Eine leere Bühne in einem Theater. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Audio: Antenne Brandenburg | 19.06.2020 | Johanna Siegemund | Bild: dpa/Britta Pedersen

Viele Bühnen noch geschlossen - Wie die kleinen Theater in Brandenburg durch die Krise kommen

Die Brandenburger Bühnen dürfen wieder bespielt werden – doch bei vielen kleinen, freien Theatern bleiben die Türen nach wie vor verschlossen. Eine Wiedereröffnung lohnt sich unter den derzeitigen Auflagen für sie nicht. Von Johanna Siegemund

Andreas Dalibor bräuchte theoretisch ein Flugzeug, um darin jetzt wieder Theater zu machen. Denn im Flugzeug könnte die "Tiefste Provinz" in Kremmen im Landkreis Oberhavel überhaupt wieder stattfinden: "Da machen wir Kurzstreckenflüge von so einer Stunde, da können die Leute enger sitzen und da haut das dann hin", scherzt Dalibor. Er scherzt, obwohl die Lage für sein Theater langsam ernst wird.

Die "Tiefste Provinz" zeichnet sich durch eine sehr familiäre Atmosphäre aus und bietet für 100 Gäste Platz. Die meisten kommen aus der 7.000-Einwohnerstadt Kremmen selbst. Durch die Corona-Abstandsregelungen wären jetzt aber nur noch 30 Gäste zugelassen: "Das heißt ich müsste jetzt 70 nach Hause schicken und ich weiß nicht, wen", sagt Dalibor.

Antrag auf finanzielle Unterstützung abgelehnt

Sein Theater finanziert sich komplett über die Einnahmen. Das hat bereits in den letzten Monaten zu finanziellen Schwierigkeiten geführt, denn die Betriebskosten mussten weiterhin bezahlt werden. "Ausgaben für nichts", wie Dalibor sagt. Die selbstständige Finanzierung der "Tiefsten Provinz" war ihm immer sehr wichtig. Ende April wagte er dann doch den Schritt, bei der Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) nach Unterstützung zu fragen.

Doch die Anfrage wurde abgelehnt: Eine Antragstellung sei nur für Unternehmen möglich, welche im Haupterwerb betrieben werden, heißt es da. Dalibor und die anderen drei Mitarbeiter arbeiten aber ehrenamtlich. Danach bleibt er ratlos, denn von der Stadt wolle er keine Förderungen annehmen, die habe größere Probleme, sagt er.

Kulturhilfe in Brandenburg: Viele Töpfe, aber nicht zukunftssichernd

Dabei gäbe es noch einige Möglichkeiten, die auch der "Tiefsten Provinz" in Kremmen helfen könnten. Das Land Brandenburg hat für Kultureinrichtungen und Künstler bereits mehrere Hilfspakete auf den Weg gebracht: Da gibt es zum einen die Mikrostipendien für freiberufliche Künstler, die so kleine Projekte mit 1.000 Euro fördern lassen können.

Zum anderen eine Hilfe speziell für Kultureinrichtungen, die sogenannte "Corona-Kulturhilfe" – ein 35 Millionen Euro schwerer Topf, der die Einnahmeausfälle von Kultureinrichtungen ausgleichen soll. Zusätzlich wird die bereits im letzten Jahr beantragte Förderung von Theatern in freier Trägerschaft trotz ausfallender Veranstaltungen weiterhin ausgezahlt.

Der Landesverband für freie Theater begrüßt das vielfältige Maßnahmenpaket, das auch schon vielen Theatern geholfen habe – obwohl diese das selbst nicht geglaubt hätten.

"Da muss ich nicht spielen"

Die Volksbühne in Michendorf im Landkreis Potsdam-Mittelmark konnte von einer Vielzahl dieser Förderungen profitieren. Sie hätten das Internet in den letzten Monaten viel durchforstet und sind so auch auf die Corona-Hilfe aufmerksam geworden – ihr Antrag wurde als einer der ersten von 15 Einrichtungen bewilligt. Das reiche aber gerade mal, um über den Sommer zu kommen, sagt Theaterleiter Steffen Löser. Sie haben auch anderweitig viel Unterstützung bekommen: Sowohl von der ILB, als auch vom Landkreis und der Stadt. Auch der Vermieter hatte sich bereit erklärt, die Miete um die Hälfte zu mindern. Das reiche, um die Ausfallentschädigungen, die Betriebskosten und die Versicherungen zu zahlen – für drei Monate.

Die Volksbühne Michendorf will eigentlich im September wieder öffnen. Doch mit den Abstandsregelungen könnten sie gerade einmal 20 Plätze besetzen. "Da muss ich nicht spielen", sagt Löser. Auch er bringt den Flugzeug-Vergleich. Die hätten die gleiche Raumgröße wie die Volksbühne.

Wie eine Operation am offenen Herzen

Es zeigt sich auf der einen Seite der Ärger über die unterschiedlichen Abstandsregelungen, auf der anderen Seite aber auch der Respekt vor der Situation. So sagt Andreas Dalibor zum Beispiel: "Ich habe eine gewisse Angst, selber nachher ein Hotspot zu sein."

Die Corona-Pandemie ist für sie alle wie eine Operation am offenen Herzen: langwierig und trotz Fortschritten nicht abzusehen, ob der Patient auch überlebt - auch für Kulturministerin Manja Schüle (SPD).

Sie weiß um die besondere Situation der kleinen und freien Theater in Brandenburg, auch im Hinblick auf die Zukunft: "Unser Programm läuft jetzt erst einmal bis zum 31. August. Ist die Situation danach weiterhin so, dass es keine Normalität geben kann im Sinne des Bevölkerungsschutzes, werden wir das Programm auch bis zum 31. Dezember verlängern." Dabei könnten Kultureinrichtungen auch mehrmals gefördert werden, wenn die wirtschaftliche Not immer noch besteht.

Ministerin Schüle hat sich selbst als großes Ziel gesetzt, "dass diese Infrastruktur, nicht dadurch irreparabel in Mitleidenschaft gezogen wird."

Für die Theater in Kremmen und Michendorf wäre das wichtig. Sie sind in ihren Gemeinden Kulturangebote, die sich die Besucher weiter wünschen. In der "Tiefsten Provinz" in Kremmen hat jedenfalls bislang nur ein Gast seine Karte für eine der verschobenen Vorstellungen zurückgegeben – auch die anderen werden wahrscheinlich warten, bis die kleine Bühne wieder in gewohnter familiärer Atmosphäre bespielt werden darf.

Sendung: Antenne Brandenburg, 18.06.2020, 17:40 Uhr

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Beitrag von Johanna Siegemund

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