Archivbild: Impressionen von Haus der Berliner Festspiele während des Theatertreffens. (Quelle: imago images/P. Chiussi)
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Kritik | Theatertreffen virtuell - Die gestreamte Leerstelle

Am vergangenen Wochenende wäre das Berliner Theatertreffen eröffnet worden. Stattdessen wird nun gestreamt. Das ist sicher gut gemeint, macht aber vor allem schmerzlich bewusst, was wegen Corona fehlt. Von Fabian Wallmeier

 

"Hamlet" beginnt mit einem Fiepen. Es ist kurz nach 20 Uhr am Freitagabend - und hätte nicht Corona das Theaterleben für Monate stillgelegt, säße man nun im Haus der Berliner Festspiele, um diese Eröffnungsinszenierung vom Schauspielhaus Bochum zu sehen. Stattdessen startet das Theatertreffen in diesem Jahr im Internet. Die Berliner Festspiele und das Theaterportal Nachtkritik.de streamen noch bis kommenden Samstag sechs der zehn eingeladenen Inszenierungen, außerdem gibt es Chats, Nachgespräche und Panels, die sich vor allem mit Theater-Streaming befassen.

Die Kraft ist bestenfalls zu erahnen

Johan Simons' Inszenierung des Shakespeare-Klassikers macht den Anfang. Das Fiepen, mit dem "Hamlet" beginnt, würde sicherlich an den Nerven zehren, säße man jetzt tatsächlich im Parkett des Festspielhauses. Zu Hause auf der Couch irritiert es nur ganz leicht, lässt es sich leiser stellen oder überspringen. Die Kraft, mit der es einen möglicherweise in die Inszenierung hereinziehen würde, wenn man ihr im Theatersitz ganz ausgeliefert wäre, ist bestenfalls zu erahnen.

So geht es weiter. Dass Sandra Hüller als Hamlet und Gina Haller als Ophelia hier echte Gala-Vorstellungen abliefern, dass hier auf spannende Weise die Geschlechterbilder hinterfragt werden, dass die Darstellerinnen und Darsteller gelegentlich aus ihren Rollen herausschlüpfen, dass der Kontrast zwischen dem aseptischen Bühnenbild und dem tiefwühlenden Drama eine produktive Reibung erzeugt, dass manche Regie-Idee möglicherweise auch etwas bemüht ist: All das lässt sich auf dem Sofa aus sicherer Distanz analytisch vermuten, aber niemals tatsächlich erfahren.

Archivbild: Fassade vom Haus der Berliner Festspiele beim Theatertreffen. (Quelle: imago images)Haus der Berliner Festspiele

Wer führt hier eigentlich Regie?

Die Fernseh-Regie führt dabei die Zuschauenden, wählt Blickwinkel und wechselt zwischen Großaufnahme und Totalen. Das stellt gerade im Kontext des Theaters, wo man doch beim Zuschauen eigentlich selbst entscheidet, wohin man seine Aufmerksamkeit lenkt, eine unangenehme Art der Bevormundung. Sehr verständlich, dass Anne Lenk, Regisseurin der eingeladenen (und nicht online gezeigten) "Menschenfeind"-Inszenierung vom Deutschen Theater, in einem der am Wochenende gestreamten Begleit-Panels deutliche Worte fand: Sie finde es schwer zu ertragen, wenn sie Adaptionen für das Fernsehen sehe, denn die Regie-Entscheidungen, wann da etwas wie zu sehen ist, seien nicht ihre, sondern die der Fernseh-Regie.

Andererseits muss man schon froh sein, dass dieser "Hamlet" im Stream so professionell aufgenommen war - für "Anatomie eines Suizids" von Alice Birch in der Regie von Katie Mitchell lag etwa nur ein Mitschnitt der Generalprobe am Tag vor der Premiere vor. Der komplexe Text über Depression und ihre Weitergabe durch die Generationen und die nicht weniger komplexe Inszenierung, die drei Zeitebenen parallel zeigt, gehen im gleichmacherischen Streaming komplett unter. Außerdem lassen Ton- und Bildqualität deutlich zu wünschen übrig. Ich wünschte, ich hätte diesen eigentlich nur für interne Zwecke gedachten Mitschnitt nicht gesehen, sondern einfach gewartet, bis die Inszenierung wieder in Hamburg zu sehen ist.

Aufzeichnung grenzt an eine Zumutung

Überhaupt all das Streaming, das die Theater in der Corona-Krise anbieten: Man sollte eigentlich glauben, dass all diese Archivperlen, die die Theater nun für ein paar Stunden bis ein paar Tage ins Netz stellen, ein großes Glück für jeden Theaterliebhaber sind. Sind sie aber nicht.

