Symbolbild: "Mirror and Music", Tanzstueck von Saburo Teshigawara / KARAS, beim Festival "Tanz im August" im Haus der Berliner Festspiele in Berlin, am 10. August 2012. (Quelle: dpa/Eventpress Hoensch)
Video: Abendschau | 15.02.2021 | Petra Gute | Bild: dpa/Eventpress Hoensch

Raummangel in Berliner Tanzszene - Kein Ort, nirgends?

Berlin wächst, Investoren sichern sich attraktive Lagen. Die vielfältige und große freie Tanzszene findet kaum noch Räume. Ausgerechnet eine gut gemeinte Idee zur Unterstützung in der Pandemie hat die Lage nicht besser gemacht. Von Anna Pataczek

Die Tanzfabrik Berlin ist nur ein Ort von vielen, an denen getanzt wird in der Stadt. Aber er ist durchaus exemplarisch für die Lage vieler Produktions- und Spielstätten. Gegründet 1978 in einer ehemaligen Lampenfabrik in Kreuzberg ist dieser Ort ein Urgestein der freien Tanzszene – mit mittlerweile zwei Standorten. Seit einigen Jahren nutzt die Tanzfabrik auch die Uferstudios in Wedding.

Denn während dieses traditionsreiche Zentrum für zeitgenössischen Tanz das Alte geblieben ist, hat sich der Möckernkiez drumherum gewandelt. "Die Nachbarschaft hat sich sehr verändert", sagt Jacopo Lanteri vom Leitungsteam der Tanzfabrik. Und das heißt: Vorstellungen nach 21 Uhr und an Sonntagen sind kaum mehr möglich. Lanteri hat durchaus Verständnis für das Ruhebedürfnis der Anwohner. Das Problem sei ein anderes. "Es gibt keine anderen Orte mehr in der Stadt, wo sollen wir hin?" Umziehen sei also keine Alternative, so der gebürtige Italiener.

Stau im Studio

Dass der Platz in der Stadt knapp ist, macht nun die Pandemie umso deutlicher. Paradoxerweise hat gerade die Corona-Finanzspritze des Bundes zur Unterstützung der Kultur die Lage verschärft: Es winkte Geld für neue Projekte, viele Künstlerinnen und Künstler haben sich beworben und erhielten Förderung für einzelnen Projekte. Aber es fehlen die Probensäle, diese nun zu realisieren. "Ich war fast sprachlos", sagt Lanteri, "es gab Geld, aber wir hatten keine Räume mehr frei." So musste der Tanz-Dramaturg und Kurator einige vertrösten. "Die Projekte stauen sich jetzt." Zu den Projekten, die aufgrund der Pandemie verschoben werden mussten, gesellen sich nun die neu geplanten, die eigentlich zu einem "Neustart" der Kultur führen sollen.

Laut Tanzbüro Berlin, der zentralen Vernetzungsstelle für die Berliner Tanzszene, leben rund 2400 Tanzschaffende in der Stadt. Abgesehen vom Staatsballett gehören sie nahezu ausschließlich zur freien Szene und geben etwa 1400 Vorstellungen pro Jahr, auf 30 Bühnen dezentral über die Stadt verteilt. Seit vielen Jahren gibt es daher die Idee, ein eigenes Haus für den Tanz in Berlin zu schaffen.

Langsam gewinnt das Projekt an Fahrt, nachdrücklich empfohlen von einem Runden Tisch Tanz, der die Bedürfnisse der Choreografen, Tänzerinnen und Performer der Stadt in einem aufwändigen Beteiligungsverfahren zusammengetragen hat. Erst kürzlich endete die Ausschreibung der Senatskulturverwaltung für erste Konzeptideen.

Wäre ein Tanzhaus die Lösung?

"Ich glaube, ein solcher Ort ist deshalb für Berlin so wichtig“, sagt Nele Hertling, Vizepräsidentin der Akademie der Künste und seit Jahrzehnten unermüdliche Förderin des Tanzes, „weil diese Kunstform nicht nur in Berlin, sondern deutschlandweit in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch ein Stiefkind ist."

Das schlägt sich auch in Zahlen nieder. Die gesamte Sparte Tanz habe in der Stadt bislang pro Jahr an Budget so viel wie ein einzelnes privates Sprechtheater erhalten, so das Tanzbüro Berlin, das als Vergleich die Schaubühne heranzieht: 15,3 Millionen Euro pro Jahr (Haushalt 2015-2017), wobei allein 7,2 Millionen Euro auf das Staatsballett entfielen.

Ein zentraler Ort in der Mitte der Stadt würde der Tanzszene einen "Push geben", glaubt Nele Hertling, die sie selbst immer wieder für eine feste Tanz-Adresse in Berlin eingesetzt hat. Und auch darüber hinaus, könnte solch eine feste Institution internationale Signalwirkung haben. Auch Jacopo Lanteri von der Tanzfabrik begrüßt ein Tanzhaus. Dennoch glaubt er nicht, dass ein Tanzhaus allein, wie immer es auch aussehen möge, den Platzmangel für die Künstlerinnen und Künstler beheben würde. "Das wäre wahrscheinlich auch noch zu klein."

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Beitrag von Anna Pataczek

1 Kommentar

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  1. 1.

    Ich finde eigentlich die dezentrale Verteilung gut. Es muss doch nicht alles in der City stattfinden. Bringt Kultur dorthin, wo die Menschen sind und macht durch kulturelle Angebote auch die Außenbezirke attraktiver.

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