute keine CDs kaufen könnten. "Gerade Vinyl ist im Bereich Independent sehr, sehr wichtig", sagt Weber, "Dadurch kann man schon absehen, dass nicht die Umsätze gemacht werden, die normalerweise gemacht werden können."

Tatsächlich machen physische Tonträger laut dem Bundesverband für Musikindustrie in Deutschland nach wie vor 34 Prozent des Umsatzes aus. Ein Umsatzvolumen, das unter Corona nicht ausgeschöpft werden kann, vor allem weil einer der wichtigsten Partner der Musikindustrie CDs und Vinyl momentan nicht zuverlässig ausliefert: Amazon. "Amazon priorisiert Artikel des täglichen Bedarfs vor Musik- und Entertainment-Produkten und insofern ist die Lieferkette da auch ins Stocken geraten", erklärt Anne Haffmans, Geschäftsführerin von Domino Records Deutschland, einem mittelgroßen Plattenlabel für Indie-Künstler.

Lieferengpässe wegen geschlossener Lager

Das Lieferketten-Problem reiche aber noch tiefer, sagt Haffmans: "Die ganzen Majors haben eigentlich ein großes Lager in Europa und wenn die jetzt nicht arbeiten, wie zum Beispiel das große Lager von der Sony in Frankreich, dann gibt's halt auch keine CDs, die verkauft werden. Und aus diesen Gründen ist es eben so, dass viele Leute in der Plattenindustrie Albumveröffentlichungen schieben, um sie nicht dieser Unsicherheit auszusetzen."

Der Verkauf physischer Tonträger ist aber nicht nur aus finanzieller Sicht für Labels und Kunstschaffende wichtig, sagt Haffmans: "Nur mit Umsätzen aus dem Streaming-Bereich und digitalen Downloads, ohne auch noch vielleicht 500 CDs und 800 LPs verkauft zu haben – das macht einen unglaublichen Unterschied bei der Chartposition."

Ohne Tour kein Album-Release

Tom Weber vertritt als Radiopromoter viele Newcomer und sogenannte Aufbauthemen. Chartplatzierungen sind hier weniger relevant. Trotzdem rät auch er seinen Künstlern momentan von einer Album-Veröffentlichung ab: "Wir können mit den Künstlern nicht zu Radiostationen fahren im Moment, wir können keine Promo-Reisen machen, wir kriegen sie nicht in den Markt." Die analogen Komponenten innerhalb einer Album-Marketing-Strategie seien nicht zu unterschätzen, so Weber.

Besonders wichtig: die dazugehörige Tour, die in Zeiten von Corona natürlich ebenfalls nicht stattfinden kann: "Klar kann man jetzt ein Album veröffentlichen und später auf Tour gehen, aber man muss immer beachten, dass es – gerade im populären Musikbereich – eine Art Aufmerksamkeitsfenster für Medienplatzierungen gibt." Heißt: Wenn eine Band jetzt ein Album veröffentlicht, ist das bis zur verschobenen Tour im Herbst wieder vergessen. 

Albumstau bahnt sich an

Aus diesem Grund haben auch die Wiener Electro-Pop-Newcomer Elis Noa beschlossen, ihr Debütalbum zu schieben. Für die Band keine leichte Entscheidung: "Das Schreiben von einem Album hat ja so viel Persönliches und es ist ja auch eine Entwicklung darin. Und jetzt wäre eigentlich der Zeitpunkt da, wo wir uns bereit fühlen, diese Intention und die Message nach außen zu lassen. Verschieben, fühlt sich schon komisch an..."

Stellt sich allerdings die Frage, ob Elis Noa die verdiente Aufmerksamkeit später auch wirklich bekommen werden. Denn bei so vielen Alben, die gerade verschoben werden, steuert die Musikindustrie zweifellos auf einen Albumstau zu. 

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Beitrag von Henrike Möller

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1 Kommentar

  1. 1.

    Bei Techno gibt es keinen Stau, zumindest bei den bei mir vorgemerkten Releases. :)

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