Das wird besonders offensichtlich, wenn man den Direktvergleich anstellen kann: Anta Helena Reckes von diversen Häusern co-produzierten Abend "Die Kränkungen der Menschheit" konnte ich im Februar im HAU sehen. Zum Glück, denn die Aufzeichnung - noch bis Montag auf der Webseite der Berliner Festspiele abrufbar [berlinerfestspiele.de] - grenzt als Primärkontakt mit der Inszenierung an eine Zumutung. Reckes kurzer Abend, der auf höchst irritierende, anregende, den Zuschauer beschämende Art, Kunst-Konzepte der westlichen Mehrheitsgesellschaft offenlegt und in Frage stellt, ist eher ein Theatertableau als eine klassische Theaterinszenierung. Die Raumerfahrung und das selbstbestimmte ständige Hin- und Herschauen sind hier von besonders elementarer Bedeutung. Stattdessen folgen wir nun den wackeligen Zooms einer Kamera, die das Ganze für interne Zwecke aufzeichnet - und nicht im Entferntesten einfangen kann, was ich als Zuschauer im HAU erfahren durfte.

Zu einer verabredeten Zeit an einem verabredeten Ort

So richtig und wichtig es ist, dass die Berliner Festspiele das ausgefallene Theatertreffen nicht einfach ignorieren, so interessant auch einige der Panels sein mögen: Was als Ersatzangebot für das Theatertreffen sicher gut gemeint ist, lässt unterm Strich leider umso schmerzlicher die Leerstelle spüren, die Theaterliebhaber seit Mitte Ende März spüren. Zu einer verabredeten Zeit an einem verabredeten Ort zusammenzukommen, auf engem Raum ohne Selbstablenkungsgefahr zusammen mit den Performer*innen ein immer wieder anderes Gemeinschaftserlebnis zu produzieren: Das fehlt - und es ist durch nichts ersetzbar.

Natürlich hat Theatertreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer recht, wenn sie in ihrer kleinen Eröffnungsrede die Demokratierelevanz des Theaters beschwört. Sie sagt aber weiter: Man wolle mit dem virtuellen Theatertreffen ein Zeichen setzen. Welches Zeichen ist das? Dass das Theater noch da ist? Ist es das denn wirklich?

Ja, ist es - wenn auch anders. Nach und nach versuchen die Häuser jetzt, eigene Formate zu entwickeln, die die besonderen Vorzeichen der Corona-Krise als Ausgangspunkt nehmen. Ein prägnantes Beispiel unter vielen: Christopher Rüping, der im vergangenen Jahr noch mit "Dionysos Stadt" den großen Triumph des Theatertreffens feierte, hat am Schauspielhaus Zürich eine interaktive Online-Theater-Serie gestartet. Auf der Grundlage von Krzysztof Kieślowskis großer Fernsehserie "Dekalog" nach den zehn Geboten inszeniert er zehn Monologe, in die das Publikum aktiv eingreift: Per Voting können sie live entscheiden, was passiert.

Archivbild: Impressionen von Haus der Berliner Festspiele während des Theatertreffens. (Quelle: imago images/P. Chiussi)
Bild: imago images/P. Chiussi

Ein bisschen Gemeinschaftsgefühl im Chat

"Dekalog" ist nicht perfekt, will es auch gar nicht sein. Rüping zufolge werden die Monologe jeweils nur ein einziges Mal geprobt und dann live improvisiert. Jedes Mal gibt es kleine technische Änderungen - man hat hier die seltene Gelegenheit, einer neuen Theaterform beim Entstehen zuzuschauen. Und im Gegensatz zum 24 Stunden abrufbaren Stream reproduziert die Reihe zumindest eine Grundbedingung des Theaters: Man muss zu einer verabredeten Zeit vor dem Computer erscheinen, denn die einzelnen Folgen werden jeweils nur ein einziges Mal live gestreamt.

Ein kleines Stück des Gemeinschaftsgefühls immerhin lässt sich auch beim virtuellen Theatertreffen erleben: Nachtkritik.de lädt jeweils zu Beginn der Streaming-Periode zum Chat ein. Das funktioniert zwar nur richtig, wenn man die Inszenierung schon kennt, weil gleichzeitig konzentriert den Stream zu schauen und zu diskutieren unmöglich ist. Dann aber ist es eine spannende Form des ergänzenden Austauschs.

Am Ende hilft aber nur die Gewissheit: Die Corona-Pandemie wird zu Ende gehen. Die Theater werden wieder öffnen. Es wird wieder ein normales Theatertreffen geben. Und das Fiepen am Anfang des Bochumer "Hamlet" wird wieder ganz unmittelbar im Parkett zu hören sein.

Sendung: Inforadio, 04.05.2020

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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